Konzert in Stuttgart „Den Rest kennt ihr ja“: So war’s bei Drangsal im Wizemann

Max Gruber aka Drangsal am Donnerstagabend im Wizemann Foto: Lichtgut/Ferdinando Iannone

Willkommen in der kunterbunten ADHS-Pop Welt des Max Gruber! Eindrücke vom Drangsal-Konzert am Donnerstag im WIzemann-Club in Stuttgart.

Freizeit & Unterhaltung : Gunther Reinhardt (gun)

Max Gruber schaut rüber zu seinem Gitarristen: „Kannst du’s noch?“, fragt er. Der nickt und spielt nach kurzem Zögern eine verschnörkelte Akkordfolge. Gruber, der sich und seine Band auf der Bühne Drangsal nennt, singt: „Uh Baby, ich weiß doch gar nicht, wer ich bin!“ Doch gerade als man hineingefunden hat, in den Song, der „Escape Fantasy“ heißt, bricht dieser auch schon wieder ab: „Den Rest kennt ihr ja.“

 

Drangsal-Wunschkonzert

Wie befinden uns im Mittelteil des Konzerts von Drangsal am Donnerstag im Wizemann-Club, und Gruber spielt gerade Songs auf Zuruf. Einige der Stücke die sich Menschen im Publikum wünschen, spielt er mit seiner Band kurz an, zum Beispiel den zarten Walzer „Ich hab von der Musik geträumt“. Nur wenn jemand einen Titel von dem Album „Harieschaim“ fordert, schüttelt er den Kopf und vertröstet das Publikum auf 2026: Nächstes Jahr wird sein Debüt zehn Jahre alt, und er plant eine Tour in der er dann alle Songs der Platte, mit er 2016 Deutschlands Indiepop-Landschaft neu ordnete.

Der Satz „Ich weiß doch gar nicht, wer ich bin“ beschreibt eigentlich auch sehr gut die Welt, die Max Gruber da vor rund 200 Besucherinnen und Besuchern ausbreitet. Wer im Juni beim Maifeld Derby in Mannheim die Drangsal-Show gesehen hat, glaubt diesmal einen ganz anderen Menschen zu erleben. Während Synthesizer eine brummend-summende Soundlandschaft entstehen lassen, bei dem Kraftwerk auf Vangelis zu treffen scheinen, kommt er im goldgelben Trainingsanzug und mit glattrasiertem Kopf auf die Bühne, spielt dann, wenn der Beat endlich einsetzt, das Lied „Die satanischen Fersen“ von seinem aktuellen Album mit dem verqueren Titel „Aus keiner meiner Brücken die in Asche liegen ist je ein Phönix emporgestiegen“.

Punky, funky, poppig

In den anderthalb Stunden, die das Konzert am Donnerstag dauert, wird Gruber – zumindest musikalisch – immer wieder ein anderer werden: Der ADHS-Popabend beginnt mit Punkrock-infiziertem, wild twistenden Pop, bei dem man sich auch mal an Die Ärzte erinnert fühlen darf („Will ich nur dich“, „Schnuckel“). Zwischendurch gibt es aber auch Progrock-Reminiszenzen („Bergab“) und kleine Grunge-Ausflüge („Funke & Benzin“), Gruber inszeniert großartiges Balladenpathos („Die Bestie mit dem brennden Schweif“), und manchmal wird es auch richtig funky („Pervert the Source“). „Urlaub von mir“ verwandelt sich kurz in „Africa“ von Toto, und im Zugabenteil singt er zusammen mit Finn Ronsdorf, der fürs Vorprogramm zuständig war, eine wunderschöne Version von Sean Kingstons „Beautiful Girls“.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Konzert kritik