Konzert in Stuttgart Rasant grimmig: So war’s bei The Dead South auf dem Killesberg

Heiserkeit bei Bedarf: Nathaniel Hilts von der Band The Dead South auf der Freilichtbühne Killesberg. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Die kanadische Band The Dead South ist am Freitagabend auf der Freilichtbühne Killesberg aufgetreten. Kritik und Fotos von einem energischen Konzert.

Als Sarah Zimmermann vom Gitarrenduo Striking Matches ein irrwitziges Solo aus ihren Saiten rupft, lässt im Publikum jemand Seifenblasen gen Himmel steigen. Ein derartiges womöglich sanft poetisch gemeintes Statement bleibt auf der Freilichtbühne Killesberg an diesem Abend der Feier der Vorgruppe vorbehalten. Der handfeste Bluegrass des Hauptacts hätte als Begeisterungsbekundung eher nach Pistolenschüssen mit scharfer Munition Richtung Wolkendecke verlangt. Aber die sind Gott sei Dank verboten.

 

Die 2012 in Kanada gegründete Band The Dead South nämlich präsentiert auch in Stuttgart Bluegrass mit Punk-Attitüde und ebenso Whiskey-durstigen wie liebeshungrigen Songtexten, die wirken, als hätte sich Nick Cave in berauschtem Zustand mit Bluttinte über den Heavy-Metal-Kanon hergemacht und die beschworenen Kämpfe in den Wilden Westen verlegt. Mit Hüten, Hosenträgern, Haaren und Bärten widmet sich das saitenstrotzende Quartett dem Bluegrass in ähnlich mehrfachbödiger Weise, wie Guildo Horn einst Schlager interpretiert hat. Dass die archaisch anmutende Volksmusik-Variante amerikanischer Hillbillys dem Publikum auch in Europa gefällt, wird von The Dead South nicht nur billigend in Kauf genommen, sondern mit rasanter Virtuosität befeuert. Der Legende nach haben die einst in einer Grungeband beheimateten Musiker extra Mandoline und Banjo gelernt, um glaubhaft mitspielen zu können.

Das hibbelige Banjo zupft behände Colton Crawford, vor dem auch eine meistens unbenutzte Kickdrum steht. Bei manchen Songs allerdings tritt Crawford viermal pro Takt auf das entsprechende Pedal, das ein treibendes Stampfen auslöst. Für das dazugehörige Humptata ist Danny Kenyon am Cello zuständig, während Scott Pringle mit seiner Mandoline das Tempo verschärft. Nathaniel Hilts schließlich verleiht Songs wie „Travellin‘ Man“, zu denen man ausgelassen tanzen kann, ihre grimmige Dringlichkeit: Der Gitarre spielende Sänger kann seine durchdringende Stimme bei Bedarf auf so heiser stellen, als hätte er ein paar der Messer, von denen er singt, verschluckt. Der versiert überdrehte Harmoniegesang seiner Kollegen deutet jedoch an, dass sich auf dem Killesberg niemand fürchten muss, auch wenn sich die Band in bewährter Outlaw-Manier heimatlos entschlossen gibt: „Well I don’t know where I belong but I know just what I like“, heißt es in diesem Lied.

Saitenstrotzend: The Dead South in Stuttgart Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

„Travellin‘ Man“ spielt The Dead South kurz vor dem Ende eines energischen 100-minütigen Konzerts, das die Band mit ihrem nicht minder beängstigenden Song „Snake Man Pt. 2“ begonnen hat. Dazwischen viel Schnelles wie den Youtube-Hit „In Hell I’ll Be In Good Company“, dessen gepfiffenes Intro in Stuttgart bejubelt wird, und manchmal auch getragene Nummern, die sich Zeit nehmen, die engagiert orchestrierte Ausweglosigkeit auszukosten, wie „Broken Cowboy“.

Ob es in Ordnung sei, diesen Song zu spielen, der fünf, sechs oder sieben Minuten dauern könne, fragt Nathaniel Hilts auf dem Killesberg. Und vor den Zugaben mutmaßt er, die 2500 Zuschauer würden nun endlich Bier trinken wollen, statt weiterhin der Musik alter Männer lauschen zu müssen. Die tanzbare Ironie von The Dead South sucht sich trotz aller Messerstecher-Metaphern nur ein Opfer – die Band selbst. Ein Spaß.

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