Konzert in Stuttgart So war’s bei Milow im Wizemann

Mit altersloser Lässigkeit schlägt Milow sein Publikum in Bann. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Der smarte Belgier mit den Radio-Hits kann Stuttgarts Konzerthallen am Geruch unterscheiden.

Vor 17 Jahren gab es kein Entkommen: Milow war der Star der regionalen Radiosender. Er flehte in den Hitparaden ein unbekanntes Gegenüber an, das digitale Spielzeug doch zur Seite zu legen und endlich physisch in Erscheinung zu treten.

 

Den Hit „Ayo Technologie“ hatte er sich geborgt vom Rapper 50 Cent und, in Deutschland, erfolgreicher gemacht als das Original: Ein leichtes, ironisches Klagelied des Digitalzeitalters, das eher noch an Aktualität gewonnen hat, obwohl es heute sicher weniger Menschen gibt, die bereit wären auf ihr Smartphone zu verzichten, als 2008. Milow indes hofft am Mittwochabend im Wizemann, eines Tages werde er mit 50 Cent auf einer Bühne stehen und beide würden den Song gemeinsam vortragen, händchenhaltend.

Unverwüstlicher Elan

Man könnte Milow, eigentlich Jonathan Vandenbroek, geboren 1981 in Antwerpen, für eine Art Two-Hit-Wonder halten, denn ehe er mit „Ayo Technology“ die Hitparaden stürmte, lieferte er mit „You don’t know“ einen anderen Hit ab, den jener immer noch im Ohr hat. Tatsächlich erreichte der Songwriter, der 2004 zum ersten Mal bei einem belgischen Musikerwettbewerb in Erscheinung trat, die Charts-Platzierungen seiner frühen Jahre nie wieder. Aber Milow besitzt unverwüstlichen Elan und es gelingt ihm heute, auch ein Publikum anzusprechen, das zur Zeit seiner großen Erfolge vielleicht noch nicht geboren war.

Er trat oft auf in Stuttgart, seither, spielte in der randvollen Liederhalle, spielte im randvollen LKA. Von dort musste sein Auftritt nun ins kleinere Wizemann verlegt werden, wo aber doch 700 Fans seinen Liedern lauschen und zu ihnen tanzen. Milow glaubt im Übrigen, alle Stuttgarter Konzertsäle, in denen er schon auftrat, am Geruch unterscheiden zu können.

Flair der Spontaneität

Dass er gealtert ist merkt ihm nicht an – er ist noch immer der schlanke Belgier mit Glatze, der mit dynamischer Lässigkeit alle für sich gewinnt. Und obschon Milows Songs immer in lebhaft flotte Refrains münden, die zum Mitsingen einladen, besitzen sie genügend Eigenständigkeit, um im Gedächtnis zu bleiben. Viele von ihnen könnte man augenblicklich für Songwriter-Oldies aus dem Mainstream der 1970er Jahre halten, setzte nicht früher oder später Milows Band ein, mit einem Beat, der ins neue Jahrtausend gehört und auf Tanzbarkeit ausgerichtet ist.

Die Stücke für sein jüngstes, achtes Album „Boy made out of Stars“, erschienen im Februar, nahm Milow fast ausschließlich in einem Take auf, eine besondere Erfahrung, wie er sagt – auch das Flair der Spontaneität gehört zu seinem Rezept. Ein Song des neuen Albums sticht heraus, aus seinem Repertoire. Auch Milows Vater hatte musikalische Ambitionen, konnte sie aber nicht verwirklichen. Nun singt der Sohn in seinem Stück „Family Tree“ gemeinsam mit einer Aufnahme der Stimme des Vaters: „Listening to your Ghost from 1975“.

Flirrender Gitarrensound

Milow wird begleitet von einem Gitarristen, der lockere Akzente setzt, „You don’t know“ mit einer Prise Flamenco versieht, von Bass und Schlagzeug und einer Backgroundsängerin, die auch zur Solistin wird und seinen Sound mit Percussionspiel würzt. „Castaway“ singt er gemeinsam mit Florence Arman, die in seinem Vorprogramm auftrat, aus England stammt, in Wien lebt und bislang zwei EPs veröffentlichte – im Wizemann verwandelt sie sich auch geschwind in eine kleine Country-Queen und covert Dolly Partons „Jolene“.

„Ayo Technology“ kommt ganz zuletzt, liegt in der Luft, mit flirrendem Gitarrensound. Lange lässt Milow sich nicht bitten, um eine Zugabe. Sein Publikum zählt den Countdown und punktgenau erscheint er mit seinem Gitarristen, seiner Sängerin, draußen in der Menge, um „Better or worse“ zu singen, einen Song, wenige Wochen alt erst, bislang unbekannt in Stuttgart „Immer wenn ich nach Stuttgart komme“, sagt er, „möchte ich etwas Neues mitbringen.“

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Pop Konzert Video Stuttgart