Schmucke Häuschen, enge Gassen, historisches Kopfsteinpflaster – was viele an der Esslinger Altstadt schätzen, ist für manche auch ein Ärgernis. Denn so pittoresk das holprige Pflaster auch wirken mag, so abschreckend erscheint es manchen Passanten mit Mobilitätseinschränkung. Mit Rollstuhl und Rollator ist es nur schwer zu überwinden, zumal sich die Ausweichmöglichkeiten in den mittelalterlichen Straßen in Grenzen halten. Schon lange hat die Stadt das Thema im Visier – der einst geplante große Wurf ist aber ausgeblieben.
Dabei war ein umfassendes Gesamtkonzept bereits beschlossen gewesen. Vor vier Jahren hatte der Ausschuss für Umwelt und Technik die Stadt beauftragt, eine Leitplanung für barrierearme Gehwege in der Altstadt vorzulegen, außerdem sollten die Hauptverbindungswege in der City definiert, Aufgaben und Kosten aufgelistet und eine Prioritätenliste für die anstehenden Vorhaben erstellt werden. Aufgrund der Haushaltssperre habe diese Leitplanung aber nicht vergeben werden können, teilt jetzt Florian Froberg aus dem Esslinger Tiefbauamt mit. Stattdessen habe man eine Umfrage beim Inklusionsbeirat, der AG Barrierefreiheit, unterschiedlichen Behindertenverbänden und dem Stadtseniorenrat durchgeführt, um Hauptrouten und Hindernisse zu identifizieren und in die Planungen einfließen zu lassen.
Schwachstellen werden nach und nach abgebaut
Statt eine groß angelegte Leitplanung zu verfolgen, nähert man sich nun schrittchenweise der Barrierearmut. Der Inklusionsbeirat zeige der Stadtverwaltung bei Vor-Ort-Terminen dringend zu behebende Schwachstellen auf, für die man dann bedarfsgerechte Lösungen erarbeite, heißt es aus dem Tiefbauamt. „Diese Lösungen werden dann in Abhängigkeit der vorhandenen personellen und finanziellen Ressourcen umgesetzt“, sagt Florian Froberg – sprich: wenn genug Personal und Geld vorhanden ist. Zudem versuche man, bei ohnehin geplanten Bauarbeiten auch Barrieren abzubauen. So wie derzeit etwa in der östlichen Altstadt, wo die Kanäle abschnittsweise instandgesetzt und im gleichen Zuge auch barrierefreie Streifen angelegt werden.
Bei den Betroffenen zeigt man sich zwiegespalten über das Vorgehen. Während die einen den Fortschritt in Richtung mehr Barrierearmut loben, kommt von anderen Kritik: Zu langsam und nicht weit genug gingen die Bemühungen der Stadt. So ist etwa Sigrid Ringwald vom Stadtseniorenrat alles andere als begeistert über das abgefräste Pflaster in der Esslinger Innenstadt. „Für uns Betroffene ist das Pflaster ein Ärgernis“, sagt Ringwald, die sich selbst als gehbehindert bezeichnet. Sie könne ein Bein nicht gut heben und sei deshalb schon mehrfach gestürzt in der Esslinger Innenstadt. Die abgeschliffenen Streifen seien zwar besser als das holprige Kopfsteinpflaster, aber trotzdem nicht ideal. „Ich hätte gern einen ebenen Belag wie auf der Inneren Brücke“, sagt Ringwald.
Andere Kollegen aus dem Stadtseniorenrat hingegen halten das abgefräste Pflaster für eine gute Lösung. „Wie haben nun einmal eine mittelalterliche Stadt und deren Charakter soll ja erhalten bleiben“, findet Gerhard Haug. Auch Hanna Scherieble ist zufrieden mit dem Ansatz – und beide sind der Meinung, dass es durchaus vorangeht beim Thema Barrierefreiheit in Esslingen. Zwar hätte er etwas mehr Tempo erwartet, räumt Haug ein. Doch es habe sich durchaus einiges bewegt, sind sich die Stadtseniorenräte einig. Und zwar nicht nur beim Thema barrierearme Altstadt, sondern auch etwa beim barrierefreien Ausbau von Bushaltestellen oder bei der Sensibilisierung der Bevölkerung für die Belange von Menschen mit Einschränkungen.
Historische Altstadt birgt Herausforderungen
Auch im Rathaus betont man, dass bereits eine ganze Reihe barrierefreier Querungen in der Altstadt geschaffen worden seien. Allerdings könne man mit den vorhandenen personellen und finanziellen Ressourcen nur nach und nach den Wünschen und Anregungen der Betroffenen nachkommen. Zumal Eingriffe in der denkmalgeschützten Altstadt mit besonderen Herausforderungen einhergingen. Denn man müsse die historische Innenstadt erhalten und gleichzeitig Barrieren abbauen. Zudem sei für jegliche Veränderung eine denkmalschutzrechtliche Genehmigung notwendig. Gleichwohl sei klar, dass besonders in der Innenstadt die Barrierefreiheit ein zentraler Faktor sei, um den mittelalterlichen Stadtkern für alle nutzbar und erlebbar zu machen, betont die Stadtverwaltung.
Für Diana Rüdt von der Koordinierungsstelle Inklusion im Esslinger Rathaus sind die barrierefreien Querungen, die durch das Abfräsen des Kopfsteinpflasters entstehen, ein guter Kompromiss zwischen den Bedürfnissen von Menschen mit Behinderung und den Anforderungen des Denkmalschutzes. Allerdings müssten diese aus ihrer Sicht noch kontrastreich markiert werden, um sie für Menschen mit Behinderung besser auffindbar zu machen – und um ein Zuparken oder Zustellen zu verhindern.
Barrierefreie Zugänge
Querungen
Nach Angaben der Stadtverwaltung wurden in den vergangenen Jahren in der Esslinger Altstadt bereits eine ganze Reihe barrierefreier Querungen geschaffen, etwa in der Ritterstraße, der Milchstraße, der Küferstraße, am Rathausplatz, am Marktplatz, in der Abt-Fulrad-Straße sowie am Neckarforum. Dabei handele es sich um einen 1,25 Meter breiten barrierefreien Pflasterstreifen. Auch in der Heugasse und Im Heppächer sei ein barrierefreier Streifen geplant. Von Betroffenen gefordert wird zudem ein barrierearmer Gehstreifen in der Webergasse als Zugang zum stufenlosen hinteren Eingang der Stadtbücherei.
Toilette
Im Zuge der Diskussionen um eine barrierearme City wird schon lange eine barrierefreie öffentliche Toilette in der östlichen Altstadt gefordert. Kurz vor der Sommerpause hat die Stadtverwaltung angekündigt, Pläne für eine solche WC-Anlage hinter dem Café Uferlos im Maillepark voranzutreiben.