Stadiongesang und Klassik? Wie soll das gehen? Wir haben die Initiatoren der Stuttgarter „Weltpremiere“ gefragt: Markus Korselt (Kammerorchester) und Alexander Wehrle (VfB Stuttgart).

Stadtleben/Stadtkultur: Jan Sellner (jse)

Ideen muss man haben – und sie dann auch noch umsetzen. Beides trifft auf das Stuttgarter Kammerorchester und den VfB Stuttgart zu. Ihr Projekt „Klassik trifft Kurve“ ist als Mischung aus Klassik und Fangesängen angelegt. Markus Korselt, Geschäftsführender Intendant des Stuttgarter Kammerorchesters, und Alexander Wehrle, Vorstandsvorsitzender des VfB Stuttgart, stellen im Interview vor, was sie sich für das (ausverkaufte) Konzert am 3. März in der Liederhalle ausgedacht haben.

 

Herr Wehrle, Herr Korselt, ein Konzert aus Fangesängen, Klassik und Rock – wer kam auf die Idee?

Korselt: Die Idee kam mir bei einem Besuch im Stadion. Dort fiel mir auf: Die Fans singen ja 90 Minuten nahezu durch! Ich dachte: Die mögen Musik und ich mag Fußball. Und dann hörte ich noch, wie dort der Triumphmarsch aus der Aida gesungen wird – „Allez VfB“. Da war mir klar: Es ist ja eigentlich alles da, man muss es nur zusammenbringen. Und so kamen wir zusammen – mit Alexander Wehrle und den VfB-Fans, und am Ende hatten wir ein Konzept und waren uns einig: Das müssen wir unbedingt machen.

Wie ging es Ihnen mit der Idee, Herr Wehrle?

Wehrle: Ich war sofort begeistert. Der VfB Stuttgart ist mit seinen 130.000 Mitgliedern und noch weit mehr Fans ein großer Traditionsverein im deutschen Fußball, ein wichtiger Faktor unserer Stadtgesellschaft und auch ein Stuttgarter Kulturgut. Für uns als Club ist es wichtig, mit den großen Playern im Kulturbereich gemeinsame Projekte zu starten – ob das die Württembergischen Staatstheater sind oder nun das Kammerorchester. Es kommt darauf an, die Schnittmengen herauszustellen, denn unsere Fans sind oft ja auch Fans der Stuttgarter Kultureinrichtungen.

Was genau wollen Sie herausstellen?

Wehrle: Mir kommt oft zu kurz, was für tolle Häuser und Ensembles wir hier in Stuttgart haben, Akteure mit internationalem Renommee. Stuttgart spielt schon seit Jahrzehnten kulturell in der Champions League – aber das erfährt oftmals noch zu wenig Wahrnehmung und Wertschätzung. Das wollen wir ändern, unter dem Leitmotiv „Fußball trifft Kultur“. Wir knüpfen mit dieser Aktion auch an den Stuttgarter Kulturgipfel des VfB an, den vor vielen Jahren unser heutiger Ehrenpräsident Erwin Staudt initiiert hatte. Ich freue mich total auf unseren Konzertabend. Von den 1800 Besuchern kommen sehr viele aus unserer Fan-Kurve. So was gab’s in dieser Form noch nie. Das wird eine Weltpremiere.

Im Interview: Alexander Wehrle und Markus Korselt in der VfB-Geschäftsstelle.

Herr Korselt ist Fußballfan, sind Sie Klassikfan?

Wehrle: Das wär jetzt zu viel gesagt (lacht). Es ist jetzt nicht so, dass ich im Auto Klassik höre, da höre ich eher SWR 1 – nicht nur „Heute im Stadion“. Ich bin aber grundsätzlich offen und neugierig.

Wird man die VfB-Fans im Hegelsaal sehen und hören?

Korselt: Und ob! Wir werden Abendgarderobe neben Fußball-Trikots sehen – ein wunderbares Bild. Mitglieder des Commando Cannstatt sitzen im ersten Rang in der Mitte – sehr exponiert, wie in einer Königsloge. Sie sind auch ein wesentlicher Bestandteil des Konzerts. Das ist ja das Besondere, dass wir gemeinsam mit dem Commando Cannstatt die Lieder ausgesucht, erarbeitet und in eine Dramaturgie gebracht haben. Neben den zehn Fanliedern gibt es ja auch noch Klassikstücke und Rocksongs mit dem Kammerorchester. Wir haben nach der perfekten Mischung gesucht. Das ist wie mit einer guten Bouillabaisse.

Und es gibt eine Art Vorsänger . . .

Korselt: Ja, Philipp Volksmund von der Band Die Fraktion singt mit uns „Für immer VfB“ und „Stuttgart kommt“, die VfB-Hymne, die Wolle Kriwanek einst geschrieben hat. Ich hab seinen Sohn angerufen, Benjamin Kriwanek, ob das in Ordnung wäre. Er war sehr gerührt, stimmte sofort zu und wird auch zum Konzert kommen. Meine Kinder wollen den Song jetzt immer auf dem Weg zum Kindergarten hören.

Wehrle: „Stuttgart kommt“ ist übrigens erst in der Saison 22/23 als Hymne zurück ins Stadion gekommen – auf Initiative unserer aktiven Fanszene. Sie intonieren „Stuttgart kommt“ bei jedem Heimspiel vor Anpfiff. Taktgeber ist die Cannstatter Kurve, und inzwischen singt das ganze Stadion mit. Dieses Lied stiftet Identität.

Wird im Stadion heute mehr gesungen als früher?

Wehrle: Schwierig zu sagen. Relativ neu ist, dass es Wechselgesänge zwischen der Cannstatter Kurve und der Untertürkheimer Kurve gibt. Das Commando Cannstatt, der Schwabensturm und die weiteren Gruppen und Fanclubs in der Cannstatter Kurve haben ein sehr gutes Gespür für den Spielverlauf und reagieren entsprechend. Das springt dann oft auf alle Bereiche der MHP-Arena über und pusht unsere Mannschaft.

Und die Fanszene kann sich mit dem Konzert-Projekt anfreunden?

Wehrle: Ja klar! 

Korselt: Vor dem ersten Treffen mit den Ultras hatte ich schon Respekt. Ich dachte: Ich habe richtig Bock drauf, aber ich hoffe, dass die auch Bock auf mich haben. Meine Sorge war unbegründet. Sofort war klar: Wir teilen absolut die Liebe zur Musik. Wir sind uns auf Augenhöhe begegnet. Die Fans haben die Fangesänge ausgewählt, und wir tragen dazu bei, dass die Songs eine neue Farbe kriegen. Für mich zeigt das wieder mal, welchen Stellenwert Musik hat. Das Ganze ist mehr als nur ein Experiment, es ist ein Zeichen dafür, dass wir viele Gemeinsamkeiten haben.

Wehrle: Musik bedeutet Emotionen. Und um Emotionen geht’s auch im Stadion.

Es gibt aber noch keinen VfB-Chor?

Wehrle: (lacht) Nein, den haben wir nicht. Korselt: Ich finde, wir haben den bereits. Im Konzert wird man das hören. Ich habe die Mitglieder des Commando Cannstatt gefragt: Braucht ihr Megafone? Da haben sie nur müde gelächelt und gesagt: Wart es mal ab, das funktioniert schon (lacht). Im Übrigen sehen wir Fans des VfB jetzt auch verstärkt in unseren klassischen Konzerten. Sie werden von uns auf das Herzlichste aufgenommen, weil wir es sehr schätzen, wenn sich die Dinge vermischen. Wir wollen Menschen zusammenbringen und Neues entdecken.

Was ist ihr Part an dem Abend Herr Wehrle, singen Sie auch?

Wehrle: Selbstverständlich. Aber nicht im Solo, sondern als einer von den 1800 Konzertbesuchern.

Sind sie textsicher?

Wehrle: Ich bin ja bei jedem Spiel dabei.

Und ihr Part, Herr Korselt?

Korselt: Textsicher bin ich auch und werde laut singen.

Singen auch Spieler mit?

Wehrle: Ich gehe davon aus. Wir werden Spieler unserer Bundesliga-Mannschaft, unser Frauen-Team und unsere „Legenden“ mit dabei haben.

Sie wollen mit dem Ganzen ja was Gutes tun. Was genau?

Korselt: Die Einnahmen aus diesem Benefizkonzert fließen in ein gemeinsames Projekt unseres vielfach ausgezeichneten Musikvermittlungsprogramms und der VfB-Stiftung. Wir sind da in der Planung. Wehrle: Es wird etwas mit Bildung zu tun haben. Mit unserer VfB-Stiftung „Brustring der Herzen“ unterstützen wir jetzt schon 20 Projekte nachhaltig, in denen es um Demokratieverständnis, soziale Teilhabe, Ernährung, Bewegung und bürgerschaftliches Engagement geht. Wir veranstalten über unsere Stiftung eine Bildungsralley mit 18 Stuttgarter Schulen und unterstützen mit der Stiftungsarbeit die Stuttgarter Vesperkirche und den Kälteschutzbus des DRK-Stuttgart. Es ist uns wichtig, unserer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht zu werden.

Wird es eine musikalische Fortsetzung geben – vielleicht in noch größerem Maßstab? Im Waldau-Stadion singt Patrick Bopp ja regelmäßig mit Tausenden Leuten Weihnachtslieder.

Korselt: Unser Konzert ist anders angelegt. Es lebt davon, dass wir es in einem der besten klassischen Säle Stuttgarts stattfinden lassen. Wehrle: Wir haben 2024 in der MHP-Arena im Stadion ja schon ein Weihnachtskonzert mit Künstlern und 20.000 Besuchern veranstaltet. Unsere Zielsetzung ist es, künftig jedes Jahr ein Weihnachtskonzert zu machen, das verstärkt auch Mitmach-Elemente haben soll. Wir wollen das Mitsingen fördern. Vielleicht werden wir gemeinsam kreativ und entwickeln etwas für 50.000 Leute? Korselt: Das wäre mega!

Zu den Personen

Alexander Wehrle
1975 in Bietigheim-Bissingen geboren. Er wuchs in Möglingen auf und besuchte das Gymnasium in Ludwigsburg, ehe er Verwaltungswissenschaften in Konstanz und Limerick (Irland) studierte. Von 2003 bis 2013 war er Vorstandsreferent beim VfB Stuttgart. 2013 wurde er Geschäftsführer beim 1. FC Köln. 2022 wurde er Vorstandsvorsitzender der VfB Stuttgart 1893 AG, der ausgegliederten Profifußballabteilung des Vereins. Wehrle ist zudem Aufsichtsratsvorsitzender der DFB GmbH & Co. KG und Mitglied im Aufsichtsrat der DFL Digital Sports GmbH.

Markus Korselt
1975 in Herdecke (Nordrhein-Westfalen) geboren. Er studierte Cello an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien sowie Kulturmanagement an der PH in Ludwigsburg. Er war unter anderem für die Wiener Philharmoniker tätig und Geschäftsführer der Innsbrucker Festwochen der Alten Musik sowie der dortigen Meister- und Kammerkonzerte. Seit 2017 ist Korselt Geschäftsführender Intendant des 1945 von Karl Münchinger gegründeten Stuttgarter Kammerorchesters (SKO).