Die Justiz ermittelt gegen den Chef eines Daimler-Zulieferers, der Korruption in seinem Kodex strikt ablehnt – doch auch Daimler-Mitarbeiter sind ins Visier der Staatsanwaltschaft geraten.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Andreas Müller (mül)

Stuttgart - Ihre „ethischen Grundsätze“ streicht die Firmengruppe Weis Industries mit Hauptsitz in Waiblingen gerne dick heraus. Es sei „für uns selbstverständlich, die geltenden Gesetze und Vorschriften überall in der Welt zu befolgen“, heißt es in dem Kodex für die mehr als 500 Mitarbeiter. Korruption wird von dem Unternehmen, das mit Produkten und Dienstleistungen unter anderem in den Bereichen Filtration und Automation tätig ist, „bei jeglichem geschäftlichen Handeln im In- und Ausland abgelehnt“. Man verzichte lieber auf ein Geschäft, wenn es nur mittels Gesetzesverstoßes zustande kommen könne, heißt es im Unternehmenskodex weiter.

Ausgerechnet der Geschäftsführer und persönlich haftende Gesellschafter, der die Belegschaft so auf Integrität einschwört, steht indes selbst unter Korruptionsverdacht. Seit 2010 ermittelt die Staatsanwaltschaft, wie erst jetzt bekannt wird, wegen Geschäften zwischen Weis Industries und der Daimler AG. Es geht laut einer Sprecherin um mögliche Bestechung und Bestechlichkeit im geschäftlichen Verkehr, ein Delikt, für das das Gesetz einen Strafrahmen von bis zu drei Jahren vorsieht.

Mitarbeiter sollen Geschenke angenommen haben

Nach Angaben der Ermittlungsbehörde richtet sich das Verfahren einerseits gegen „einen Verantwortlichen“ von Weis Industries, andererseits gegen mehrere Angestellte von Daimler samt einer Ehefrau. Der Vorwurf: Die Daimler-Leute hätten der Firmengruppe Aufträge zukommen lassen und sie gegenüber Mitbewerbern mit besseren Angeboten bevorzugt; teilweise seien die Aufträge überhöht abgerechnet worden. Im Gegenzug hätten sie Geschenke von Weis Industries angenommen, zumindest teilweise auch Sachpräsente.

Zum Wert der Zuwendungen und einem möglichen Schaden konnte die Justizsprecherin nichts sagen. Es gehe um einen Auftrag im fünfstelligen und einen im sechsstelligen Bereich. Bei den Daimler-Mitarbeitern stehe auch der Verdacht der Untreue im Raum. Schon im vorigen Herbst gab es bei mehreren Beschuldigten Durchsuchungen. Wie lange das Verfahren noch dauere, sei schwer abzuschätzen.

Auslöser war Strafanzeige von Daimler

Auslöser der Ermittlungen war eine Strafanzeige der Daimler AG, wie eine Konzernsprecherin bestätigte. „Compliance ist für Daimler von zentraler Bedeutung“, betonte sie. Man gehe jedem Hinweis auf Unregelmäßigkeiten nach, in diesem Fall habe sich der Verdacht bei der Überprüfung erhärtet. Daher habe der Konzern Strafanzeige unter anderem wegen Bestechlichkeit im geschäftlichen Verkehr erstattet. Wegen des laufenden Verfahrens wollte sich die Sprecherin nicht weiter äußern – auch nicht zu Informationen, wonach Daimler offenbar eine Auftragssperre gegen Weis Industries verhängt hat.

Von der Firmengruppe war keine Stellungnahme zu erhalten. „Zu Ihrer Anfrage können wir leider keine Auskünfte erteilen“, antwortete ein Geschäftsführer ohne weitere Begründung. Eine Nachfrage, wie man angesichts der ethischen Grundsätze mit dem Verdachtsfall in der Unternehmensspitze umgehe, blieb ohne Reaktion.

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