Strom und Gas in Baden-Württemberg Günstigere Tarife für Neukunden – wann sich ein Wechsel lohnt

Die Energiekrise trieb die Preise für Strom und Gas in die Höhe. Neue Verträge bieten Einsparpotenzial. Foto: Panthermedia/AndreyPopov

Preissturz bei Strom und Gas: Für Neukunden gibt es wieder Tarife, die deutlich günstiger sind als zu Beginn des Ukraine-Kriegs. Verbraucherschützer ermuntern zu einem Wechsel.

Digital Desk: Jonas Schöll (jo)

Strom und Gas waren nie so teuer wie in der Energiekrise. Das spüren Verbraucher auch heute noch im Geldbeutel. Im ersten Halbjahr 2023 sind die Preise nochmals stark gestiegen, lässt eine Meldung des Statistischen Bundesamts aufhorchen. Fürs Gas zahlten deutsche Haushalte – unabhängig vom Verbrauch – im Durchschnitt 12,26 Cent pro Kilowattstunde (kWh). Das waren rund 31 Prozent mehr als in den sechs Monaten davor. Beim Strom lag der Preis im Schnitt bei 42,29 Cent pro kWh, ein Plus von 21 Prozent. Grundpreis und gesetzliche Preisbremsen sind dabei mit eingerechnet.

 

Doch die gute Nachricht ist: Mit günstigeren Wechselangeboten können Verbraucher viel Geld sparen, wenn ihr bestehender Vertrag noch teuer ist. Die günstigsten Angebote für neue Strom- und Gaskunden liegen derzeit deutlich unterhalb der gesetzlichen Energiepreisbremsen (Strom 40 Cent je kWh, Gas 12 Cent je kWh), die rückwirkend zum 1. Januar gelten und Heizen und Strom erschwinglicher machen sollen.

Verivox-Daten, die unsere Redaktion für j eden Postleitzahlenbereich in Baden-Württemberg ausgewertet hat, machen die gesunkenen Preise sichtbar. Das Vergleichsportal macht die Rechnung für den geschätzten Jahresverbrauch einer drei- bis vierköpfigen Familie. Berücksichtigt werden dabei Verträge mit einem Jahr Preisgarantie. Für Gas werden dabei 20 000 kWh Verbrauch, für Strom ein Bedarf von 4000 kWh angenommen und der Preis auf zwölf Monate hochgerechnet.

Je nach Wohnort decken die günstigsten Neukundentarife den Beispieljahresverbrauch für Strom bereits ab etwa 1050 Euro ab. Je nach Tarif sind das um die 30 Cent je kWh plus monatlichem Grundpreis. Gas liefern die günstigsten Anbieter für etwa 1650 Euro Jahreskosten, pro kWh fallen hier um die neun Cent plus Grundpreis an. Doch es gibt regionale Preisunterschiede – das liegt an den unterschiedlich hohen Netzentgelten, die fast ein Viertel des Strompreises für Haushalte ausmachen.

Wer den günstigsten Tarif bietet, kann von Ort zu Ort schwanken. So zahlt die Beispielfamilie, die im „teuren Bad Wildbad“ den günstigsten Tarif abschließt, für Strom Stand 27. Oktober rund 1300 Euro, also etwa 300 Euro mehr als an den günstigsten Orten im Land. Der günstigste Gastarif liegt dort sogar mehr als 600 Euro über dem Preis in den günstigsten Gegenden.

Wie stark die Neukundentarife gesunken sind, zeigt sich am Beispiel Stuttgart. Die aktuell günstigsten Strom-Neukundentarife liegen dort für den Beispielverbrauch bei um die 1150 Euro pro Jahr. Noch im Herbst 2022, als die Preise in astronomische Höhen schossen, waren Neukundentarife, die den Bedarf einer Familie abdecken, nur für mehr als 2900 Euro Jahreskosten zu haben. Noch größer war der Preissturz jedoch beim Gas: In den günstigsten Tarifen zahlt eine Familie für einen Jahresverbrauch von 20 000 kWh in Stuttgart aktuell etwa 1830 Euro, im vergangenen Herbst mussten Neukunden dafür kurzzeitig beim günstigsten Anbieter bis zu 8000 Euro berappen. Die Preisschwankungen verliefen Baden-Württemberg-weit ähnlich.

Neukundentarife locken mit günstigeren Preisen

„Es lohnt sich für Neu- und Bestandskunden derzeit definitiv, über einen Wechsel nachzudenken“, sagt Strommarktexperte Mirko Schlossarczyk vom Beratungsunternehmen Enervis. Hauptgründe dafür seien deutlich gesunkene Großhandelspreise an den Energiebörsen sowie ein witterungsbedingt kräftig gestiegener Anteil von kostengünstiger Stromeinspeisung aus Windenergie und Solaranlagen in den vergangenen Monaten.

Neukunden können derzeit von „größeren Einsparungen“ profitieren, sagt auch Matthias Bauer von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Doch auch Verbraucher, die in einem längeren Vertrag stecken, können auf Entlastung hoffen: „Schon jetzt kündigen Versorger Bestandskunden an, die Preise in den nächsten Monaten zu senken. Einige Stromversorger haben dies auch schon getan.“ Auch manche lokalen Grundversorger haben ihre Preise seit Jahresanfang wieder gesenkt. Zu ihnen waren viele Kunden 2022 angesichts der hohen Neukundenpreise geflüchtet, weil Grun dversorger (oft Stadtwerke) lokale Kunden auffangen müssen. Bis Anfang 2023 stiegen aber vielerorts auch deren Tarife stark an. I nzwischen liegen günstige Neukundentarife wieder häufig unter dem Preis des örtlichen Grundversorgers : Im Landesdurchschnitt kostete Strom in der Grundversorgung laut Verivox für die Beispielfamilie zuletzt etwa 1700 Euro im Jahr, Gas etwa 2600 Euro – inklusive Preisbremsen bis März.

Das sind die günstigsten Anbieter

„Die Gründe für die Preisunterschiede bei den Endverbraucherpreisen liegen in der Beschaffungsstrategie der Energieversorger“, erklärt Experte Schlossarczyk. Darauf verweist auch Anja Fricke, Sprecherin von Deutschlands größtem Ökostromanbieter Lichtblick. Momentane Neukundenpreise seien günstiger, da deren Liefertermin unmittelbar anstehe und diese Liefermengen weitestgehend von aktuell gesicherten Handelsmengen bestimmt seien. Das Unternehmen bot zuletzt in vielen Orten in Baden-Württemberg einen der günstigsten Tarife an – mal ist Lichtblick am günstigsten, an anderen Tagen Konkurrenten wie die Elektrizitätsversorgung Berlin. Beim Gas unterbieten sich derzeit regelmäßig Anbieter wie Extra Energie und Maingau.

In der Regel deckten sich die Versorger rechtzeitig an den Börsen ein, um extreme Preisschwankungen auszugleichen und sie nicht unmittelbar an die Endkunden weitergeben zu müssen, erklärt Experte Schlossarczyk. Dadurch können sie die inzwischen gefallenen Preise an den Energiebörsen aber erst verspätet an ihre Kunden weitergeben.

Was beim Tarifwechsel zu beachten ist

Wer wechseln wolle, sollte den bestehenden Vertrag kritisch prüfen, rät Verbraucherschützer Bauer. Wichtig sei dabei, die Restlaufzeit und Kündigungsfrist herauszusuchen, um den richtigen Zeitpunkt für einen Anbieterwechsel zu finden. Aus der Grundversorgung kann man jederzeit mit zweiwöchiger Frist wechseln, aus anderen Verträgen kommt man teils nicht so schnell heraus. Bauer setzt auf die Faustregel: „Wer aktuell deutlich über Preisbremsenniveau für Strom oder Gas zahlt, sollte wechseln.“

Preisvergleiche

Suchportale
Die Verbraucherzentrale rät Nutzern von Vergleichsportalen, bei der Suche nach Tarifen den Filter „direkte Wechselmöglichkeit über das Portal“ abzuschalten, um möglichst viele Tarife angezeigt zu bekommen, heißt es in einer Mitteilung. Verbraucher sollten außerdem darauf achten, dass vertraglich zugesicherte Preisgarantien enthalten sind, falls es im kommenden Winter erneut zu steigenden Energiepreisen kommen sollte. Mithilfe einer kurzen Internetrecherche sollten Wechselwillige außerdem überprüfen, ob der Anbieter in der Vergangenheit negativ aufgefallen ist.

Daten
Für diese Recherche hat unsere Redaktion Daten des Vergleichsportals Verivox ausgewertet. Sie zeigen täglich, welcher Anbieter für Strom und Gas in welchem Postleitzahlgebiet den günstigsten Tarif mit zwölf Monaten Preisgarantie anbietet.

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