Wenn es einen Platz gibt, der im Juli bestimmt zu den schönsten gehören wird, dann ist das der Leonberger Bürgerplatz. Dort findet vom 13. bis 24. Juli das Leonpalooza statt – ein Festival, das so klein und schnucklig ist, dass der Organisator Nils Strassburg von Wohnzimmeratmosphäre spricht. Was nur für den Bürgerplatz gilt, auf den überschaubare 1500 Personen passen. Die Künstler, die dort auftreten, sind weit über Leonberg hinaus bekannt. Bob Geldof ist dieses Jahr dabei und Silly und die Füenf und – was Nils Strassburg besonders freut: Nena.
Darf man Nena eine Bühne bieten?
„Nena ist eine fantastische Künstlerin“, sagt Strassburg, der nicht nur die Geschäfte der Stadthalle Leonberg führt, sondern auch selbst Musik macht. Allerdings ist Nena zuletzt vor allem durch, vorsichtig formuliert, kryptische Corona-Aussagen aufgefallen. Aus gegebenem Anlass deshalb diese Frage: Kann man Nena bedenkenlos eine Bühne bieten?
Nena, das ist einerseits eine der erfolgreichsten deutschen Künstlerinnen aller Zeiten und mindestens wegen ihrer „99 Luftballons“ unsterblich. Wer je ein Nena-Konzert erlebt hat, schwärmte lange von der guten Stimmung auf der Bühne, der harmonischen Atmosphäre vor der Bühne und natürlich der aufregenden Reise durch bald 40 Jahre Musikgeschichte. Dass sie bisweilen irritierend esoterisch daherredet und sich arrogant bis unverschämt gibt – geschenkt.
Doch dann kommt Corona. Und nun ist Nena andererseits eben auch die, die in einem rätselhaft anmutenden Text auf Instagram vor „Panikmache“ warnt. Und die Demonstranten in Kassel dankt, weil sie gegen die Coronaregeln auf die Straße gehen. Und die Fans bei einem Konzert in Berlin zur Missachtung der Coronaregeln auffordert. Und die vorigen August auf einer „Party für Ungeimpfte“ am Katzenbachsee feierte. Bei der unter anderem auch der Verschwörungserzähler Bodo Schiffmann und namhafte QAnon-Anhänger dabei waren.
Irritierende Botschaften
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Obligatorischen Shitstorms im Internet folgen zunächst Ausladungen von diversen Bühnen in Deutschland und schließlich die Absage ihrer Tournee. „Auf einem Nena-Konzert sind alle Menschen willkommen“, erklärte die Künstlerin im vergangenen September. „Hier in unserem Land geht es derzeit in eine ganz andere Richtung, und ich mache da nicht mit.“
Ausgewählte Konzerte
Nils Strassburg hat all dies natürlich auch verfolgt. Nach eingehender Prüfung ist er jedoch zu dem Ergebnis gekommen: Man könne schlecht finden, was Nena getan habe, verwerflich sei ihr Verhalten allerdings nicht. Sie habe Regeln infrage gestellt, nicht jedoch Corona geleugnet oder Verschwörungstheorien verbreitet. Nena lebe in ihrer eigenen Welt und polarisiere grundsätzlich, sagt Strassburg, der es lange nicht für möglich gehalten hat, die Künstlerin überhaupt buchen zu können. Ihre Tournee ist noch immer abgesagt, doch „einige ausgewählte Konzerte“ spielt sie diesen Sommer. Eines davon in Leonberg.
Bewegte Vergangenheit
„Das sei dem Veranstalter gegönnt“, sagt Frank Hillebrandt. Hillebrandt ist Professor für Allgemeine Soziologie und lehrt an der Fernuni Hagen – der Heimatstadt Nenas und anderer Musiker, die mit der Neuen Deutschen Welle groß wurden. Hillebrandt hat intensiv zu diesem Thema geforscht und kann deshalb gut sagen: „Nena kann sich eine ganze Menge erlauben.“
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Weil Nena viel mehr ist als ein einfacher Popstar. Weil sie sehr vielen Menschen in vielen Jahrzehnten große Momente geschenkt hat. Und auch weil sie immer wieder Dinge getan hat, die seltsam anmuteten, erklärt Frank Hillebrandt. Zum Beispiel hat sich Nena schon als Anhängerin des indischen Gurus Osho bekannt, dem Gründer der Bhagwan-Sekte. Oder hat zum Start einer „Voice of Germany“-Staffel, in deren Jury sie saß, „Zauberwasser“ für „Kraft und Energie im Studio“ versprüht. Nena hat auch eine Platte mit Kinderliedern aufgenommen und in Hamburg eine eigene, reformpädagogische Schule gegründet.
Nicht mit Naidoo zu vergleichen
Gewisse Auffälligkeiten gehörten gewissermaßen zur Popstarbiografie, sagt Frank Hillebrandt. Dass der Star auch mal daneben liegt, nehme man in Kauf – solange das Skurrile nicht in den Vordergrund gerate. „Dann kann es schwierig werden.“ Wie zum Beispiel bei Xavier Naidoo, der jahrelang so sehr hetzte und schwurbelte, dass er offiziell „Antisemit“ genannt werden durfte, mehr oder weniger zur Persona non grata wurde – und es ihm schließlich selbst zu viel wurde. Im April entschuldigte er sich reumütig für seine „verstörenden Äußerungen“.
Was Nena zu all dem inzwischen sagt, weiß man nicht genau. Auf Instagram erklärte sie, sie folge keiner Ideologie und lehne alles ab, was Hass, Angst und Spaltung bringe. Eine konkrete Anfrage jedoch bleibt unbeantwortet. Frank Hillebrandt meint, Nena habe die Sache bis jetzt ganz gut im Griff. Nils Strassburg sagt: „Nena ist Nena.“
Von den Sponsoren des Leonpalooza habe übrigens niemand Vorbehalte gegen Nena gehabt, und der Oberbürgermeister auch nicht, sagt der Organisator, der für das Nena-Konzert melden kann: „Diese Veranstaltung ist ausverkauft.“