Die Stuttgart-21-Gegner dürften sich noch an das geflügelte Wort des früheren Projektsprechers Wolfgang Dietrich erinnern, der Probleme beim Bau des Milliardenprojekts stets mit dem Hinweis „Keine Auswirkungen auf Kosten- und Zeitplan“ quittierte. Das Ende ist hinlänglich bekannt.
In diesem Sinn hat nun auch die Stadt Stuttgart in einer Presseerklärung „klargestellt“, dass der „Fahrplan für Kosten und Projektumsetzung“ bei der Sanierung der Stuttgarter Staatsoper „weiter aktuell ist“. Die von unserer Zeitung veröffentlichte Einschätzung von Experten, wonach die prognostizieren Baukosten für das Gesamtprojekt um bis zu 500 Millionen Euro auf dann 1,5 Milliarden Euro steigen könnten, seien „reine Spekulation“. OB Frank Nopper (CDU) spricht von „sogenannten Experten und Insidern“.
Stadt: Bau der Interimsspielstätte liegt im Zeitplan
Auch beim Bau der Interimsspielstätte für Oper und Ballett an den Wagenhallen sieht sich die Stadt im Zeitplan. Voraussichtlich ab Ende 2027 sollen die vorbereitenden Maßnahmen für den Opernbetrieb erfolgen, heißt es in der Pressemitteilung. Der Stuttgarter Hochbauamtsleiter Peter Holzer nennt dieses Ziel „sportlich, aber durchaus realistisch.“ Es war allerdings just Holzer, der vor zwei Wochen im Ausschuss für Stadtentwicklung und Technik die Stadträte darüber informiert hatte, dass die Fertigstellung der Interimsoper erst Ende 2028 erfolgen werde und damit das Projekt nicht wie geplant zur Internationalen Bauausstellung (IBA) 2027 präsentabel sei. „Fertigstellung/Inbetriebnahme voraussichtlich Ende 2028“, heißt es wörtlich in der zugehörigen Vorlage, die den sogenannter Vorprojektbeschluss markiert. Von unserer Zeitung befragte Teilnehmer der Sitzung bestätigten auf Nachfrage, dass der damit einhergehenden Verzögerung um ein Jahr nicht widersprochen worden sei.
Vielmehr habe auf dieser Basis der SPD-Fraktionschef Martin Körner dann eine eigene Hochrechnung der Kosten auf Basis einer Preissteigerungsrate von fünf Prozent für den Bau der Interimsoper vorgenommen – aktuell liegt die Inflationsrate bei mehr als sieben Prozent. Auch die entsprechende Zeitungsmeldung über Zeitverschiebung und daraus resultierende Mehrkosten war von der Stadt nicht dementiert worden.
Landesregierung nicht glücklich über Kommunikation der Stadt
Die Verspätung war nach Informationen unserer Zeitung offenbar auch dem Landesamt für Vermögen und Bau, einer Abteilung des baden-württembergischen Finanzministeriums, auf Arbeitsebene mitgeteilt, nicht aber im Verwaltungsrat der Staatstheater kommuniziert worden. Dementsprechend verblüfft hatten die Projektpartner Land und Württembergische Staatstheater auf die Veröffentlichung reagiert. Laut dem geschäftsführenden Intendanten der Staatstheater, Marc-Oliver Hendriks, bedeutet das für die Oper und das Ballett, dass sie frühestens im Sommer 2029, also außerhalb des laufenden Spielbetriebs, ins Übergangsquartier an den Wagenhallen umziehen können.
Nicht glücklich über die Kommunikationsstrategie der Stadt bezüglich des Themas Interimsoper war man dem Vernehmen nach offenbar auch im baden-württembergischen Staatsministerium. Offiziell äußern will man sich seitens der Landesregierung allerdings nicht. Zuvor hatte das Finanzministerium auf Anfrage erklärt, dass bei den durch die Corona-Pandemie sowie den russischen Angriff auf die Ukraine ausgelösten extremen Preissteigerungen bei Bau- und Materialkosten sowie Lieferschwierigkeiten die Einhaltung des bisherigen Kostenrahmens für das Milliardenprojekt derzeit nicht garantiert werden könne.
Man könne aber eine Kostensteigerung aufgrund der „dynamischen Entwicklung“ derzeit nicht seriös beziffern. Mit dem Projekt vertraute Fachleute hatten gegenüber unserer Zeitung gesagt, dass eine Kostenexplosion um bis zu 500 Millionen Euro nicht auszuschließen sei. Auch beim Bahnprojekt Stuttgart 21 hatten übrigens Verkehrsexperten ein Mehrfaches der ursprünglich veranschlagten Kosten vorausgesagt – ihre Prognosen erwiesen sich als zutreffend.