Die Oberbürgermeister von Stuttgart (Frank Nopper) und Nanjing (Li Zhongjun) haben eine Absichtserklärung unterzeichnet, um ihre seit 30 Jahren bestehende Partnerschaft insbesondere im Bereich Wirtschaft weiter zu vertiefen. Foto: Landeshauptstadt Stuttgart/Fabrice Weichelt
Eine Delegation aus der chinesischen Millionenstadt Nanjing besucht Stuttgart und besiegelt mit OB Frank Nopper eine wegweisende Kooperation: Von KI über Mobilität bis zur Kultur.
Torsten Ströbele
10.03.2026 - 09:41 Uhr
Die Krise in der Automobilindustrie gepaart mit Stellenabbau und Sparzwängen, die Zollpolitik der USA sowie die fehlenden Gewerbesteuereinnahmen sorgen auch im Stuttgarter Rathaus immer wieder für Sorgenfalten. „Es ist notwendig, sich in der neuen multipolaren Weltordnung zu positionieren“, sagt Frédéric Stephan, Leiter der Abteilung Außenbeziehungen der Stadt Stuttgart. „Kommunen müssen verstärkt internationaler agieren, gerade Stuttgart als starker Wirtschafts-, Forschungs- und Wissenschaftsstandort.“ Und deshalb ist vor allem der asiatisch-pazifische Raum in den Fokus gerückt.
Auch Bundeskanzler Friedrich Merz möchte die Beziehungen nach Asien ausbauen und besuchte jüngst die Volksrepublik China. Das Wachstum beider Volkswirtschaften und handelspolitische Fragen wurden vornehmlich behandelt. „Chinesen und Deutschen ist bewusst: Unser wirtschaftlicher Austausch trägt ganz maßgeblich zum Wohlstand beider Länder bei“, sagte Merz. Beim Statistischen Bundesamt ist zu erfahren: Mit einem Außenhandelsumsatz (Summe der Warenexporte und -importe) von 251,8 Milliarden Euro war die Volksrepublik China im Jahr 2025 wie bereits im Zeitraum von 2016 bis 2023 wieder Deutschlands wichtigster Handelspartner.
Auch Stuttgarts Oberbürgermeister Frank Nopper möchte die Beziehungen zu Asien vertiefen und ausbauen. Im November vergangenen Jahres war er im Land der Mitte: „Ich habe es als große Ehre empfunden, bei der China International Import Expo in Shanghai ein Gespräch mit dem chinesischen Premierminister Li Quiang führen zu können.
Und die Stadt Stuttgart hat es als große Auszeichnung und als großartige Geste der Freundschaft empfunden, dass wir aus 108 Partner- und Freundschaftsstädten der Stadt Nanjing für einen gemeinsamen Messeauftritt bei dieser Messe ausgewählt wurden.“ Dies hänge wahrscheinlich damit zusammen, dass Nanjing und Stuttgart – seit 1995 besteht die Städtefreundschaft – vieles gemeinsam hätten.
Viele Gemeinsamkeiten: Laugenbrezel und Gartenkultur
Man sei nicht nur Wirtschafts- und Hochtechnologiestandort, Wissenschafts- und Forschungsstadt, sondern auch Bosch-Stadt. „Wir betreiben auch seit dem Jahr 2011 ein gemeinsames Messeunternehmen, die ,Nanjing Stuttgart Joint Exhibition Company‘“. Zudem versprühen beide Städte die Begeisterung für Laugengebäck und Gartenkultur. „Die Laugenbrezel ist im Süden Deutschlands erfunden worden. Sie ist unser schwäbisches Nationalgebäck“, betont Nopper.
Im 18. Jahrhundert sei sie von deutschen Missionaren nach China gebracht worden, wo sie begeistert aufgenommen und auf Vasen der damaligen Zeit abgebildet wurde. „Unsere Freundschaft soll auch wirtschaftliche Brücken bauen – zum Nutzen Chinas und zum Nutzen Deutschlands. Wir brauchen uns wechselseitig: als Abnehmer, als Kooperationspartner, als Investoren“, sagt Nopper.
Im Haus des Tourismus ging es um Inhalte, Vertrauen, Freundschaft und die künftige Partnerschaft. Foto: Landeshauptstadt Stuttgart/Fabrice Weichelt
Um weiteres gegenseitiges Vertrauen aufzubauen und über engere Kooperationen zu sprechen, lud das Stuttgarter Rathaus jüngst eine Delegation aus Nanjing für zwei Tage ein. Auf einem Wirtschaftsforum auf der Stuttgarter Messe sowie abends beim chinesischen Neujahrsfest wurden mit rund 300 Gästen eifrig neue Netze geknüpft. Vor der Abreise besuchte die 15-köpfige Delegation nicht nur den VfB Stuttgart sowie das Mercedes-Benz-Museum, sondern es wurde auch eine Absichtserklärung zwischen der Landeshauptstadt und der Hauptstadt der chinesischen Provinz Jiangsu unterzeichnet – von OB Frank Nopper und seinem Amtskollegen Li Zhongjun.
Auch über Sport und Kultur wird gesprochen
Vor der Unterzeichnung hatten Vertreter beider Städte bereits wirtschaftliche Themen im Haus des Tourismus diskutiert. Es ging unter anderem um Wirtschaft und Innovation, KI und digitale Transformation, zukunftsorientierte Mobilitätslösungen, Klimaschutz und grüne Stadtentwicklung, Kultur und Kreativwirtschaft sowie Jugendaustausch, insbesondere in den Bereichen Sport und Kultur.
Oberbürgermeister Li Zhongjun betonte, dass ein vertieftes gegenseitiges Kennenlernen die Grundlage für künftige Kooperationen bilde. Die Stadt Nanjing blickt auf eine mehr als 3000-jährige Geschichte zurück und zählt heute rund 9,5 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner sowie über eine Million Studierende.
Asien-Strategie der Landeshauptstadt
Warum? Stuttgart möchte neue asiatische Räume erschließen, Fachkräfte gewinnen und wirtschaftlich unabhängiger werden.
Mit wem? Außer mit Nanjing (China) steht man eng mit drei weiteren Städten in Asien in Kontakt. Mumbai (Indien) Stuttgart hat seit 1968 eine Städtepartnerschaft mit Mumbai. Hier möchte die Landeshauptstadt die Zusammenarbeit intensivieren – besonders in den Bereichen Bildung, Wissenschaft und Fachkräfte. Ogaki (Japan) Seit 1988 besteht die Städtefreundschaft. Bislang haben Ogaki und Stuttgart eher in den Bereichen Schule, Bildung und Sport kooperiert. Nun sollen auch Wirtschaftsthemen in den Vordergrund rücken. Sejong (Südkorea) Der Kontakt beider Städte existiert erst seit 2025. Am 25. Juli unterzeichneten Sejong und Stuttgart eine Absichtserklärung, „um Beziehungen aufzubauen und eine konkrete Zusammenarbeit im Bereich kreativer Innovationen und nachhaltiger Stadtentwicklung zu fördern“. Es soll um Technologie, Mobilität und Smart-City-Entwicklungen gehen.