„Jahrelang wurden wir gefragt, wann wir ein zweites Valentyne Suite schreiben würden“. Mit diesen Worten kündigt Clem Clempson, Gitarrist der Band, das fünfte Stück an diesem Freitagabend an. Colosseum, die grandiose britische Band, die es nach ihrer Gründung 1968 zunächst nur drei Jahre gegeben hatte, und die sich erst Mitte der Neunziger wieder geformt hatte, hatte sich mit dem Instrumentalstück „Valentyne Suite“ vom gleichnamigen Album 1969 selbst ein Denkmal gesetzt.
Im Rahmen der Jazz Tage trat das Sextett nun im seit Wochen ausverkauften T2 Saal im Stuttgarter Theaterhaus auf, wo sie auf ihrer „Out Into the Fields“-Tour auch ihr neues Album „XI“ vorstellen. Darauf findet sich auch die „English Garden Suite“. Das Werk ist mit seinen knapp neun Minuten halb so lang wie das besagte Vorbild „Valentyne Suite“. Das Stück fängt sanft melodisch an, erinnert wahrhaft an die Idylle eines Englischen Gartens. Die Intensität der Melodie steigert sich allmählich, Gitarre, Bass, Klavierklänge und das Schlagzeug bekommen im Verlauf immer mehr Raum. Schließlich hat das Saxofon ein Solo. Jedes Instrument kommt zur Geltung. Im Vergleich zur „Valentyne Suite“ ist es allerdings durchgehend weicher, weniger jazzig.
Lost Angeles: „Was für ein grandioser Song“.
Neben den neuesten Songs spielen die Musiker natürlich auch die ihren Fans vertrauten Klassiker. „Lost Angeles, ein sehr alter Song“, bemerkt Farlowe über das Stück aus dem Jahr 1969 und fügt hinzu: „Was für ein grandioser Song“. Bei dem Lied fliegen die Finger des Pianisten Nick Steed über die Tasten und zaubern spannungsgeladene Klänge hervor. Der Sänger Chris Farlowe, Gitarrist Clem Clempson und der Bassist Mark Clarke gehören zu den Musikern der ersten Generation der Band, kennen die komplexen Songs noch aus Colosseums Anfangszeiten. Der Schlagzeuger Malcom Mortimore, am Klavier Nick Steed und der Saxofonist Kim Nishikawara stießen nach dem Tod Jon Hisemans und Dick Heckstall-Smiths sowie dem Rückzug von Dave Greenslade zur Band dazu.
Auch wenn das neue Album sich weniger jazzig anhört, sind Colosseum sich treu geblieben. Colosseum waren anfangs eine Fusion-Band: Jazz, Rock und nach dem Dazustoßen des grandiosen Sängers Chris Farlowe kam auch Soul dazu. Und wie im Jazz üblich, bekommen natürlich immer noch alle ausgiebige Soli und Farlowe gibt sein Scat-Singing zum Besten. Den meisten Raum für seine musikalische Virtuosität bekommt allerdings der grandiose Gitarrist Clem Clempson.
Musikalisches Feuerwerk
Als Clempson seine Gitarre wechseln will, übergibt er die Anmoderation des folgenden Songs an den Bassisten Mark Clarke. „Der nächste Song ist über das auf Reisen sein“, beginnt er und schweift ein wenig ab: „Es ist alles über das auf Reisen sein, seit fast 60 Jahren schon“, stellt er fest und spielt damit darauf an, wie lange es die Band schon gibt. Es folgt „Gipsy“, auch ein neues Stück der Band. Ebenfalls zu den Songs vom neuen Album gehört „Ain’t Gonna Moan No More“. Farlowe erzählt im Theaterhaus davon, dass Van Morrison ihnen den Song überlassen hätte. „Das passiert eigentlich nie“, bemerkt er.
Es ist ein kurzweiliges Konzert mit sechs fantastischen Musikern, die mit Colosseum Geschichte geschrieben haben. Fast jeder Song der Band endet mit einem fulminanten Höhepunkt. Mal sind es Clempson und Mortimore, mal Clempson, Steed und Clarke mal Clempson, Mortimore und Nishikawara, die ein musikalisches Feuerwerk entfachen. Zwischendrin scherzen sie miteinander: Clempson will Farlowe singend antworten. Dieser antwortet ihm er sei der Gitarrist. Der mittlerweile 84-jährige Chris Farlowe kann sich einen Witz auf seine eigenen Kosten nicht verkneifen, als er sagt, er sei der Jüngste in der Band, im Wissen es ist genau umgekehrt. Nach knapp zwei Stunden schließlich endet das Konzert mit einer Zugabe „Theme for an Imaginary Western“, ebenfalls ein Klassiker.
Als der 2018 gestorbene Jon Hiseman die Band Ende der Sechziger gründete, muss der Name, den er wählte, prophetisch gewesen sein. Colosseum sind nach 57 Jahren immer noch da und machen den Eindruck, dass es sie noch lange geben wird.