Korntal-Münchingen Neue Berechnungen zum Lärm sind nötig

Viele Anwohner der Stuttgarter und der Markgröninger Straße wünschen sich Tempo 30, denn vor allem nachts werde dort schnell gefahren, und es sei laut. Foto: factum/Archiv
Viele Anwohner der Stuttgarter und der Markgröninger Straße wünschen sich Tempo 30, denn vor allem nachts werde dort schnell gefahren, und es sei laut. Foto: factum/Archiv

Eigentlich schon im November hatte der Gemeinderat von Korntal-Münchingen den Lärmaktionsplan verabschieden wollen. Doch weil es Zweifel an Daten zum Straßen- und Schienenverkehr gab, müssen manche Messungen neu gemacht und mögliche Folgen berechnet werden.

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Korntal-Münchingen - Es ist einer der letzten großen Punkte auf der Liste von Ingeborg Voss von der Aktionsgemeinschaft Verkehrsberuhigung: Tempo 30 in der Stuttgarter und der Markgröninger Straße. Seit der Gründung der AG 1992 kämpfen sie und zahlreiche andere Münchinger für ein ruhigeres Wohnen und zunächst für die mittlerweile realisierte Westumgehung, danach für die reduzierte Geschwindigkeit im Ortskern selbst. Rund 100 Anwohner der Hauptverkehrsstraßen haben mit ihrer Unterschrift diese Forderung unterstützt. „Wenn die Autos 30 fahren, ist es tatsächlich leiser“, sagt Ingeborg Voss, „das muss dann aber auch kontrolliert werden.“ Zwei bis drei Dezibel bringt ein Tempolimit, bei den Pegelspitzen gar bis zu sechs Dezibel, so die Stadt, die den Unterschied deshalb als „deutlich wahrnehmbar“ beschreibt.

Doch ob das Tempolimit kommt, ist weiter offen (mehr dazu in anderen Orten im Kreis). Voss spürt vor allem bei einigen Räten eine Ablehnung. Es war als eine mögliche Maßnahme genannt im Entwurf für den Lärmaktionsplan (LAP), der im Oktober präsentiert wurde. Im November sollte der Gemeinderat eigentlich den LAP ver­abschieden. Doch weil bei der ersten Präsentation der zugrunde liegenden Lärmkartierung im Juni Gemeinderäte und Bürger massive Zweifel an einigen Daten geäußert hatten, beauftragte die Stadt unter anderem neue Verkehrszählungen. Doch nun sind auch noch neue Berechnungen für die Lärmkartierung nötig, wofür die Verwaltung nun 17 000 Euro mehrheitlich vom Gemeinderat genehmigt bekommen hat. Der LAP soll damit im ersten Quartal 2015 verabschiedet werden. „Wir wollen schließlich einen zukunftsfähigen Plan“, begründete die städtische Umweltbeauftragte Angelika Lugibihl die erneute Verzögerung.

Denn unter anderem waren eben auch die für die Stuttgarter und die Markgröninger Straße angegebenen Zahlen zum Lastwagenverkehr in den Nachtstunden und ein Tempolimit im Beteiligungsprozess „kritisch hinterfragt“ worden, so Lugibihl. Die in die Lärmkartierung eingegangenen Werte stammten aus dem Jahr 2009, eine Messung von Januar 2014 an der Kreuzung Stuttgarter/Hauptstraße habe aber 2000 Fahrzeuge weniger pro Tag ergeben. Zudem gab es Zweifel, ob Tempo 30 nicht dazu führen könnte, dass sich der Verkehr in die kleineren Straßen verlagert. Bis zum Jahresende sollen nun die Ergebnisse eines aktuellen Gutachtens vorliegen. Dieses befasse sich auch mit der Frage, ob man die Geschwindigkeit nicht dadurch reduzieren könne, wenn man entsprechend wechselseitiges Parken erlaube.

Auch weitere neuere Daten sollen in die neuen Rechenläufe einfließen. Geklärt sind zunächst widersprüchliche Zahlen zur Verkehrsbelastung der Südstraße: die Daten der WEG zum Bau der Strohgäubahn-Werkstatt waren an einem anderen Punkt erhoben worden – an dem für die Stadt relevanteren Zählpunkt östlich des Korntaler Bahnhofs wurden deshalb nur gut 14 000 statt 20 000 Fahrzeuge täglich ermittelt. Dabei fehlen aber die Werte für Autos in die und aus der Charlottenstraße. „Es könnte deshalb herauskommen, dass die Lärmbelastung tatsächlich höher ist“, so Lugibihl.

Mit Blick auf die schon lange gewünschte Lärmschutzwand am Korntaler Bahnhof hatte zudem insbesondere der Grünen-Stadtrat Wolf Ohl immer wieder die Güterzugzahlen hinterfragt. Und auch die aktuell vorgelegten neueren – die zusammen mit den alten erstmals auch für die Öffentlichkeit sichtbar waren – nährten seine Zweifel: „Da sieht man ja, wie verlässlich die Zahlen sind.“ Denn für 2012 hatte die Deutsche Bahn gerade mal durchschnittlich je einen Güterzug pro Tag und pro Nacht (22 bis 6 Uhr) angegeben (enthalten sind auch die privaten Anbieter). Grund war laut einem Bahnsprecher der Ausbau für die S 60, weshalb der Güterverkehr auf die alte Gäubahnstrecke umgeleitet worden sei. Für dieses Jahr sind es dann 22 pro Tag und zwölf pro Nacht, dazu noch jeweils einige wenige Leerzüge oder Loks. Warum weder die Stadt noch das von ihr mit dem LAP beauftragte Ingenieurbüro früher die ersten Zahlen hinterfragt hatte, blieb unklar.

Ohl zweifelte zudem die Prognose der Bahn an, die für 2025 mit 30 und 23 nachts rechnet. Denn mit dem Ausbau einer Strecke in Richtung Schweiz sei für ihn klar, dass davon auch Korntal noch stärker betroffen werde. „Behaupten kann man schon mal viel“, heißt es dazu lapidar bei der Bahn. Güterverkehr sei nicht planbar, er suche sich seinen Weg – und welche Route er nehme, bestimmten vielmehr die Kunden, so der Sprecher weiter. Das gelte auch für die verwendete Antriebsart. „Es kann sein, dass sich Ströme ganz anders entwickeln. Auch wenn Stuttgart 21 gebaut ist, wird sich einiges ändern.“




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