Konzert in Stuttgart Marschmusik als Yoga des kleinen Mannes

Super Outfit und starke Choreografie bei der Musikparade Foto: Horst Rudel
Super Outfit und starke Choreografie bei der Musikparade Foto: Horst Rudel

Scheinwerfer, eine rötlich illuminierte Schlossfassade und ein ­Pärchen im Superman-Outfit: die internationale Musikparade der Militär- und Blasmusik präsentierte sich wie eine Mischung aus Starwars-Soundtrack, Holiday on Ice ohne Eis und Modenschau der Uniformen.

Wochenendbeilage : Ingmar Volkmann (ivo)
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Stuttgart - Suchscheinwerfer, eine rötlich illuminierte Schlossfassade auf Leinwand, vor der Flammen lodern und ein ­Pärchen im Superman-Outfit, das Hebefiguren präsentiert: die internationale Musikparade der Militär- und Blasmusik präsentiert sich in gleich zwei dreistündigen Shows am Sonntag in der Porsche-Arena wie eine Mischung aus Starwars-Soundtrack, Holiday on Ice ohne Eis und Modenschau der extravaganten Ausgeh- und Paradeuniformen.

Nach der Eröffnung durch das Nationenorchester folgt ein Medley der besten Melodien von Udo Jürgens, umrahmt von rund 50 Fahnenschwenkern. „17 Jahr’, blondes Haar, mit 66 ist noch lang noch nicht Schluss, aber bitte mit Sahne“, wird wie aus einem Guss und dabei auch noch choreografisch anspruchsvoll vorgetragen: Das Orchester macht elegante Schritte zur Seite, so dass die Fahnenträger durch die Reihen der Musiker hindurchmarschieren können. Dagegen war die Echo-Verleihung ein lahmer Gänsemarsch.

Als um kurz vor 15 Uhr das Udo-Jürgens-Medley mit einer schmissig-jazzigen Variante von „Griechischer Wein“ ausklingt, bewegt sich das Publikum bereits in Richtung Ekstase. Wird in der fast ausverkauften Porsche-Arena etwa schon am Nachmittag geschunkelt? Ja, es wird, und zwar munter. Auf der nach oben offenen Mitklatschskala liegen wir bereits bei 8,7. Der erste Abgang des Orchesters erfolgt nach einer weiteren komplizierten Choreografie. Besonderen Einsatz zeigt dabei der Beckenspieler, der sein Becken nach dem Schlagen in einem gefährlich aussehenden Manöver nach oben gleiten lässt.

So gestrig die Idee einer Marschmusiktournee klingen mag, so modern präsentiert sich die Veranstaltung im Internet: Bei Facebook kann man Fan werden (facebook.com/musikparade), die neue CD wird unter anderem mit dem Bonus-Track „Alte Kameraden“ beworben und die Zeitschrift „Marsch-Echo“ lädt sich der geneigte Anhänger lässig herunter.

Die erfolgreichste Tournee Europas

Die Musikparade – laut Veranstalter Europas erfolgreichste Tournee der Militär- und Blasmusik – gastierte im ersten Quartal 2013 in 30 Städten, darunter sind so klangvolle Namen wie Quakenbrück, Bielefeld und eben Stuttgart. Moderiert wird das exotische Spektakel von Björn Gehrmann, der zwischen den Auftritten der zivilen wie militärischen Orchester Witzchen reißt: „Feldmarschall Josef Wenzel Graf Radetzky, dem der gleichnamige Radetzkymarsch gewidmet wurde, ist 1887 in den Ruhestand gegangen. Wie, den kennen Sie? Ja wie alt sind Sie denn?“

Nach dem Feuerwerk der Moderatoren-Scherze wird „Adest Musica“ aus den Niederlanden mit einer Traumschiff-artigen Knallfroschkanone begrüßt. Das Orchester legt eine eindrucksvolle Beinarbeit aufs Parkett, spielt im Rückwärts- und Seitwärtslaufen und sieht dabei aus wie eine elegante musikalische Ameisenstraße.

Bei jedem Orchestereinsatz mit dabei: der mobile Dirigententhron, von dem aus der jeweilige musikalische Leiter mittels flüssiger Handarbeit die Seinen steuert. Nach getaner Arbeit wird dem Publikum salutiert. Was man halt so macht nach einem erfolgreich vorgetragenen Märschle.

15:20 Uhr: Einmarsch der Dudelsackspieler. Die Mitklatschskala erreicht 9,3. Acht schottisch verkleidete Tänzerinnen zücken abwechselnd Braveheart-Gedächtnisschwerter oder führen einen hübsch anzusehenden Fruchtbarkeitstanz auf. Das Dutch-Pipes-and-Drums-Ensemble – stilecht im Schottenrock, nur die Rhythmusfraktion trägt zeitloses Bärenfell – verlässt mit einer unglaublichen Dudelsackversion von „Muss i denn zum Städtele hinaus“ die Halle. Die Klatschskala durchbricht die 9,9-Marke. Die Porsche-Arena vibriert von einem begeisterten Kollektivsummen auf den Zuschauerrängen, das kurz ins Meditative kippt. Magischer wird dieser Sonntag nicht mehr: Marschmusik ist das Yoga des kleinen Mannes.




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