Kopftuch-Mode Ein Profil wie Kleopatra

Die modebewusste Palästinenserin Ghada will zeigen, dass sie Muslima ist. Foto: Inge Günther
Die modebewusste Palästinenserin Ghada will zeigen, dass sie Muslima ist. Foto: Inge Günther

Das Kopftuch ist für viele muslimische Frauen zu einem Mode-Accessoire geworden. Ein Stoffdutt darunter täuscht voluminöses Haar vor. Religiöse Sittenwächter prangern den Look an.

Korrespondenten: Inge Günther (geg)
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Jerusalem - Das Ding hat die Größe einer extradicken Pampelmuse. Es ist aber eine Kugel aus gebauschtem Tüll oder anderem aufgeplustertem Stoff und dient nur einem Zweck: Dem weiblichen Hinterkopf ein Volumen zu verleihen, das die Illusion einer prächtigen Haartracht unter dem Kopftuch kreiert. Solche wuchtigen, lang gestreckten Häupter galten schon in der Antike als Schönheitsideal, wie man seit Kleopatra weiß. Inzwischen hat diese Mode einen Siegeszug in der arabischen Welt angetreten, ausgehend von den Golfstaaten, wo sie in den Malls von Dubai und Kuwait entstand, bis hin zu den Palästinensern in Jerusalem und der Westbank.

Vielen Männern scheint der neue Look zu gefallen, den Imams und religiösen Sittenwächtern aber nicht. Sie verdammen den „Bukle Khalidschieh“ (vom Golf stammend) – wie der Stoffdutt unter Hinweis auf seine Herkunft oft bezeichnet wird– als „haram“, also als sündig und mithin verboten. Eine anständige Muslima hat sich zu verhüllen, am besten in einen weitgeschnittenen, bodenlangen Dschilbab in unauffälligen Farben, um ja nicht irgendwelche männlichen Begehren, sei es auch nur gedanklicher Art, zu wecken.

Viele Schnickschnack-Läden profitieren von dem Buff-Hype

Nur, darum scheinen sich immer weniger junge muslimische Frauen zu scheren. Sie mögen es, sich mit dem „Bukle Khalidschieh“, von ihnen kurz „Buff“ genannt, auszustaffieren, am liebsten mit bunten und kunstvoll verschlungenen Kopftüchern darüber. Eine Menge Schnickschnack-Läden profitiert davon, so auch „Jasmine Accessoires“ in der Ost-Jerusalemer As-Sahra-Straße, wo die Buff-Clips an Kordeln direkt neben der Eingangstür baumeln. Vor allem Kundinnen im Alter zwischen zwanzig und dreißig Jahren wollten die Dinger, meint der Verkäufer. „Die sehen an ihnen auch einfach gut aus.“ Aber nein, das sei „haram“ mischt sich eine Kopftuchfrau im dunklen Mantel ein, die mit ihren Schwestern gerade vorbeikommt. Es gebe da doch dieses Zitat aus dem Hadith – einer Sammlung von überlieferten Weisheiten des Propheten – wonach Frauen mit Höckern auf dem Kopf zur Hölle fahren würden.

Ghada, 33, hat das alles schon tausend Mal gehört. Von entfernten frommen Verwandten, von Nachbarn, von Kollegen. „Dauernd kommt einer damit an, das sei haram“, sagt sie und winkt ab. Sie lasse sich weder einschüchtern noch vorschreiben, wie sie sich kleide. In ihrer Generation liefen doch alle so rum, in Jerusalem, Ramallah, sogar im erzkonservativen Hebron.

Ghada hat über fünfzig Buffs zu Hause

„Wir wissen, dass es verboten ist, aber der Buff schmeichelt einfach dem Gesicht“, erzählt sie strahlend. Ghada ist eine modebewusste Palästinenserin. In der Öffentlichkeit zeigt sie sich perfekt gestylt: pinkfarbener Lippenstift, blauer Lidschatten, abgestimmt auf das knallblau eingefasste Kopftuch und das gleichfarbige Bolero-Jäckchen. Eine schöne Frau, die weiß, was ihr steht. Nichts an ihrer Erscheinung erinnert daran, dass sie am Rande des Flüchtlingslager Schuafat aufgewachsen ist, als eines von insgesamt 13 Geschwistern und Halbgeschwistern. Dort lebt sie noch immer, als glücklicher Single, wie sie betont, in den eigenen vier Wänden im Haus des Vaters, der nach dem Tod der Mutter ein zweites Mal geheiratet hat. „Keiner in meiner Familie“, sagt Ghada stolz, „hat mich je zu etwas genötigt.“

Erst spät hat sie angefangen, ein Kopftuch zu tragen. Warum überhaupt? Sie zuckt die Achseln. „Um zu zeigen, dass ich eine Muslima bin.“ Nein, besonders religiös sei sie nicht, auch wenn sie als Protokollantin beim Scharia-Gericht arbeitet, das in Jerusalem die Familienangelegenheiten von Moslems regelt. Job ist Job. Ansonsten tut sie, was ihr Spaß macht, treibt Sport, geht Schwimmen (und zwar im Ganzkörperanzug mit Hidschab) und einmal die Woche zum Salsa-Kurs – mit aufgeplustertem Kopftuch versteht sich. Seitdem sie vor einem Jahr erstmals den buschigen Clip auf dem Hinterkopf drapiert hat, verlässt sie das Haus nicht mehr ohne. „Ich habe über fünfzig davon“, gesteht sie lachend, „und dazu Kopftücher in allen Ornamenten, Mustern und Farben“.

Das Kopftuch als Mode-Accessoire

Das islamische Kopftuch, das eigentlich weibliche Reize verbergen soll, hat sich nach diesem Konzept ins Gegenteil verkehrt. Für junge Frauen wie Ghada ist es zum zentralen modischen Accessoire geworden, zum Aufsehen erregenden Kopfschmuck.

Neuester Trend: bei Hochzeiten trägt die arabische Braut von heute gerne einen raffiniert geschlungenen Hidschab statt aufgedrehter Locken unter durchsichtigem Schleier. Jeder Schönheitssalon in Ost-Jerusalem oder Ramallah, der auf sich hält, bietet inzwischen den Bräuten an, die mehrere Meter langen Stoffbahnen so zu falten und zusammen zu stecken, dass sie über einen, mittels Buff dramatisch verlängerten Hinterkopf auf den Rücken wallen. Ghada würde das auch gefallen, sollte sie jemals einem Mann das Ja-Wort geben. Zwei, drei Kandidaten, die beim Antrag anfragten, ob sie in der Ehe bereit sei, einen Dschilbab, den unförmigen Mantel, zu tragen, kassierten allerdings einen Korb. „Vergiss es“, hat Ghada ihnen allen gesagt, „ich lasse mir nichts aufzwingen.“




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