Konzertveranstalter Micha Schmidt Er kümmert sich auch um ungarische Punk-Größen

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Das Gemüse ist geschnippelt, Schmidt läuft zum Backstageraum und erzählt stolz, dass im März mit Tankcsapda sowie Paddy and the Rats zwei der wichtigsten ungarischen Punkbands ins Jugendhaus Hallschlag kämen. Auf seinem Kapuzenpulli prangt an diesem Tag das Logo der Real McKenzies: „Die veranstalte ich im Mai.“ Schmidts Konzerte finden durchweg in kleineren Clubs statt. Mehr als 300, 400 Besucher kommen eigentlich nie.

Im Backstagebereich des Universums ist von Rockstar-Glamour wenig zu spüren: Garderobe, Heizlüfter, Kühlschrank, „No smoking“-Schild. Auf dem verdreckten Laminatboden steht ein Biertisch, darauf drapiert Schmidt die Speisen für die UK Subs. Während er Brötchen belegt, referiert er seinen Werdegang: aufgewachsen in Pfullingen, seit 1986 Mitglied in der bis heute aktiven Band Sumpfpäpste – „die ersten Konzerte hatten wir in besetzten Häusern, Bierkellern und ähnlichen Etablissements“. Mit den Sumpfpäpsten trat er 1991 im Reutlinger Jugendzentrum Zelle bei einem Punk-Festival auf, das er mitorganisiert hatte. Das war die Geburtsstunde des Konzertveranstalters Schmidt. Es folgten Konzerte auf eigene Rechnung in Tübingen: Club Voltaire, Sudhaus, Epplehaus.

Für das Studium an der damaligen FH Druck zog Micha Schmidt Mitte der neunziger Jahre nach Stuttgart. „Weil ich bei den Konzerten eh den ganzen Scheiß allein gemacht habe, dachte ich mir: Dann kann ich das auch da machen, wo ich wohne.“ Seither bringt er in der Landeshauptstadt Gitarrenbands aus der alternativen Szene auf die Bühne. Einmal Punk, immer Punk.

Legendäre Konzerte in längst geschlossenen Clubs

Mittlerweile läuft im Backstagebereich der Kaffee durch den Filter. Micha Schmidt schaut auf die Uhr: Eigentlich wollten die die UK Subs um fünf da sein, jetzt ist es schon halb sechs. Bis halb acht muss alles aufgebaut und der Sound eingestellt sein, dann gehen die Türen auf. Schmidt vertreibt sich die Zeit, in dem er von legendären Konzerten an Orten erzählt, die es nicht mehr gibt: dem Landespavillon, der Röhre, dem Travellers’ Club, dem Limelight: „Ende der Neunziger fanden an 25 Tagen im Monat Konzerte im Limelight statt.“ 2001 wurde der Laden geschlossen.

Die Szenen, für die Micha Schmidt Konzerte veranstaltet, sind überschaubar, und sie wandeln sich. Das Publikum wird älter, und wenn Punks Kinder haben, gehen selbst sie nicht mehr so häufig aus. Schon im Limelight konnte es vorkommen, dass nur drei oder vier Zuhörer zu Schmidts Konzerten kamen. Heute ist es nicht anders. „Es gibt mittlerweile einen Konzert-Overkill“, klagt er. Micha Schmidt weiß, dass er eine Mitschuld dafür trägt, dass es ein Überangebot gibt. Aber was soll er machen? Er lebt schließlich von Konzerten.

80 Gäste müssen’s schon sein

Schmidt lehnt sich an einen Stehtisch, drückt die zweite Zigarette hintereinander aus. Er wirkt zunehmend nervös. Was soll er tun, wenn die UK Subs nicht auftauchen? Er erzählt, dass er nicht mehr jede beliebige Band auftreten lasse. Bei einem Konzert brauche er mindestens 80 zahlende Gäste, und selbst dann sei nicht klar, ob die Einnahmen für die Clubmiete, die Bandgage und die Werbekosten ausreichen. Schmidt schaltet zwar keine Anzeigen – „aber du glaubst nicht, wie viele Meter Klebeband ich beim Plakatieren verbrauche“.

Früher hat er auch mal Musiker bei sich daheim übernachten lassen. Heute bringt er sie in einem Hotel in Zuffenhausen unter. „Es braucht ganz schön lange, um von dem Idealismus runterzukommen“, sagt er, und man sieht ihm das schlechte Gewissen an. Schmidt zählt in der Branche nach wie vor nicht zu den Geldmachern, sondern zu den Überzeugungstätern. Ein Auto kann er sich nicht leisten, und er wohnt mit seinen 55 Jahren immer noch in einer Zweier-Wohngemeinschaft in Bad Cannstatt. „Ich brauche nicht viel“, sagt er.

Kurz vor sechs fährt die Band endlich vor. Schmidt springt auf, weist Parkplätze zu und hilft beim Schleppen des Equipments. Jetzt muss alles schnell gehen.