Festvortrag von Dr. Dietrich Heißenbüttel „90 Jahre Rathausneubau. Warum sich die sachlich-zurückhaltende Rathausarchitektur von Paul Bonatz nicht für politisch-ideologische Projektionen des 3. Reichs eignet“ mit großer Publikumsresonanz.

Vor 90 Jahren ist der Rathausneubau nach kurzer Bauzeit an heutigem Standort eröffnet worden. Das Rathaus bestand aus dem weithin sichtbaren Wasserturm und einem langgestreckten Verwaltungsgebäude. Dieses Rathausjubiläum gab der Stadt den Anlass die Türen des Rathauses weit zu öffnen, um interessante Einblicke in die Arbeit der Stadt zu geben.

 

Oberbürgermeister Nico Lauxmann eröffnete den Tag der offenen Tür. Erster Bürgermeister Daniel Güthler und Vereinsvorsitzende Dr. Ruth Kappel gaben Einblicke in die Stadtentwicklung. Die Ansprache von Bürgermeisterin Martina Koch-Haßdenteufel und der Festvortrag waren am Abend der feierlicher Ausklang des besonderen Jubiläums. Der Vortrag war ein Geschenk des Geschichtsvereins an die Stadt und seiner Bürger.

Der Referent Dr. Dietrich Heißenbüttel studierte an den Universitäten Berlin, Stuttgart und Halle Architektur, Kunstgeschichte und Literatur. Nach Lehraufträgen an der Universität und der Kunstakademie Stuttgart sowie der Promotion ist Heißenbüttel vorwiegend als Journalist tätig und publiziert Bücher mit kunstgeschichtlichen Themen.

Die Besucher des Vortrags folgten gespannt den Ausführungen zur Baugeschichte des Rathauses mit Wasserturm: Paul Bonatz, der Architekt des Rathauses, leitete seit 1908 die Architekturfakultät der Technischen Hochschule (heute Universität) Stuttgart, die damals größte und modernste in Deutschland. Die so genannte „Stuttgarter Schule“ wird häufig als konservativ eingeordnet, was auf Bonatz jedoch nicht ganz zutrifft. Er war „in allen Lagern anerkannt“, wie der Autor eines Standardwerks zur modernen Architektur 1927 schrieb. 1927: Das war das Jahr der Stuttgarter Weißenhofsiedlung, die Bonatz kritisierte. Aber danach baute er selbst bevorzugt moderne Flachdachbauten.

Als er den Auftrag zum Rathausbau erhielt, hatte sich allerdings der Wind gedreht. Bonatz hatte sich mit einer freimütigen Äußerung in der Schweiz über Adolf Hitler in Schwierigkeiten gebracht. Er hat in der NS-Zeit vor allem Autobahnbrücken gebaut und versucht, auch größere Aufträge zu ergattern. Wer ihn als Anhänger der Nationalsozialisten bezeichnet, kann den Katalog zur großen Bonatz-Ausstellung 2011 in Frankfurt und Tübingen nicht kennen!

Für Kornwestheim war Bonatz die erste Wahl. Seit 1912, als erstmals ein neues Rathaus geplant wurde, stand er mit der Stadt in Kontakt. Ein Rathaus mit Wasserturm: für diese Aufgabe hätten Bürgermeister Alfred Kercher und der Salamander-Chef Jakob Sigle sich keinen besseren Architekten wünschen können, denn Bonatz war Spezialist auch für technische Bauwerke.

Info: Informationen zum Entstehen der Südstadt und dem Bau des Rathauses hält der Verein in den Beiträgen 2024 und 2025 zur Kornwestheimer Geschichte parat. Dietrich Heißenbüttel hat sich mit dem Rathaus beschäftigt. Natascha Richter spannt den Bogen weiter und hat sich mit den gebauten, aber auch mit den nicht gebauten Kornwestheimer Rathäusern auseinandergesetzt. Ruth Kappel beschreibt die Entstehung der neuen Mitte. Die Vereinsvorsitzende sieht das Areal rund um das Rathaus als Beispiel für planvolle „neuzeitliche Stadtbaukunst“. Der damals geplante Stadtpark ist heute essenziell für das Klima des nahezu waldlosen Ortes. Eine Postkarte, die das Rathaus mit Wasserturm von einer Drohne aus fotografiert, zeigt, sowie einen neuen Kornwestheimer Kalender 2026 gibt es. Verkauft werden die Publikationen im Bücherlurch, Bahnhofstraße 25. Die Beiträge kosten 9,50 Euro, der Kalender 2026 9,80 Euro.

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