Koreanische Hochzeit in Stuttgart Nach 45 Jahren – „Ohne den Killesberg gäbe es unsere Familie nicht“

Lee Mi Won und Kim Yun Sool (Mitte) und Familie bei ihrer Hochzeit im Höhenpark Killesberg im Jahr 1980. Noch heute fühlen sie sich mit Stuttgart verbunden. Foto:  

Kim Yun Sool und seine Frau haben sich in Stuttgart kennengelernt und dort auch geheiratet. 45 Jahre, drei Kinder und drei Enkel später erzählen sie vom Geheimnis ihrer Liebe.

Familie, Zusammenleben und Bildung: Julika Wolf (jwo)

Schon als Kind träumte Kim Yun Sool von Deutschland. In der Schule in Korea lernten die Kinder deutsche Lieder, den „Lindenbaum“ von Franz Schubert kann er heute noch. Irgendwie faszinierte ihn das Land im fernen Europa, mit seinem „Wirtschaftswunder am Rhein“ und der Disziplin und Zuverlässigkeit. Für ihn stand früh fest: Er würde einmal in Deutschland studieren.

 

Ein Wunsch, der in den 70ern unerreichbar schien für einen bäuerlichen Jungen aus einem kleinen koreanischen Dorf. Zwar studierte sein Bruder bereits in Berlin, aber er konnte ihn nicht nachholen. Erst über einen deutschen Ingenieur, der jungen Koreanern Ausbildungen in Deutschland organisierte, erreichte er sein Ziel. 1978 war das. Weil der Sprachkurs in Stuttgart stattfand, verschlug es den damals 28-Jährigen in ein Dachgeschosszimmer im Saumweg. Mit Blick auf den Höhenpark Killesberg.

Koreanischer Sprachstudent: Mit Gelegenheitsjobs hielt er sich über Wasser

Während des Sprachkurses durfte er nicht arbeiten – zumindest nicht offiziell. Seine Vermieterin besorgte ihm kleine Gelegenheitsjobs, für die er ein Taschengeld bekam. „Ohne diese Unterstützung wäre der Anfang in Deutschland wesentlich schwieriger gewesen“, sagt er.

Eine Liebe zur Natur hatte er schon immer, sagt der heute 75-Jährige. Deshalb gefiel ihm auch der Park so gut, der in der Nähe seiner Wohnung lag. „Für mich als jungen Mann, der die deutsche Landschaftsarchitektur studieren wollte, war der Killesberg ein lebendiges Lehrbuch“, sagt er.

Bei seinem Sprachkurs traf er Lee Mi Won, eine junge Frau, die ebenfalls nach Deutschland gekommen war, um zu studieren. Dass sie sich erst in Stuttgart trafen, ist eigentlich ein Wunder – ihre beiden Heimatstädte in Korea liegen nicht weit entfernt. Kim hatte sogar schon mit Lees Familie zu tun gehabt.

Natürlich zeigte er ihr bei einem Spaziergang seinen Lieblingspark auf dem Killesberg. Das Bild haben die beiden heute noch im Kopf. Auf dem Hügel stand ein großer Baum, die Zweige formten ein Dach bis zum Boden. „Den Hängebaum“, so nennen die beiden ihn. Von außen habe man kaum hineinsehen können – aber in der Mitte stand eine lange Bank. „Dort begann unsere Geschichte“, sagt Kim Yun Sool.

Der erste Kuss unter dem Hängebaum – auf dem Killesberg

Das erste Mal Händchen halten, der erste Kuss, beides passierte unter dem Hängebaum. „Vielleicht war das der Moment, in dem wir uns still verlobten“, sagt er.

Die Hochzeit im Höhenpark. Foto: privat

Im Oktober 1980 heirateten die beiden – im Höhenpark Killesberg. In einem Artikel unserer Zeitung wurde damals über die besondere Hochzeit berichtet. „Während am Sonntagvormittag der Bräutigam seine Frau vor rund hundert Gästen zum Traualtar führte, saßen viele tausend Kilometer entfernt die Angehörigen der beiden in einem koreanischen Nationalpark, um die Hochzeit mitzufeiern“, steht dort. „Bei jeder Hochzeit werden so viele Blumen abgeknickt und verschenkt“, sagte Kim Yun Sool der Zeitung damals. Die Blumen im Höhenpark sollten auch nach der Hochzeit noch weiterblühen.

Genügsam und pragmatisch, und trotzdem romantisch. So kommt der 75-Jährige auch heute rüber, wenn man sich mit ihm unterhält. Sein Deutsch ist über die Jahre eingerostet, der Schwager übersetzt für seine Frau und ihn. Wenn sie erzählen, dann führt Kim meistens das Wort, und sie ergänzt, stupst ihm den Ellenbogen in die Seite, wenn er zu tief ins Detail geht – oder Dinge erzählt, die ein bisschen unangenehm sind.

Familie Kim: Die ersten beiden Kinder kamen in Deutschland zur Welt

Zum Beispiel, warum sie damals so schnell heirateten. Nicht mal ein Jahr lag zwischen dem ersten Kennenlernen und ihrer Hochzeit. Der Grund: Lee Mi Won war schwanger. Sie grinsen. 1981 kam ihre Tochter zur Welt. Zu diesem Zeitpunkt lebten die beiden schon in Ingelheim, in Rheinland-Pfalz, wo er seine Ausbildung zum Garten- und Landschaftsbauer machte und sie als Helferin im Krankenhaus arbeitete. Auch das zweite Kind, ein Junge, kam dort 1983 zur Welt.

Mit dem Ende seiner Ausbildung ein Jahr später lief auch das Visum aus. Die Familie musste zurück nach Korea. Zu Beginn lief es in der Heimat schleppend. Doch mit der Zeit bekam er mehr und mehr Aufträge als Garten- und Landschaftsbaumeister. Er baute ein Unternehmen auf, vor allem für Luxushotels gestaltete er die Gärten. 1988 machte er sogar die koreanische Hauptstadt Seoul für die Olympischen Spiele hübsch.

Drei Jahre später kam das dritte Kind zur Welt. Ein Nachzügler. Das Unternehmen beschäftigte mehr als 30 Mitarbeiter. Alles schien gut zu laufen. Bis die südkoreanische Wirtschaft 1997 durch die Asienkrise stark einbrach – und das Unternehmen der Familie mit. Den neuen Firmensitz, den sie mit viel Geld und Mühe gebaut hatte, musste sie verkaufen. Die Firma ging fast bankrott. „Rückblickend war viel davon auch meine eigene Selbstüberschätzung: Ich hatte nicht daran gedacht, mich auf mögliche Krisen vorzubereiten“, sagt der 75-Jährige.

Sieben Jahre lang lebte die Familie in ärmlichen Verhältnissen, sagt er. Eine schwere Zeit. Am heftigsten nagte an ihm, dass sich einige in der Familie und im Bekanntenkreis von ihm abwandten. Das passt bis heute nicht in sein religiöses Weltbild. Zum Glück berappelten sich sowohl die Wirtschaft des Landes als auch die Firma der Familie wieder.

Bis heute läuft das Unternehmen. Inzwischen ist Kim Yun Sool ausgestiegen, der jüngste Sohn hat die Geschäfte übernommen. Kim genießt seinen Ruhestand. Seine Frau arbeitet noch. Die 67-Jährige ist heute Pastorin.

Zu Deutschland hat die ganze Familie noch immer eine enge Bindung. „Wenn ich in Korea einen Deutschen treffe, behandle ich ihn wie einen engen Freund“, sagt Kim. Er wolle zurückgeben, was die Deutschen seiner Familie damals ermöglichten.

Kim Yun Sool: „Für mich ist Stuttgart nicht nur eine Stadt“

Besonders verbunden sind Kim Yun Sool und Lee Mi Won nach wie vor mit Stuttgart. „Für mich ist Stuttgart nicht nur eine Stadt – es ist der Ort, an dem meine Liebe und mein Lebensweg begannen“, sagt er heute. „Ohne den Killesberg gäbe es unsere Familie nicht.“

Was ist das Geheimnis einer so langen und glücklichen Beziehung? „Wir haben immer versucht, den anderen zu verstehen, bevor wir uns selbst erklären“, sagt Kim Yun Sool. Zuhören, nicht nur miteinander sprechen, das sei wichtig. Er ist dankbar, dass sie nach vielen Jahren noch sagen können: Ich bin froh, dass du an meiner Seite bist. „Und vielleicht ist unsere Liebe wie unser Baum. Tief verwurzelt und gleichzeitig flexibel“, sagt er und lacht.

Der jüngste Sohn hat die Tradition fortgesetzt: Er heiratete auch im Grünen. Foto: privat

Nach 45 Jahren haben sie drei Kinder und drei Enkelkinder. Momentan wohnen drei Generationen unter einem Dach – ein Sohn und seine Familie lebten bis vor Kurzem in Polen. Von dort aus besuchten sie den Höhenpark Killesberg und die alte Wohnung im Saumweg. „Es war wie eine Zeitreise“, sagt die Schwiegertochter.

Gibt es auch in Korea einen Ort, den sie so schätzen wie den Höhenpark? „Unseren Garten“, sagt Kim Yun Sool und lächelt. Natürlich. Mit einer Hochzeit im Garten hat der jüngste Sohn die Tradition seiner Eltern fortgeführt. Nur der Hängebaum fehlte – den gibt es in Korea nicht. Um ihn zu sehen, müssen sie wohl zurück nach Stuttgart kommen.

Weitere Themen