Der Raum ist gut gefüllt, als gegen halb fünf, mit etwas Verspätung, Maria Aljochina in der Trude eintrifft, um ihre Lesung zu beginnen. Die neu eröffnete Bar am Hans-im-Glück-Brunnen ist gemeinsam mit dem Kulturquartier (Proton) an diesem Tag Spielort für das russische feministische Künstlerinnenkollektiv Pussy Riot. Das Ereignis, dessen Kernaussage Frieden, Widerstand und Aktivismus ist, sei als Ganzes zu verstehen, so die Veranstalter Rockhaus und übehaus: Lesung, Konzert und Performance gehen Hand in Hand.
Noch einen Moment sitzt Maria Aljochina alleine in einer Ecke und geht ihr Handy durch, als wolle sie sich besinnen. Als eine der Gründerinnen des Künstlerinnenkollektivs Pussy Riot liest sie am Mittwochnachmittag aus ihrem Buch „Riot Days“ (2017), das auch Thema des Konzerts am späteren Abend im Kulturquartier sein wird. Sie habe sich nicht vorbereitet, sagt sie, und müsse improvisieren. Sie beginnt aus ihrem Buch auf Englisch zu lesen, spricht von den ersten Protestaktionen von Pussy Riot auf dem Roten Platz in Moskau 2012 und vom berühmten Auftritt in der Christ-Erlöser-Kathedrale, für den sie verurteilt und zwischen 2012 und 2014 ins Straflager geschickt wurde. Nach ein paar Seiten gerät sie ins Stolpern, das englische Lesen liege ihr nicht, und sie beginnt frei zu erzählen.
Politisches Gespräch zwischen Bar und Konzert
Seltsam sei es, in einer Bar über diese Dinge zu reden, sagt sie und zieht an ihrer E-Zigarette. Sie bittet das Publikum, Fragen zu stellen, und schon bald entsteht ein Dialog über die derzeitige Situation in Russland, über ihre Gefangenschaft und ihr Leben. „Ich möchte aufklären und für die Freiheit kämpfen“, sagt Aljochina, das sei ihre Mission. Das politische System unter Putin gleiche dem eines Gulag, sagt die 34-Jährige und berichtet von dem, was sie dort erlebt hat: Zwangsarbeit, Unterdrückung und Folter.
Im Mai dieses Jahres ist Aljochina aus Russland geflohen, wo sie unter Arrest stand, und kam über Litauen nach Berlin. Kurz darauf begann sie, mit Pussy Riot Konzerte zu geben. Es ist bereits das zweite Konzert in Stuttgart in diesem Jahr, im Sommer war die Band schon auf dem Festival Umsonst & Draußen zu sehen.
Die Beklemmung im Raum ist spürbar, als Aljochina von ihren Eindrücken und den Repressionen in Russland erzählt. Mit ihrer Botschaft wolle sie ganz klar sein. Nach etwa einer Stunde begibt sich die Künstlerin dann zum Soundcheck.
Gegen 19 Uhr startet das Konzert im Kulturquartier (Proton). Im Vorprogramm tritt die deutschsprachige Post-Punk-Band Zweilaster auf. Das aus Stuttgart-Nord stammende Duo um Marie David und Arno Kälberer zeigt sich mit witzig-schrägen Klängen, Gesellschaftskritik und Selbstironie.
Ein Plädoyer gegen Faschismus und Verfolgung
Pussy Riot lassen nicht mehr lange auf sich warten und starten gegen halb neun mit ihrer Performance, die aus Videobotschaft und Punk-Konzert besteht. Auf einer Leinwand sind Revolutionsbilder zu sehen, Bilder von Putin und Gefangenenlagern. Darüber läuft ein Band, auf dem die russischen Songtexte ins Englische übersetzt sind. Mit Drums, Electro, Querflöte und Gesang stehen sie zu viert auf der Bühne und bespielen den Saal mit harten Beats und mystischen Klängen. Dabei sind sie laut und fordernd. Aus den Boxen quietscht, scheppert und dröhnt es. Unterstützung bekommen sie vom Saxofonisten Anton Ponomarev. Ihre berühmten bunten Masken reißen sie sich herunter, als wollten sie sich davon befreien. Sie erzählen die Geschichte der „Riot Days“. Aljochina steht in einem weißen Kleid auf der Bühne und erinnert an eine Braut. Wütend und anklagend peitschen die Künstlerinnen über die Bühne, sprechen ihr Punk-Gebet und befreien sich buchstäblich von der Last, unter der sie sich unter Putins Regime ausgesetzt fühlen. Sie fordern Freiheit für politische Gefangene und sagen Sätze wie „Mother Mary, be a feminist“. Ihr Konzert ist ein Plädoyer gegen Faschismus und Verfolgung und für die Revolution. Sie schütten Wasser über sich und ins Publikum und schreiten durch den Konzertraum, als wäre dies ein symbolischer Gang der Freiheit. „Es gibt keine Freiheit, wenn man nicht jeden Tag dafür kämpft“, sagen sie.
Die Erlöse aus den Konzerten spenden sie an ein Kinderkrankenhaus in der Ukraine. Am Ende entschuldigen sie sich noch für den Sound, der nicht immer astrein war. Der Abend wird noch weitergehen, in der Trude, wo Bandmitglied Diana Burko als „Rosemary loves A Blackberry“ performt. Eines steht fest: Zwischen den Jahren standen die Trude und das Kulturquartier unter dem Zeichen der Freiheits- und Solidaritätsbekundung.
Neuer Veranstaltungsort, Kneipe und Kulturbar
Pussy Riot
Das feministische Kollektiv aus Moskau hat sich mit Performances und Musik gegen die russische Regierung und Kirche positioniert und für Frauenrechte eingesetzt. Nach ihrer weltweit Aufmerksamkeit erregenden Aktion „Punk-Gebet“ in der Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau 2012 wurden mehrere Mitglieder inhaftiert und zu Straflager verurteilt.
Trude
Seit November 2022 befindet sich mit der Trude, dem ehemaligen Cortijo, ein neuer kultureller Veranstaltungsort in der Innenstadt. Die Kneipe am Hans-im-Glück-Brunnen, an der Ecke Töpfer-/Nadlerstraße, bietet neben Tacos und Drinks auch Musik und Tischkicker. Das musikalische Nachtprogramm reicht von Jazz über House hin zu 80er und Electronic. Macherin ist Lisa-Marie Gundling, die davor die Sakristei 1921 in Stuttgart-Süd betrieben hat, und „Trude“ stammt von „Edeltrud“, dem vierten Namen der Betreiberin. Die Trude sei als Ort zu verstehen, so Gundling, an dem die verschiedensten Künstlerinnen und Künstler eine Bühne fänden, sei es für Konzerte, Performances oder Poetry-Slams.
Nachtkiosk
Eine Besonderheit: An der Lokalseite gibt es ab Frühjahr einen Kiosk für Nachtschwärmer mit Essen to go, Tabak und Süßigkeiten.