Koreanische Schulen in Japan Lernen unter den Augen von Diktator Kim Jong-un
In Japan leben Hunderttausende Menschen koreanischer Herkunft. Etliche Schulen im Land werden von Pjöngjang unterstützt. Doch denen wurden die Mittel gestrichen.
In Japan leben Hunderttausende Menschen koreanischer Herkunft. Etliche Schulen im Land werden von Pjöngjang unterstützt. Doch denen wurden die Mittel gestrichen.
„Ausländer werden in diesem Land generell diskriminiert“, sagt Chang Malryo. „Aber andere ausländische Schulen kriegen immerhin Unterstützungsgelder, wir seit gut zehn Jahren nicht mehr.“ Die Lehrerin für Sozialkunde und Englisch sitzt in einem Besprechungszimmer der „Kanagawa Chousen Gakkou“, der Koreanischen Mittel- und Oberschule Kanagawa in Yokohama, und ist sauer auf den japanischen Staat.
Die 62-Jährige lehrt die komplizierte Geschichte zwischen Japan und Korea – allerdings nicht nur aus japanischer Perspektive, sondern auch aus nordkoreanischer. Denn die Schule wird, wie rund 60 weitere in Japan, von Pjöngjang gesponsert – und das ist auch der Grund dafür, warum Tokio die Unterstützung gestrichen hat. „Unsere Schule braucht dringend Geld“, betont Chang. „Wir haben hier keine Möglichkeiten, in moderne Technologien zu investieren.“
Im Treppenhaus wird gehämmert. Der marode Bau wird mit Geldern der Eltern renoviert. Lehrerin Chang findet, das Geld hierfür müsse von Japan kommen. Es sei doch klar, dass die Regierung eine Verantwortung gegenüber den Koreanern habe, Japan habe Korea schließlich kolonisiert.
Bis heute leben 400 000 „Zainichi“, wie die koreastämmige Gemeinde genannt wird, in Japan. Chang ist die Enkeltochter zweier Menschen, die zur Zeit des japanischen Kolonialismus (1910 bis 1945) aus Korea nach Japan gebracht und zur Arbeit gezwungen wurden. Als Korea zum Ende des Zweiten Weltkriegs am 15. August seine Unabhängigkeit von Japan erhielt, konnten die Menschen nicht einfach zurückkehren.
Die Siegermächte teilten die Halbinsel in einen kommunistischen Norden und einen kapitalistischen Süden auf. Viele der Zainichi harrten zunächst aus, blieben in Japan. 1950 griff Koreas Norden den Süden an; ein drei Jahre langer Krieg mit Millionen Toten folgte.
Während sich Südkorea zu einer wohlhabenden Demokratie entwickelt hat, bleibt Nordkorea arm. Aber die Unterstützung von Schulen in Japan leistet sich das Regime um Diktator Kim Jong-un bis heute. Dabei geht es auch darum, die koreastämmige Bevölkerung im Ausland auf die Seite des Nordens zu ziehen, sagt Chong Young-hwan, Soziologieprofessor an der Meiji Gakuin Universität in Tokio: „Die Mehrheit der koreastämmigen Menschen in Japan hat heute den südkoreanischen Pass. Der erlaubt es ihnen, zu reisen.“ Aber emotional fühlten sich viele auch zum Norden hingezogen. Die Nachkömmlinge kolonisierter Koreanerinnen würden bis heute auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt diskriminiert.
Das bestätigt auch Kim Shutetsu, der die Oberstufe der Kanagawa Chousen Gakkou besucht. Außerhalb der Schule sei es schwierig, Freundschaften zu schließen. „Mein Opa kam aus Nordkorea. Ich fühle mich als Japaner und Koreaner, aus Süd und Nord.“ Der 17-Jährige würde gerne in beide Länder reisen. „Niemand hier würde behaupten, Nordkorea habe keine Fehler gemacht, aber im Unterricht betrachten wir mehrere Blickwinkel.“ Dass Pjöngjang japanische Staatsbürger entführt hat, sei so ein Fehler gewesen. „Auch Menschenrechte werden in Nordkorea verletzt, denke ich. Im Unterricht wird allerdings auch betont, dass die USA große Militärbasen in Südkorea haben und der Norden in der Lage sein muss, sich verteidigen zu können.“ .
Bevor der Schule die Mittel gestrichen wurden, standen jährlich Reisen und Austauschprogramme an, nach Nordkorea und Kanada. Mittlerweile fehlt es nicht nur an finanziellen Mitteln, auch die Schülerzahl sinkt. Vielleicht, so hofft man in Kanagawa, könnten sich nach Abschluss der Renovierungsarbeiten wieder mehr Schüler anmelden. Wobei die politischen Probleme dadurch kaum behoben werden.