Konzert: Rea Garvey in der Porsche-Arena Lieblings-Ire mit Identitätsunschärfen

Von Christof Hammer 

Schmissig, etwas eindimensional und nicht immer glaubwürdig: Rea Garvey hat in der Porsche-Arena gespielt.

Irisch-inbrünstig: Rea Garvey bei seinem auftritt in der Porsche-Arena Foto: Oliver Willikonsky/Lichtgut 7 Bilder
Irisch-inbrünstig: Rea Garvey bei seinem auftritt in der Porsche-Arena Foto: Oliver Willikonsky/Lichtgut

Stuttgart - Wenn Popmusiker dieser Tage über Politik reden, klingt das bisweilen recht eigenartig – oft changiert die Tonlage zwischen unbeholfen unverstellt und befremdlich naiv. Aber weil inzwischen sehr vieles politisch ist in dieser Welt, bis hin zum eigenen Tun beziehungsweise Lassen, kommt man um den ein oder anderen Satz zur Lage der Nation kaum herum. Außerdem haben manche Menschen eine empathische Seele und auch deshalb muss einiges einfach mal gesagt werden. Bei Rea Garvey hört sich das dann so an: Er habe keine Lust auf all das Schlechte, den ganzen Hass und die Gewalt, sagt der irische Songwriter schon sehr früh im Verlauf seines Konzerts – „ich will das gute, schöne Leben.“

Ziemlich simpel sind diese Botschaften; Sätze, auf die sich auch die meisten Gesinnungsgegner problemlos verständigen können. Doch immerhin: Garvey trägt seine heile-Welt-Rhetorik in der Porsche-Arena so energetisch vor, dass sie sich nicht nur wie ein bloßes Standardstatement anfühlt. „Wir sind die Mehrheit!“, bellt er dazu noch in die sehr gut gefüllte Halle und die fünftausend Besucher danken für diesen Akt gegenseitiger Rückversicherung mit viel warmem Applaus. Gemeinsam steht man auf der guten Seite der Macht – möge der Abend beginnen.

Es geht auch um die Musik

Der zweite Grund, weshalb ihn sein Publikum mit jeder Menge Zuneigung durch den rund zweistündigen Auftritt trägt, ist natürlich die Musik. Längst hat sich der 45-Jährige aus dem County Kerry zum Lieblingsiren der deutschen Popfans emporgespielt, nimmt mit seinen gefälligen Gefühligkeiten zielsicher den Mainstream und die akustische Wohlfühlzone ins Visier. Doch inzwischen ist Garveys irische Seele unter einer dicken Schicht an Keyboard- und Gitarrenrocksounds – auch ein kleines Akustikset mit dem Tourgast Ryan Sheridan in der Mitte des Abends ändert daran nichts grundlegend – kaum mehr zu erkennen.

Zwar trägt so manche Melodie das Pathos der Grünen Insel in sich, aber Traditionelles wie Fiddle, Flöte oder Sackpfeife sucht man vergebens in der Porsche-Arena. Stattdessen gibt’s einen partytauglichen Sound, den der ehemalige Straßenmusiker im Stil eines Stadionrockers inszeniert: mit großen Gesten, beachtlicher Stimmgewalt und viel angelsächsischem, dank langjähriger TV-Erfahrung wirkungssicher einstudiertem Männercharme. Und mit einer stilistischen Gangart, die – man nehme „Fire“, „Water“ oder „Wild Love“ – für beide Gattungen funktioniert. Auf der Straße wie im Stadion braucht es schließlich Songs, die schnell auf den Punkt kommen. Reibungsflächen oder Brüche sind hier nicht vorgesehen; nichts Kompliziertes soll den Zugang zu diesen Liedern erschweren.

Die Begleitband macht Dampf

Ein fonstark aufspielendes Quintett mit zwei Gitarristen sowie Bassist, Schlagzeuger und Keyboarder unterstützt diesen Kurs im „volle Kraft voraus”-Modus; vor allem Patrick Fa packt tüchtig an und bearbeitet sein Drumset mit eisernem Arm. Das klingt breitwandig und kurzweilig, kann aber manche Schwäche nicht überspielen – Songs wie „Heartbreak Century“ oder „Beautiful Life“ etwa leiden hörbar an melodischer Magersucht. Nicht zuletzt offenbart dieser Ritt durch Garveys Solo-Oeuvre vom Debütalbum „Can’t stand the Silence“ bis hin zur aktuellen Platte „Neon“ auch manche Glaubwürdigkeitslücke.

Wehmütig beklagt Garvey da in „Hometown“ den Ausverkauf seiner zwischenzeitlichen Heimatstadt Dublin, die zwar Niederlassungen von amerikanischen Milliardenkonzernen wie Facebook und Google angezogen, dafür aber mit dem Verlust ihrer kulturellen Identität einen hohen Preis bezahlt hat – „die Musik hat hier keine Zuhause mehr“. Das ist hübsch gesprochen; allerdings tut er selbst inzwischen nichts anderes: Auch Rea Garvey hat seine Identität zugunsten eines eingängigen, aber recht eindimensionalen Musizierstils weitgehend weginternationalisiert.