Konzert in Stuttgart Entwaffnend: So war’s bei Patti Smith auf der Freilichtbühne Killesberg

Patti Smith bei ihrem Auftritt in Stuttgart Foto: Lichtgut/Ferdinando Iannone

Patti Smith und ihre Band sind am Mittwochabend in Stuttgart aufgetreten. Kritik, Fotos und Setlist von einem intensiven Konzert auf dem Killesberg.

Auf Youtube steht ein wackeliges Video von zweifelhafter Klangqualität: Jemand hat Patti Smith gefilmt, als sie vor 30 Jahren mit Bob Dylan in Philadelphia sein kleines großes Lied „Dark Eyes“ im Duett gesungen hat. All ihre Herbheit verwandelte sich dabei in unverstellte Hingabe.

 

Wer dieses Video gesehen hat, kann gut verstehen, weshalb Patti Smith 19 Jahre später in Stockholm ihren Auftritt weinend unterbrechen musste, als sie an Dylans Stelle seine Hymne „A Hard Rain‘s A-Gonna Fall“ sang, weil der frisch gebackene Literatur-Nobelpreisträger die Verleihungszeremonie schwänzte. Und wer dieses Video einer von Gefühlen überwältigten Künstlerin gesehen hat, der versteht vielleicht noch besser, was Patti Smith, 78 Jahre alt mittlerweile, Anfang Juli 2025 dazu bewegt, in der Mitte ihres phänomenalen Konzerts auf der Freilichtbühne Killesberg Bob Dylans Song „Man In the Long Black Coat“ mit beschwörend phrasierter Brüchigkeit in der Stimme und der schwer grollenden Gitarre ihres Sohnes Jackson Smith auszustatten: Diese hinreißende Version kündet von Liebe – zu Dylan, natürlich, und auch zum Leben an sich. Gleich darauf erzählt sie vom Überlebenskampf toter Dichter in Stuttgart: „Arthur Rimbaud ist auf euren Straßen gegangen und hat einen Job gesucht.“

Die Verehrung gerät der Sängerin im weißen Schlabber-T-Shirt in Stuttgart ebenso wenig zur bloßen Pose wie ihr lässig auf der Monitorbox geparkter Fuß im Doc-Martens-Stiefel: Patti Smith, die vom schnippisch im Gegentakt groovenden Opener „Redondo Beach“ an auch ihre alten Songs mittlerweile deutlicher artikuliert als etwa in den in vielerlei Hinsicht verwaschenen Siebzigerjahren, erweckt in Stuttgart zu schön schrammeliger Rockmusik den Eindruck gut gegerbter Echtheit.

Dazu gehören bei der aktivistisch aktiven Chicagoerin echte Empörung und tief empfundenes Mitgefühl. In Stuttgart bekundet sie per Gedicht Sympathie für den Dalai Lama und mit einer treibenden Version ihres „Ghost Dance“ Solidarität mit den Ureinwohnern Amerikas. Sie bezieht Stellung gegen Umweltzerstörung in ihrem Heimatland und gegen Israels Krieg im Gazastreifen: Ihr an diesem Abend besonders eindringlich gesungenes Lied „Peaceable Kingdom“ widmet sie der Pro-Palästina-Aktivistin Rachel Corrie, die 2003 bei einer Hauszerstörung der israelischen Armee im Gazastreifen ums Leben kam. Als daraufhin „Free, free Palestine!“-Rufe aus dem Stuttgarter Publikum erschallen, macht Patti Smith nach einem Augenblick des Innehaltens deutlich, dass sie sich – ähnlich wie ihr Lehrmeister Bob Dylan – bei all ihrem Engagement nicht vereinnahmen lassen möchte: „Free everybody!“ ruft sie den 3000 Zuschauern auf dem Killesberg entgegen. Wann und in welcher Weise auf ihrer Bühne welches Anliegen vertreten wird, bestimmt allein Patti Smith.

Patti Smith und ihre Band auf dem Killesberg Foto: Lichtgut/Ferdinando Iannone

Von ihrer ganz persönlichen Ein-Frau-Befreiungsbewegung handelt das Konzert dieser Sängerin, die nicht mehr gut zu Fuß ist, aber dennoch eindreiviertel Stunden lang steht – abzüglich eines Rückzugs-Päuschens, das sie ihrer Band, dem Patti Smith Quartet, zur rein instrumentalen Hommage an Sly Stone überlässt. Als sie auf die Bühne zurückkehrt, erklärt sie ihre leichte Verspätung so entwaffnend mit Erzählungen über Schokoriegel-Labyrinthe im Backstage-Bereich, wie sie textliche Unsicherheiten in zwei Songs mit dem Wetter begründet: „Wenn es wirklich heiß ist, mache ich viele Fehler.“

Doch Patti Smith geraten Fehler zu Sympathiemagneten, während sie intelligentes Entertainment mit gerade so viel Subversivität (und einer Prise Esoterik) auflädt, dass die Mischung auch für bürgerliche Vertreter von Kommunal- und Landespolitik im Publikum tanzbar bleibt. Dieses Kunststück gelingt ihr einerseits mit offenbar authentischer Freude – beispielsweise darüber, dass ihr einziger großer Hit „Because the Night“ immer noch besonders euphorisch bejubelt wird. Andererseits beherrscht sie einfach ihre Kunst: Auf die Idee, einen Song mit der Zeile „Pissing in a river watching it rise“ zu beginnen, musste vor 50 Jahren erst mal jemand kommen. Und wie es Patti Smith in „My Blakean Year“ gelingt, mit fein nuancierten Dehnungen und Verzögerungen ihre brüchigen Worte zum Tröpfeln zu bringen, ist meisterhaft.

Im Stadium der Freiheit

Doch sie beherrscht vielerlei Extreme: Die Not, den Schmerz und die Gnade vermag Patti Smith in langen Ansagen ebenso triftig zu artikulieren wie im aussichtslosen Kampf ihrer Akustikklampfe gegen das Gitarrenarsenal ihres Sohnes oder in Liedern, deren Vielschichtigkeit sich oft erst auf den zweiten Blick offenbart. Mit einem simplen, aber gut geübten Gesangstrick gelingt ihr bei Bedarf ein ähnlich intensiver Effekt.

Ein derart ruinöser Talentwettbewerb mit sich selbst hat bei nicht wenigen ihrer Rockstar-Kollegen ein frühes Ende eingeläutet. Patti Smith hingegen scheint sich damit tatsächlich in jenes Stadium beflügelt zu haben, das man gemeinhin Freiheit nennt.

Patti Smiths Setlist in Stuttgart

1. Redondo Beach

2. Ghost Dance

3. A Poem For the Dalai Lama (Gedicht)

4. 1959

5. Transcendal Blues

6. My Blakean Year

7. Man In the Long Black Coat

8. Sly Stone Cover (nur die Band)

9. Dancing Barefoot

10. Beneath the Southern Cross

11. Peaceable Kingdom

12. Pissing In the River

13. Because the Night

14. People Have the Power

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