Neil Young in der Schleyerhalle Mr. Young greift in die E-Gitarre

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Zehn Jahre ist es her, dass er zuletzt auf einer Stuttgarter Bühne stand. Der kanadische Rockmusiker Neil Young hat zehntausend Zuschauer in der Schleyerhalle in Wallung gebracht. Die Show war ganz nach alter Schule.

Neil Young und ein Musikerkollege beim Auftritt in Stuttgart Foto: Michael Steinert
Neil Young und ein Musikerkollege beim Auftritt in Stuttgart Foto: Michael Steinert

Stuttgart - Kinder, wie die Zeit vergeht! Ziemlich genau zehn Jahre ist es her, dass Neil Young zuletzt auf einer Stuttgarter Bühne stand. Beziehungsweise saß. Seinerzeit gab es nämlich einen Tastenabend in der Liederhalle mitten in der Stadt am Berliner Platz. Nur an Klavier, Harmonium und Flügel bestritt der Kanadier damals einen Aufritt, der nicht nur denkwürdig bleiben sollte, weil dies das erste Popkonzert in Stuttgart war, bei dem die Eintrittskarten über hundert Euro kosteten. Sondern eben auch wegen jener kammermusikalischen Anmutung, die einen glauben ließ, der damals bald Sechzigjährige würde nun gediegen und gemächlich sein Alterswerk antreten. Aber so kann man sich täuschen.

Ziemlich genau 35 Jahre ist es wiederum her, dass Neil Young auf seine „Rust never sleeps“-Tournee ging. Den Konzertfilm kann man sich, so man damals nicht dabei war, als DVD und in Ausschnitten auch im Internet angucken. Da flitzten kleine Männchen kuttenbewehrt über die Bühne, dort steht eine Menge überdimensionierten Zierrats herum, und dort wird die amerikanische Nationalhymne durch den E-Gitarren-Verzerrer gejagt. Wie es auf dieser Tour überhaupt ganz schön rockig zuging, denn neben Songs des gleichnamigen und auch nicht mehr brandaktuellen Albums wie „Powderfinger“ oder „Sedan Delivery“ wurden auch noch eine ganze Menge handfeste ältere Kracher wie „Cinnamon Girl“ oder „Like a Hurricane“ gespielt.

So gesehen war das, was die zehntausend Zuschauer nun am Montagabend in der ebenso bestens gefüllten wie temperierten Stuttgarter Schleyerhalle erleben durften, eine Art Reminiszenz des Popmusikers Neil Young an sich selbst.

Denn zu sehen gab es da tatsächlich, und wer hätte das von Neil Young anno 2013 erwartet, eine richtige Bühnenchoreografie. Das war die Szene: Ein paar zauselige Männlein in weißen Laborkitteln, verschrobene Doctores im Albert-Einstein-Look, wieseln und wuseln eingangs über die Bühne, Haare raufend, gestikulierend, miteinander zankend, im Kreis wandernd sinnierend, so albern wie zweckfrei.

Die Nordamerikaner lassen die deutsche Nationalhymne spielen

Derweil heben sich im Hintergrund der Bühne riesige Flightcases, um ebenso heillos überdimensionierte Marshall-Verstärkerturm-Attrappen freizulegen, zwischen denen das Schlagzeug eingezwängt ist, flankiert an den oberen Bühnenrändern von zwei Videowänden, die in alte Reisekoffern eingekleidet sind. Es läuft, Spaß muss sein, dazu „A Day in the Life“ von den Beatles. Sodann treten Neil Young und der Schlagzeuger Ralph Molina, der Gitarrist „Poncho“ Sampedro und der Bassist Billy Talbot als seine Band Crazy Horse in beiläufigster Nonchalance hervor, der Maestro lupft seinen Hut, legt die Pranke auf die Brust – und schmetternd ertönt, nein, nicht die amerikanische, sondern das Lied der Gastgeber, die deutsche Nationalhymne!

Man dürfte angesichts dieses launigen Vorspiels also gleich zum Auftakt philosophieren über die Vexierspiele, die dieser Songwriter hier vorsetzt. Aber dann würde man vielleicht ohnehin über die Ambivalenz des Musikers Neil Young sinnieren müssen, der fünfzig Autos in seiner Garage stehen hat, aber für den Umweltschutz eintritt. Oder der sich als unverbesserlicher Outlawhippie positioniert, aber einer der ersten war, der die Terroranschläge vom 11. September 2011 künstlerisch aufarbeitete, und zwar in der pathetisch-patriotischen Hymne „Let’s roll“, der also. . . ach was, flugs sind die Herren schon dabei, das Eröffnungsstück „Love and only love“ zu servieren.

Und schon da möchte man den kauzigen Knaben Neil Young herzen. Für dieses schräge Eröffnungsmanöver. Für den unorthodoxen Einstieg mit einem Zehnminüter (nicht dem letzten an diesem satt über zwei Stunden währenden Abend). Für das mackerhafte Kumpelgehabe mit seinem kongenialen Gitarristen Frank „Poncho“ Sampedro, das man bei jeder Mainstream-Rockband kompromisslos und unmissverständlich verfluchen würde.