Der Club Schräglage hat sich nach entsprechenden Umbauten zu einer beliebten Stuttgarter Konzertlocation entwickelt. Martin Elbert hat rausgekriegt, warum.
Stuttgart - Es ist dieser Moment, wenn du spürst und noch mehr adrenalierst, dass der Act jetzt gleich auf die Bühne kommt. Die Massen drängen sich dicht an dicht rund um diese Mini-Arena, die vor dem DJ-Pult aufgebaut wurde. Die nötige Grundversorgung gleitet schnell noch über das Tresen, damit man beim Konzert ja nichts verpasst. Dann: Die Securitys schleusen flink den Künstler durch die Menge auf die Bühne, großer Jubel, der Star zum Anfassen, der erste Tune fegt über die Köpfe weg, alle Hände hoch. Oder wie Wolfgang „DJ Gambit“ Spohn, Schräglage-Eventmanager, die Szenerie beschreibt: „Die Atmosphäre ist ein Hexenkessel, wenn der Beat dropt und der Bass erstmal die Kerzen ausbläst.“
Die Schräglage, die am vergangenen Wochenende neunjähriges Jubiläum feierte, ist längst nicht nur die Party-Blaupause für eine ganze HipHop-Generation, sondern seit einigen Monaten ebenso eine veritabler Ausrichtungsort für Konzerte. „Wir haben den Club letztes Jahr im Zuge der Umbauten für die Club-Konzessionen in eine Konzert-Location verwandelt“, erklärt Gambit. Man hätte die neue Funktion der Schräglage lange durchdacht und gut geplant, „da wir auf Live-Konzerte Mega-Bock hatten. Zudem haben wir ne schnieke Location, die wir natürlich so oft wie möglich nutzen möchten.“
Immer offen, meist ausverkauft
Gefühlt hat das Rap-Erlebnisbad in der Hirschstraße seitdem fast jeden Tag geöffnet. Und an den Wochenendtagen kann es sein, dass vor dem nächtlichen Party-Alltag noch eine Live-Show steigt. Maximale Auslastung. Bedeutet aber auch: Viel auf- und abbauen. Ist dieses Doppelleben manchmal nicht nur eine Auslastung, sondern auch Belastung? „Wir haben ein Team, das jetzt seit vielen Jahren zusammenarbeitet und richtig gut eingespielt ist. Die Abläufe passen, wir sehen das eher als Chance, das über die Jahre Erlernte abrufen zu können.“
Neben einigen (kuriosen) Abweichlern, wie z.B. kürzlich das Schlager-Gesamtkunstwerk Alexander Marcus („seit langem ausverkauft und die Leute sind ausgerastet“) oder am Mittwoch die Indie-Electro-Combo Rangleklods, liegt die Kernkompetenz beim Livebetrieb im HipHop-Sektor. „Wir versuchen mit den Konzerten ein Großteil des Spektrums abzubilden. Zudem möchten wir guten Newcomern die Chance geben, in einer passenden Location auftreten zu können.“ Unbekannte Acts zu fördern berge zwar ein Risiko, aber man sehe das als Investition an der Sache. „Die SL kommt vom HipHop und uns macht es Spaß, auch die kleinen, unbekannten Sachen zu machen.“
Die bekannteren Acts wären meist ausverkauft, meint Gambit. Logisch, HipHop läuft seit einigen Jahren fast noch besser als das Blumengeschäft am Muttertag und die Schräglage konnte eine Location-Lücke im Bereich von 250 bis 300 Personen schließen. Nach der haben sich die lokalen Konzertveranstalter in Stuttgart gesehnt und somit in der Hirschstraße einen neuen Hafen gefunden. Diese Gästeanzahl ziehen heutzutage oft schon Insider-szenige Debütanten, bei dessen Namen allein der Mitdreißiger-HipHop-Hörer die Stirn kräftig zusammenfaltet. Es ist kompliziert geworden im Fahrwasser der breiten Cro-Erfolgsspur. Aber - oh Wunder - fast jeder Rapper hat seine treue Fanschar.
Für Deichkind hat's gerade gereicht
Wie gefällt es dem Künstler selbst, in diesem Miniaturkonzertland, wo der Übergang zwischen Kopfnick-Höhle und HipHop-Arm-Hölle fließend ist? Die würden perfekte Rahmenbedingungen für ein kleines, intimes Clubkonzert vorfinden, so Gambit, und das sei gerade eh der Shit, auch bei den Großen wie Jan Delay. „Die schwärmen von dem Arenaeffekt bei uns, da von allen Seiten direkt die Fans stehen und ihnen auf die Finger schauen können.“
Die Nähe zur „Community“ sei wichtig heutzutage. Zwei Beispiele: So war Schwesta Ewa angesichts des mitrappenden Stuttgarter Publikums ziemlich gerührtund Deichkind hatten offensichtlich ebenfalls ihren Spaß. Immerhin hat die SL-Deckenhöhe geradeso für ihre Schlauchbootnummer ausgereicht (siehe Foto oben).
Im nächsten Jahr wird die Schräglage zehn Jahre alt oder jung. Was einst als Barbetrieb inklusive sonnige Dachterrasse am Markplatz angefangen hat, ist jetzt schon eine kleine universelle HipHop-Fabrik inklusive diesem ganz speziellen Lebensgefühl, das es am Eingang on top dazugibt. Und gerade diese Lässigkeit hat man bislang nicht verloren, egal was man tut. Was passiert, passiert. „Das ist unsere Lust an der Musik.“
Die Schräglage gibt's im Netz und auf Facebook, die StZ-Popkolumne kopfhoerer.fm gibt's hier und auch auf Facebook.