Das Postpunk-Trio Die Nerven hat am Donnerstag in Stuttgart ein außergewöhnliches Weihnachtskonzert gegeben. Bilder, Setlist und Kritik vom Auftritt im Opernhaus.
„Wir haben heute keine Weihnachtslieder im Programm“, entschuldigt sich Max Rieger gleich zu Beginn des Konzerts. Das hätte sowieso keiner erwartet. Und trotzdem fühlt sich diese Show festlich an. Das könnte damit zu tun haben, dass das Stuttgarter Opernhaus dem Auftritt der Nerven ein besonderes Glitzern verleiht. Es könnte daran liegen, dass Rieger (Gitarre), Julian Knoth (Bass) und Kevin Kuhn (Schlagzeug) ihr Repertoire für diesen Anlass in zwei Päckchen verpackt haben („Die frühen Jahre“ und „Das Jetzt“). Vielleicht ist der Grund auch, dass es am Ende tatsächlich eine Bescherung gibt, bei der die Band T-Shirts ins Publikum wirft, die noch aus dem Jahr 2012 stammen, als der Hype um dieses Postpunk-Trio damit losging, dass sie grandios Lana Del Reys „Summertime Sadness“ missmutig-eintönig eindeutschten.
Zwischen DJ Ötzi und Pink Floyd
„Sommerzeit Traurigkeit“ haben Die Nerven am Donnerstagabend zwar nicht im Programm. Dafür aber ihre eigenartige Zeitlupenversion von DJ Ötzis „Ein Stern (der deinen Namen trägt)“. Und als kleine Weihnachtspräsente hat die Band beim Konzert auch noch Anspielungen auf Iron Maidens „Run to the Hills“ oder Pink Floyds „Shine On You Crazy Diamond“ im Programm. Der Pink-Floyd-Song wird zum Beispiel zum Intro der auch schon zehn Jahre alten Nummer „Barfuß durch die Scherben“, die störrisch groovend einer der besten Nerven-Songs ist.
Die Stücke, die Die Nerven bei dieser Show in der Oper spielen, wirken wie lebendige Organismen, die im ständigen Wandel sind. Und wie die Band im ersten Teil des Konzerts ihr Frühwerk neu interpretiert, ist grandios. Bei dieser Show können frühe Nerven-Nummern durchaus mit neueren Songs wie dem betörend mit Harmonien spielenden „Wie man es nennt“ oder dem sperrig-schönen Ungetüm „Europa“ mithalten. Riegers Sorge, dass die erste Dreiviertelstunde das Publikum vergraulen könnte („Falls ihr auf Refrains wartet: Die kommen erst im zweiten Set“), erweist sich als unbegründet. „Ich bin noch nicht gescheitert/Ich veränder mich“, singt Knoth passend dazu in „Girlanden“, während Rieger pfeifende Gitarrenloops kreisen lässt. „Ich erwarte nichts mehr“ verwandelt sich mit zwei Bässen in einen fiesen Boogie.
Die Nerven: außergewöhnlich, eigenwillig, großartig
In diesen zwei Stunden in der Stuttgarter Oper sind Die Nerven mal Punkrock („Gerade deswegen“), mal Noiserock („Niemals“), mal Postpunk („Wir waren hier“), aber immer außergewöhnlich, eigenwillig, großartig. Einmal mehr wird die Band, die sich vor 15 Jahren in Esslingen gegründet hat, ihrem Ruf gerecht, einer der besten Liveacts Deutschlands zu sein. Und als sich die Band nach zwei Stunden verabschiedet, verspricht Julian Knoth: „Zur Abrissparty der Oper kommen wir wieder!“
Die Nerven in der Oper Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Die Nerven haben seit ihrer Gründung vor 15 Jahren bisher sechs Studioalben veröffentlicht: „Fluidum“ (2012), „Fun“ (2014), „Out“ (2015), „Fake“ (2018), „Die Nerven“ (2022) und „Wir waren hier“ (2024). Im Dezember erschien zudem das Livealbum „Live im Elfenbeinturm“. Nerven-Bassist Julian Knoth tritt mit seinem Soloprojekt am 31. Januar im Merlin auf.