Konzert in Stuttgart Der Mann, der Frank Noppers Job will: So war’s bei Julian Knoth im Merlin

Julian Knoth beim Auftritt am Samstagabend im Merlin Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Julian Knoth von der Band Die Nerven gibt ein großartiges Konzert im Stuttgarter Merlin, singt von Depression und Resilienz und bringt ein Streichertrio mit auf die Bühne.

Freizeit & Unterhaltung : Gunther Reinhardt (gun)

Irgendwann an diesem Abend verwandelt sich Julian Knoth in einen schrulligen Alleinunterhalter: zu einem herrlich trashigen Discofox-Beat deutscht er Timmy Thomas’ „Why Can’t We Live Together?“ aus dem Jahr 1972 ein und macht daraus eine schüchterne Hymne, die für Diversität und Toleranz wirbt.

 

Als die Discokugel sich allerdings zunächst nicht wie geplant glitzernd im Kreis drehen will, äußert Knoth einen Verdacht: „Die hat bestimmt Frank Nopper im Rahmen der Kürzungen im Kulturhaushalt eingespart“, sagt er und verspricht: „Wenn ich mal Bürgermeister bin, passiert so etwas nicht!“

Filiganes Meisterwerk: Julian Knoths Album „Unsichtbares Meer“

Und tatsächlich ist man sich nach diesem Samstagabend im überfüllten Merlin sicher, dass dieser Mann alles kann – auch Bürgermeister. Knoth, den man bisher vor allem als Bassisten und Sänger der Band Die Nerven kennt, hat hier ein betörend-intimes Konzert gegeben. Begleitet vom Trio Abstrich – Johannes Mirwald (Geige), Charlotte Oelschlegel (Bratsche), Louise Engel (Cello) – und Seb Urquell am Keyboard inszeniert er Songs seines Soloalbums „Unsichtbares Meer“ als filigrane Meisterwerke, die live noch intensiver wirken als auf Platte.

Der Song „Ohne Namen“ etwa wird zu einem psychedelischen Boogie, bei dem Knoth die Gitarre beiseite legt und sich ganz auf die Streichergrooves und ein „Riders in the Storm“-Gedächtnis-E-Klavier verlässt, sein Innerstes nach außen kehrt, mal flüstert, mal schreit. Man merkt seinen Songs an, dass ihr Ausgangspunkt die Coronazeit war. Immer wieder erzählen sie vom Zurückgeworfensein auf sich selbst. „Als ich damals anfing, zur Akustikgitarre zu schreiben, wollte ich eigentlich ein Countryalbum machen“, behauptet Knoth am Samstag. Stattdessen hat er Songs komponiert, die nach Indie-Folk und Kammerpop klingen.

Julian Knoth wird bei seiner Tour von einem Streichertrio begleitet: Rechts im Bild Charlotte Oelschlegel an der Bratsche. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Lieder über Einsamkeit, Kraftlosigkeit und Depression

Seb Urquells Streicherarrangements verfeinern grandios Knoths Stücke wie „Kein Lied“, „Der Regen“ oder „Hinterhof der Welt“, in denen er die Niedergeschlagenheit protokolliert, über Einsamkeit und Kraftlosigkeit, Depression und Resilienz singt, darüber, wie es sich anfühlt, wenn man nicht mehr weiß, wie es weitergehen soll. Und im Merlin klingen die Streicher-Intermezzi immer ein bisschen nach Requiem, nach der Trauermusik für einen Menschen, der zwar lebt, sich aber leblos fühlt. Wie das Album endet das Konzert dennoch hoffnungsvoll – mit dem zartbitteren Song „Nie wieder allein“, der zu einem sanft-trotzigen Mantra wird: „Wir werden nie mehr einsam sein und nie wieder allein!“

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