Konzertforum in Stuttgart Eine Gelegenheit, die teuer ist, aber günstig
Investitionen in die Kultur sind Investitionen ins Stadtleben. Beim Konzertforum geht es um die Frage: Jetzt oder nie. Ein Kommentar von Jan Sellner.
Investitionen in die Kultur sind Investitionen ins Stadtleben. Beim Konzertforum geht es um die Frage: Jetzt oder nie. Ein Kommentar von Jan Sellner.
Es gibt Dinge, die sich die heutigen Schwaben von den alten Griechen abschauen können. Die Reingschmeckten eingeschlossen. Dazu gehört eine entschlossene Haltung, die die alten Griechen „Kairos“ nannten. Sie bezeichnet den „richtigen Moment“, den „günstigen Zeitpunkt“, den es zu ergreifen gilt, wenn eine Gelegenheit nicht verstreichen soll. Gleichbedeutend mit einem (Zeit-)Fenster, das für eine bestimmte Zeit offensteht und sich dann wieder schließt. Manchmal für immer.
Ist Stuttgart gut darin, den richtigen Moment zu nutzen und „Kairos“, den Jüngling mit der Locke, sinnbildlich beim Schopfe zu packen? Manchmal ja, manchmal nein. Das prominenteste Beispiel für einen verpassten Moment ist die Opernsanierung. Das lange Hinauszögern der Entscheidung für einen Interimsstandort hat zu der jetzigen, ungewissen Situation geführt. 2018 stand das Fenster für eine vergleichsweise zeitnahe Opernsanierung offen, 2025 ist es gerade noch angelehnt. Vor der Landtagswahl 2026 ist nichts Entscheidendes zu erwarten. Gleichzeitig sind die Kassen der Projektbeteiligten in Land und Stadt längst nicht mehr so gefüllt, wie sie es für die Realisierung des Großvorhabens sein sollten.
Bei einem anderen Projekt geht es um eine Entscheidung noch in diesem Jahr. Die Frage ist: Greift die Stadt die Initiative des Stuttgarter Kammerorchesters, der Stuttgarter Philharmoniker und der Internationalen Bachakademie auf, ein Konzertforum mit 1000 Plätzen auf dem ehemaligen Rilling-Areal in Bad Cannstatt zu errichten? Angestrebt wird dort nicht ein exklusiver Kulturtempel, sondern ein in jeder Hinsicht barrierefreies Kulturhaus, das allen offensteht und in einem großen Radius positive Impulse aussendet – nach Bad Cannstatt hinein und darüber hinaus. Ein Begegnungs- und Belebungsort im besten, zeitgemäßen Sinne. Ein Ort, der Stuttgart gut tun würde.
Markus Korselt, Kulturmanager und Intendant des Kammerorchesters, sieht eine günstige „Planetenkonstellation“ für die Realisierung des Projekts. Er meint damit den Pro-Grundsatzbeschluss des Gemeinderats, den starken Zuspruch aus Bad Cannstatt, das Engagement privater Spender und die Tatsache, dass das Stadtorchester, die Philharmoniker, aufgrund der notwendigen Sanierung des Gustav-Siegle-Hauses in den nächsten Jahren einen neuen Spielort brauchen; das Siegle-Haus könnte nach der Sanierung dann anderweitig, bürgerschaftlich, genutzt werden.
Nur ein „Planet“ – ein nicht ganz unwesentlicher – steht quer: es ist der mit den Moneten, dem Geld! Rund 120 Millionen Euro soll das Konzertforum kosten. In der aktuellen Haushaltslage ein dicker Brocken, zumal viele andere Investitionen ins Stadtleben anstehen: Film- und Medienhaus, Haus der Kulturen, Villa Berg, Theaterhaus – und die Oper! Auch die Umwandlung des früheren Statistischen Landesamtes in ein Bürgerquartier, vorangetrieben von der Initiative Schoettle-Areal. Glücklich die Stadt, die so vitale Impulsgeber von unten hat – damit aber auch die Qual der Priorisierung.
Oberbürgermeister Frank Nopper selbst steht dem Konzertforum auf dem Rilling-Areal „mit großem Wohlwollen gegenüber“, wie er sagt. Angesichts der Finanzlage sei jedoch „nichts gewiss und nichts sicher“. Er verweist auf die Haushaltsberatungen im Dezember – und seinerseits auf die alten Griechen: „Wer jetzt schon Bescheid wissen will, muss das Orakel von Delphi befragen.“
Es gilt abzuwägen und Entscheidungen zu treffen. Mit allen Konsequenzen. Im Falle des Konzertforums steht fest: Findet es im nächsten Doppelhaushalt keine Berücksichtigung, wird diese Gelegenheit, die teuer ist, jedoch auch günstig, verstrichen sein.