Konzerte in der Liederhalle Frohlocken im Doppelpack
Frieder Bernius und Hans-Christoph Rademann haben in Stuttgart mit Bachs Weihnachtsoratorium begeistert.
Frieder Bernius und Hans-Christoph Rademann haben in Stuttgart mit Bachs Weihnachtsoratorium begeistert.
Samstagabend im Hegelsaal. Bach tänzelt. Er schwebt. Unter der Leitung von Frieder Bernius hat der Eingangssatz der ersten Kantate von Bachs Weihnachtsoratorium alle Erdenschwere abgelegt. Die Streicher seines Stuttgarter Barockorchesters legen kaum Druck auf ihre Bögen, der Stuttgarter Kammerchor singt das „Jauchzet, frohlocket“ wie aus einem einzigen Mund. Die Musik klingt leise, filigran und wie im Konjunktiv: als sei das Schöne, das für so Viele zur Vorweihnachtszeit unbedingt dazu gehört, eher Behauptung und Möglichkeit als Realität. Alles ist Klang, und so bleibt das in diesem Konzert, das sein Publikum von der ersten bis zur letzten Sekunde in Atem hält.
Sonntagabend im Beethovensaal. Bach ist Botschaft, und das Evangelium verkündet Hans-Christoph Rademann am Pult der Gaechinger Cantorey. Das Jauchzen und Frohlocken strahlt, es klingt mächtig und prächtig, und so geht es danach auch weiter. Eine Geschichte wird nicht nur in sehr klarer Strukturierung erzählt, sie wird verkündet.
Wie glücklich kann Stuttgart sein, dass es große Kunst auf so unterschiedliche Weise in höchster Vollendung erleben darf! Doch in beiden Konzerten ist der Musik eine Ansprache zu den im Raum stehenden Kürzungen der städtischen Subventionen vorgeschaltet. Der künstlerische Leiter der Bachakademie bangt angesichts einer Zwanzig-Prozent-Streichung bei Festivals um das Bachfest. Der Kuratoriumsvorsitzende des Musikpodiums befürchtet, dass diese Aufführung bei einer Förderungskürzung von 33 Prozent die letzte groß besetzte unter Frieder Bernius gewesen sein wird. Der Jubel der Musik danach reibt sich daran. Aber nachdenklich kann die als Weihnachtsoratorium institutionalisierte Zusammenstellung von sechs Weihnachtskantaten Bachs angesichts der aktuellen Weltlage ja ohnehin machen, spätestens beim „Was will uns Welt und Sünde tun, da wir in Jesu Händen ruhn?“ am Schluss der sechsten Kantate.
Doch es geht hier um Hoffnung. Und um die Kraft der Kunst. Werfen wir ein paar Schlaglichter auf die beiden Aufführungen, in denen erst Bachs Kantaten eins bis drei, fünf und sechs plus Carl Philipp Emanuel Bachs virtuoses und Raum greifendes „Magnificat“ erklangen (Bernius), dann die Kantaten eins bis drei und sechs (Rademann).
Hans-Christoph Rademann hat einen Cellisten, der Kommunikation lebt. Wann in der Continuo-Gruppe, die mit guter Wirkung in der Mitte des Orchesters positioniert ist, präzise Akzente zu setzen sind, wie beim Geleit des Vokalen zu phrasieren und zu atmen ist: Joseph Crouch weiß und spürt es. Wer nur ihm zuschaut, wüsste auch ohne die Musik, wovon das Stück gerade erzählt. Und Hans-Christoph Rademann hat einen Tenor, der jedem, der ihn noch nicht kennt, unbedingt ans Herz gelegt werden muss: Patrick Grahl ist nicht nur ein Evangelist, der den Bibeltext ausdrucksstark rezitiert, ohne ihn ans Theater zu verraten, sondern er kann mit derselben Präzision und Geschmeidigkeit auch Koloraturen singen. Erstes Gestaltungsmittel der Gaechinger Cantorey sind dynamische Differenzierung und musikalische Exegese – das „befestiget steht“ im Eingangschor der dritten Kantate kann man ebenso hören wie den zeitlosen Moment am Ende des Chorals „Ich will dich mit Fleiß bewahren“.
Frieder Bernius’ Ausgangspunkt ist die Kammermusik, die sich in den mit Soloinstrumenten begleiteten Arien entfaltet. Ihr Geist und ihr Filigran prägen den ganzen Abend. Und einer der stärksten Momente ist jener, in der Bernius alle Kontrolle abgibt: Bei der Arie „Schließe, mein Herze“ nimmt er neben seinem Pult auf einem Stuhl Platz und lauscht mit geschlossenen Augen dem Dialog seiner ebenso fein wie lebendig gestaltenden Konzertmeisterin Judith von der Goltz mit der Altistin Sophie Harmsen. So geht Loslassen, so geht Freiheit. Wie Natürlichkeit geht, hört man in Chören und Chorälen, da wird nichts forciert, alles ist im Fluss. Die Hirten-Sinfonia nimmt im zärtlichen Wiegen des Siciliano-Rhythmus schon den Blick auf das neugeborene Kind voraus. Die Solistinnen und Solisten fügen sich als Farben ein ins Spiel – und im Falle des hochexpressiv gestaltenden Basses Jonas Müller auch mal als singender Superheld (kein Problem, Jesus war auch einer).
Doppelter, langer Beifall. Es weihnachtet sehr.