Konzertveranstalter Michael Russ warnt Stuttgart ohne klassische Musik?

Michael Russ will den Klassikstandort Stuttgart sichern. Foto: Horst Rudel/Horst Rudel

Wo ist das Publikum? Ob Theater, Museen oder Konzerte – überall die gleiche Frage. Veranstalter Michael Russ warnt: Stuttgart könnte bald ohne Spitzenklassik dastehen.

Michaela Russ erschüttert so schnell nichts. Doch die jüngsten Rückmeldungen machen auch der Geschäftsführerin der SKS Russ Sorgen. „Wir haben uns alle über die tollen Besucherzahlen bei den Jazz Open gefreut“, sagt sie, „und freuen uns jetzt über ausverkaufte Hallen wie etwa am 2. Dezember das Konzert von Volbeat in der Schleyerhalle, hier wurde für den 1. Dezember sogar eine Zusatzshow in den Verkauf gegeben. Aber? „Aber das sind alles Nachholkonzerte, die Tickets sind längst abgerechnet“. Im laufenden Geschäft aber spüre man „deutliche Zurückhaltung“.

 

Es fehlt an Personal

Doch es hakt nicht nur am Ticketverkauf. „Wir haben“, sagt Michaela Russ, „unglaubliche Mühen gehabt, Aufbaumannschaften für die so gefeierten Open Air-Konzerte in Stuttgart zusammenzubringen“. Die Pandemie habe viele, die alle Handgriffe kannten, beispielsweise in den Einzelhandel getrieben. „Zusätzlich zu schaffen“, sagt Michaela Russ dann, „macht uns auch das Thema Mindestlohn“.

Alles zusammen sei „eine große Herausforderung“. Besonders hart trifft es die Klassik. Seit Jahrzehnten das Aushängeschild der SKS Russ. Heutige Weltstars wie die Geigerin Anne-Sophie Mutter oder den Cellisten Daniel Müller-Schott hat Michael Russ, Vater von Michaela Russ, über lange Konzertstrecken mit aufgebaut, und ganz selbstverständlich freute man sich in Stuttgart über Neuentdeckungen ebenso wie über die Gastspiele internationaler Spitzenorchester. Nun aber fehlt der Klassik, die sich so lange auf Abonnements-Modelle und Nachfrage-Sicherheit stützen konnte, das Publikum.

Droht die Existenzfrage?

„Da geht es“, sagt Michael Russ, „nicht nur um die bekannten Fragestellungen wie die Altersstruktur des Klassikpublikums“. Aus Sicht des Ehrenpräsidenten des Bundesverbandes der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft „kann sich hier sehr schnell etwas zuspitzen – bis hin zur Existenzfrage“. Stuttgart als Stadt, in der Klassische Musik außerhalb von SWR-Orchester, Staatsorchester und Stuttgarter Philharmoniker zum Nischenprodukt wird? „Soweit sind wir noch nicht“, schwächt Michael Russ jetzt ab. Doch Entwarnung also? Dann aber sagt er: „Ich frage mich schon, was dieser Stadt, was Stuttgart der aktuelle Rang als hervorragende Klassik-Stadt wert ist.“

Studierende der Universität Stuttgart haben sich mit einem möglichen Konzerthaus beschäftigt. Ihre Entwürfe sind aktuell im Stadtpalais zu sehen. Foto: U

Tochter Michaelas Miene wird ernst. Geht der Vater aus ihrer Sicht zu weit? „Bis zum 31. Dezember greifen die verdienstvollen Corona-Ausfallhilfen des Bundes“, sagt sie dann. Und: „Bisher wissen wir nicht, ob es Anschlussprogramme geben wird“. Kann also 2023 sehr schnell beides werden – das Jahr der finanziellen Wahrheit wie eventuell notwendiger Entscheidungen? „Wir haben für 2023 das bestmögliche Programm“, sagt Michaela Russ, „wir glauben an unsere Künstlerinnen und Künstler, wir glauben an diese großartige Kunstform – und wir glauben auch an die Begeisterungsfähigkeit der Menschen für die Klassik“. Rückenwind könnte das Engagement von immer mehr Menschen für den Bau eines neuen Konzerthauses in Stuttgart bringen. „Natürlich hilft das“, sagt Michael Russ, „es geht ja immer auch um allgemeine Stimmungslagen“.

Zu noch mehr positiven Grundtönen könnte aus Sicht des auch in verschiedenen Stiftungen zur Nachwuchsförderung Engagierten auch die Stadt Stuttgart beitragen. Und dann wird Michael Russ energisch: „Ich muss noch einmal sagen, ich bin gespannt, was der Stadt Stuttgarts Rang in der Klassik wert ist.“ Direkte Unterstützung sei sicher ausgeschlossen, sagt Russ – „aber die Möglichkeit, grundsätzlich über Modelle nachzudenken“, das erwarte er schon. Und: „Ich freue mich, dass die Stadt Gesprächsbereitschaft signalisiert hat. Als privates Unternehmen sichern wir für die Bürgerinnen und Bürgern der ganzen Region über Jahrzehnte hohe und höchste Qualität in der Klassik.“

Alexandra Dovgan ist 15 und begeistert international das Publikum Foto: Alexandra Dovgan

Im SKS-Programm lockt derweil Hochkarätiges: An diesem Sonntag, 20. November (20 Uhr), kommt das London Philharmonic Orchestra mit Chefdirigent Edward Gardner in den Beethovensaal der Liederhalle, Solist in Tschaikowskys Violinkonzert D-Dur op. 35 ist Christian Tetzlaff.

Nicht weniger spannend endet die diesjährige Meisterpianisten-Folge – am 28. November kommt Martha Argerich gemeinsam mit Mischa Maisky (Violoncello) in den Beethovensaal, und am 3. Dezember präsentiert Fazil Say in der Stuttgarter Liederhalle seine Version von Johann-Sebastian Bachs „Goldberg-Variationen“. Am 14. Dezember lockt der Blick in die Zukunft – im Beethovensaal gastiert die erst 15-jährige und doch bereits international gefeierte Pianistin Alexandra Dovgan.

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