Korber macht Karriere auf Umwegen Hauptschule, abgebrochene Lehre – und jetzt geht’s für Pascal an die US-Eliteuni

, aktualisiert am 09.07.2025 - 18:07 Uhr
Pascal Seitz in einem Seminarraum der Fachhochschule Aalen, wo er gerade den Bachelor-Abschluss in Wirtschaftsinformatik macht Foto: Martin Tschepe

Als Pascal Seitz auf die Hauptschule in Korb kam, war er ein frustrierter Junge. 18 Jahre später ist er ein selbstbewusster Mann, der zielstrebig den Weg zum Traumjob verfolgt.

Rems-Murr/ Ludwigsburg: Martin Tschepe (art)

Pascal Seitz sitzt in seinem BMW-Coupé, der Sportwagen rollt auf der Bundesstraße 29 an Schorndorf vorbei in Richtung Ostalbkreis. Noch ein paar Minuten, dann ist der junge Mann in Aalen, wo er an der Fachhochschule Wirtschaftsinformatik studiert. Er hat seinen Bachelor quasi in der Tasche, alle Prüfungen sind geschrieben, es fehlt nur noch die Abschlussarbeit. Wer hätte das gedacht, damals in der Hauptschule, dass der kleine, ein bisschen pummelige Pascal mal Akademiker wird, der verschüchterte Bub aus Korb im Remstal.

 

Er selbst jedenfalls nicht, sagt Pascal Seitz und grinst. Ende August wird er seine Bachelor-Arbeit abgeben, in der geht es um „erklärbare KI“. Pascal Seitz schreibt den wissenschaftlichen Text über die sogenannte Explainable Artificial Intelligence auf Englisch, er befasst sich mit Prozessen und Methoden, anhand derer menschliche Nutzer die von Algorithmen des maschinellen Lernens erzeugten Ergebnisse nachvollziehen und verstehen können. „Ich habe meine Passion gefunden“, sagt Seitz, der seit ein paar Jahren fast täglich nach oder auch mal vor dem Büffeln ins Fitnessstudio geht. Das sieht man ihm an: von wegen pummelig. Pascal Seitz’ Körper ist durchtrainiert. Ein cooler Typ, der erzählt, dass er später mal eine Familie gründen will.

Vielleicht wird es eine glatte 1,0 für Pascal Seitz

Vorerst hat er aber noch andere Pläne. In Aalen schaut er nur noch sporadisch vorbei. Der Student arbeitet zwar weiter als Tutor an seiner Hochschule, aber fast nur remote, daheim am Computerbildschirm.

Stopp auf dem Parkplatz des Campus’. Im Gebäude trifft Pascal Seitz die Sekretärin Christine Schmid, die von sich selbst mit einem Augenzwinkern sagt: „Ich mache hier alles außer Vorlesungen.“ Frau Schmid gehört seit vielen Jahren zum Inventar der kleinen Hochschule im Ostalbkreis. Sie kennt fast alle Studentinnen und Studenten des Fachbereichs mit Namen – und sie fragt den seltenen Gast aus dem Rems-Murr-Kreis, ob er es jemals bereut habe, in Aalen zu studieren. Die Antwort kommt blitzschnell: „Nein!“ Dann will sie noch wissen: „Hat’s geklappt mit dem Master-Studienplatz in den USA?“ Pascal Seitz antwortet: Es reichte mit der Traumnote 1,1. Vielleicht, sagt er, werde es sogar eine glatte 1,0. Kommt auf die Abschlussarbeit an.

Der ehemalige Hauptschüler wurde kürzlich angenommen von der Elite-Universität Brown in Providence. In der Stadt im US-Bundesstaat Rhode Island an der Ostküste wird er seinen Master in Informatik machen. Los geht das Auslandsstudium allerdings erst im Sommer 2026. Zuvor, im Herbst und im Winter, wird Pascal Seitz ein mehrmonatiges, bezahltes Praktikum bei der Firma Trumpf in Ditzingen einschieben, einem der weltweit führenden Unternehmen für Werkzeugmaschinen, Laser sowie Elektronik.

Pascal Seitz hat nach der Hauptschule nicht den direkten Weg genommen in Richtung Zukunft. Er hat seinen Realschulabschluss gemacht, dann aber seine Lehre geschmissen und später das Studienfach gewechselt. Er hat fast immer nebenher gejobbt – um über die Runden zu kommen – aber auch, um sich den schicken BMW leisten zu können. Mittlerweile hat er ein Stipendium.

Viele sprechen von der „Deppen-Schule

Rückblick, Sommer 2006. Nach der Grundschule heißt es für den damals zehnjährigen Pascal: Hauptschule. Viele Menschen sprechen damals von der „Deppen-Schule“, der Rest-Schule für jene Kinder, die angeblich nicht viel drauf haben. Pascal landet an einer Schule, die sich kaum eine Mutter, kaum ein Vater für die eigenen Sprösslinge wünscht. Pascal ist frustriert und desillusioniert. „Das war für mich der Weltuntergang“, sagt der 28-jährige Student heute. Der Bub aus Korb – der Vater selbstständiger Friseurmeister, die Mutter Kosmetikerin – ist zusammen mit rund 15 weiteren Kindern da gelandet, wo keiner hin will.

Der Fünftklässler Pascal 2006 im Kreise seiner Mitschüler Foto: © C) Gottfried Stoppel

Die Stuttgarter Zeitung startet damals ein Langzeitprojekt und begleitet diese Schüler von der Fünften bis zum Abschluss in der Neunten. Die Kinder der StZ-Klasse haben Glück: bis zum Hauptschulabschluss an der Keplerschule Korb werden sie von engagierten Pädagoginnen und Pädagogen begleitet. Während der gesamten Schulzeit geht es immer auch um die Berufsbildung. Beziehungsarbeit ist den Lehrern immer mindestens so wichtig wie Fachwissen. Alle Teenager der StZ-Klasse schaffen den Hauptschulabschluss.

Immer wieder bricht Pascal Seitz ab

2013, gut zwei Jahre nach dem Abschluss erzählt Pascal Seitz dem Reporter, dass er seine Traumlehre als Automobilkaufmann schon nach ein paar Wochen beendet habe und stattdessen nun das Abitur machen wolle. Nach diesem Treffen ist von Pascal Seitz und den anderen Ex-Schülern der StZ-Klasse lange Jahre nichts mehr zu hören. Funkstille.

Frühsommer 2025, eine E-Mail von Pascal. Er berichtet, wie sein Leben weiterging, vom Studium in Aalen und vom Platz an der Brown Uni. Das zweijährige Studium werde ihn rund 80 000 Dollar kosten. Das alles, sagt er nun, sei für ihn „nach wie vor surreal, wenn man bedenkt, von welchem Punkt aus wir als Hauptschüler gestartet sind“. Die USA? Ein Studium? Das war damals für ihn weiter entfernt als der Mond. „Die Welt ist voller wunderbarer Möglichkeiten, das hätte ich gerne früher in meinem Leben gewusst.“

Umzug von Korb nach Winnenden

Beim Rundgang durch die Aalener Hochschule plaudert der einst schüchterne Hauptschüler munter weiter. Erzählt, dass er nicht mehr bei seinen Eltern in Korb lebt, sondern allein in einer Wohnung seiner Großeltern in der Nachbarstadt Winnenden. Nach dem Abitur 2016 sei er in eine Identitätskrise gerutscht. Während einer mehrmonatigen Reise durch Kanada und die USA sei ihm dann klar geworden, dass er unbedingt in den Staaten studieren will.

Zunächst aber der Studienstart an der Uni Hohenheim: Wirtschaftswissenschaften. Nach zwei Semestern schmeißt Pascal hin. Dann Wirtschaftsinformatik an der Uni Stuttgart, nach vier Semestern abgebrochen. Pascal Seitz erzählt, dass er sich immer voll reingehängt habe, aber das große Ziel – die USA – sei nicht in Reichweite gekommen. Er engagiert sich bei der Studentischen Unternehmensberatung und lange Jahre auch bei seinem Heimatsportverein SC Korb als Schwimmtrainer.

Nach dem Aus an der Uni Stuttgart recherchiert er lange im Internet, sucht nach seinem Weg – und stößt auf die Fachhochschule in Aalen. Der Studienabbrecher ruft an und erreicht Christine Schmid. Im Rückblick wieder so ein Glücksfall, wie damals an der zunächst ungeliebten Hauptschule. Die Sekretärin ermutigt Pascal Seitz, sagt, er könne vom ersten Semester an sein großes Ziel ins Visier nehmen: ein Masterstudium in den USA. Die Professoren würden ihn dabei unterstützen.

Nur ein Schultyp für alle Kinder?

Pascal Seitz sagt, er sei heute mit Leidenschaft bei der Sache, habe Durchhaltevermögen. Nach dem Hauptschulabschluss hätte er das nie im Leben für möglich gehalten.

Ein Treffen mit dem ehemaligen Rektor der Korber Hauptschule, Thomas Kuntz. Er ist seit ein paar Jahren pensioniert und spricht Klartext: „Alle Kinder“, sagt der Pädagoge, „sollten bis Klasse zehn gemeinsam unterrichtet werden.“ Das helfe den Starken und den Schwachen. In der Lehrerausbildung müsse indes viel mehr Wert gelegt werden auf Pädagogik. Lehrer, die nur ihr Fachgebiet beherrschen, etwa Mathematik oder Biologie, „haben an Schulen nichts verloren“. Nur ein Schultyp für wirklich alle Kinder – also auch keine Gymnasien mehr – das sei, so Kuntz, „als Vision genial“. Die frühe Trennung nach Klasse vier sei „für ganz viele Kinder eine Demütigung“.

Bildungsbotschafter an seiner alten Korber Schule

Pascal Seitz weiß heute: „Der Hauptschulabschluss muss nicht das Ende des Bildungsweges sein.“ Künftig will er mithelfen, „Schüler so viel wie möglich zu unterstützen“. Kürzlich war er als Bildungsbotschafter an seiner alten Korber Schule und hat von seinem Stipendium erzählt. „Solche Informationen hätte ich früher gerne gehabt, uns wurde oft gesagt: ,schaut, dass Ihr schnell einen Job findet.“ Seit Kurzem engagiert sich der Aalener Student beim Project Access, einer britischen Non-Profit-Organisation, die unterprivilegierten Studenten hilft, einen Platz an einer Top-Universität in Großbritannien und in den Vereinigten Staaten zu bekommen.

Wo sieht sich der einstige Korber Hauptschüler in Zukunft? Nach dem Masterabschluss an der Uni Brown, voraussichtlich 2028, würde Pascal Seitz gerne ein paar Jahre in den USA bleiben und bei einem Big-Tech-Konzern arbeiten – bei Meta, Microsoft oder Facebook. Langfristig sieht er sich aber in seiner Heimat. „Winnenden“, sagt er, „ist für mich ideal.“ Schnell in der Großstadt Stuttgart, schnell im Schwäbischen Wald. Und auch hier gibt es ja einige Global Player, die einen KI-Experten wie Pascal Seitz bestimmt gut gebrauchen könnten.

Weitere Themen