Konzert Stuttgarter Philharmoniker Wo ist hier das Cello?
Beim jüngsten Konzert der Stuttgarter Philharmonikern steht das Cello im Zentrum – und Beethovens vierte Sinfonie. Nicht immer gelingt dabei die gemeinsame Kommunikation.
Beim jüngsten Konzert der Stuttgarter Philharmonikern steht das Cello im Zentrum – und Beethovens vierte Sinfonie. Nicht immer gelingt dabei die gemeinsame Kommunikation.
Was ist ein „Siegerhimmel“? Der Komponist Arnold Schönberg hat ihn gesehen, beschrieben und gezeichnet. In seinem „Kriegs-Wolken-Tagebuch“ verbindet er ab 1914 den täglichen Blick ans Firmament mit aktuellen militärischen Ereignissen. Ein ziemlich irritierender Brückenschlag, den zu Beginn des Konzerts der Stuttgarter Philharmoniker am Dienstagabend auch die Situation auf der Bühne des Beethovensaals spiegelt: Am Pult steht anstelle des Dirigenten ein Sprecher (Lucas Herberhold), rezitiert Ausschnitte aus Schönbergs Aufzeichnungen, und die Musikerinnen und Musiker reagieren darauf.
Das ungewöhnliche Setting hat sich der Stuttgarter Kompositionsstudent Vincent Welz ausgedacht. Sein kurzes Stück „Maulwurf im Krähennest“ ist eines der 18 Werke, die das Orchester zu seinem 100-Jahr-Jubiläum in Auftrag gegeben hat – als starkes Zeichen seiner Verbindung mit der Gegenwart. Dieser Verbindung arbeitet auch der spanische Dirigent Josep Caballé Domenech zu, der für den dauererkrankten Chefdirigenten Dan Ettinger eingesprungen ist.
Unter seiner Leitung hüpfen einem die widerborstigen Synkopen in Beethovens vierter Sinfonie geradezu in die Ohren. Die (hier: sehr) langsame, harmonisch ziellose Einleitung liegt im Nebel, das erste Fortissimo danach ist ein Donnerschlag. Überhaupt kommt die „schlanke Maid zwischen zwei Nordlandriesen“ (so Schumann über die Vierte) ziemlich bullig daher. Kontraste in Dynamik und Tempi werden zugespitzt, das Schnelle wird deutlich bevorzugt – was zumal die nicht ganz so gut wie sonst homogenisierten Violinen an ihre Grenzen bringt. Manchmal ist Caballé Domenech auch ein bisschen zu ungeduldig: Wer den Musizierenden zwischen dem mit Widerhaken gespickten Fluss im zweiten Satz und dem folgenden knalligen Scherzo so wenig Zeit lässt wie er, riskiert Orientierungsprobleme, und die sind dann auch zu hören.
Insgesamt aber: ein Beethoven auf der philharmonischen Höhe unserer Zeit, und Ähnliches wäre auch über Rossinis „Wilhelm Tell“-Ouvertüre zu sagen, mit der das Konzert beginnt. In deren erstem Teil darf außerdem der erste Solocellist des Orchesters, Leonard Goldberg (warum steht sein Name nicht im Programmheft?), assistiert von seinem Kollegen Bernhard Lörcher, sein Instrument von der schönsten, singendsten Seite präsentieren.
Das tut auch die Solistin des Abends, Camille Thomas, bei Edward Elgars wirkungsvollem Cellokonzert – das man dennoch als Stückwerk erlebt. Die Kommunikation zwischen der Belgierin und den Philharmonikern will einfach nicht glücken. Thomas variiert, gerne mit geschlossenen Augen und nach hinten gebeugtem Kopf, die Tempi sehr oft und sehr frei – worauf der Dirigent aber meist nicht eingeht. Einsätze sind oft nicht zusammen. Konzertmusik als sprachähnlicher Dialog findet nicht statt. Als Camille Thomas bei der Zugabe – einer Bearbeitung des Trauermarsches aus Chopins Klaviersonate für vier Celli – auf ihrem Solistenpodest sitzen bleibt, anstatt sich auf Augenhöhe mit den drei Mitmusizierenden zu begeben, ahnt man, warum.