Bei den Liberalen zieht der Parteivorsitzende Philipp Rösler Entscheidungen an sich, der FDP-Spitzenkandidat Rainer Brüderle kuriert sich nach seinem Sturz aus. Dass Brüderle gehandicapt ist, weiß Rösler geschickt für sich zu nutzen.

Berliner Büro: Roland Pichler (rop)

Berlin - Zeiten der Krankheit überspielen Politiker gern. Das gilt auch für den FDP-Spitzenkandidaten Rainer Brüderle. Nachdem er vor gut sechs Wochen in einem Restaurant gestürzt ist und sich Arm und Oberschenkel gebrochen hat, war der Rheinland-Pfälzer für einige Zeit ans Bett gefesselt. Schon bald tat Brüderle kund, er könne mit Hilfe von Laptop und Mobiltelefon wieder voll arbeiten. Das ist ein beliebtes Erklärungsmuster, wenn Politiker krankheitsbedingt ausfallen. Brüderle ist inzwischen auf dem Weg der Besserung, muss aber noch in die Reha. In den Wahlkampf kann er wohl erst in der übernächsten Woche einsteigen. Damit werde er sich rechtzeitig zur heißen Phase zurückmelden, heißt es in seinem Umfeld.

Der FDP-Parteivorsitzende Philipp Rösler zieht unterdessen beim Tempo an. Er gönnte sich und seiner Familie nur einen kurzen Urlaub an der Ostsee und reist seit dem Ferienende pausenlos als Bundeswirtschaftsminister und Vizekanzler durchs Land. In dieser Woche besuchte er eine Reihe von Unternehmen in Baden-Württemberg, sprach mit Firmeninhabern im Saarland und in Köln. Rösler fällt nicht nur durch Dauerpräsenz auf. Er zieht auch Entscheidungen an sich. Der FDP-Spitzenkandidat Brüderle, der sich in Mainz auskuriert, wird immer öfter vor vollendete Tatsachen gestellt. In der Wahlkampfzentrale wird zwar versichert, es fänden alle zwei Tage Telefonkonferenzen statt, doch intern gilt es als offenes Geheimnis, dass einige Entscheidungen ohne Brüderle getroffen worden sind. Zuletzt machte Rösler deutlich, dass es eine rasche Senkung des Soli nicht geben soll. Brüderle und seine Mitstreiter in der FDP-Bundestagsfraktion hatten einen Drei-Stufen-Plan mit einer ersten Soli-Senkung im Jahr 2014 vorgeschlagen. Rösler kassierte die Idee.

Brüderle muss öfters in den Medien vorkommen

Wenn der 40-jährige Parteichef spricht, kommt ihm immer öfter über die Lippen, dass er es ist, der Entscheidungen herbeigeführt hat. Das soll keine Zweifel lassen: Rösler sieht sich als die Nummer eins in der FDP – formal ist er es ja auch. Brüderle, der sich lange Zeit in dem Ruf sonnte, als heimlicher Vorsitzender zu gelten, leidet unter der Zurücksetzung. Offen wird darüber in der Partei nicht gesprochen. Nachdem die Demoskopen die Liberalen wieder stabil bei fünf Prozent taxieren, soll der Aufwärtstrend durch nichts gestört werden.

Brüderles Vertraute haben erkannt, dass sie alles daransetzen müssen, dass der Spitzenkandidat öfter in den Medien vorkommt. Der rastlose Schnellsprecher gibt zwar vom Krankenbett aus regelmäßig Interviews, doch die fallen kaum auf. In den jüngsten Fernsehinterviews kam Brüderle nur schwer aus der Defensive. Dass er immer wieder auf Sexismusvorwürfe einer Magazinjournalistin angesprochen wird, versteht er nicht. Der einst so redselige Liberale wirkt verändert. Journalisten begegnet er mit großem Misstrauen. Vermerkt wird auch, dass schon vor dem Sturz bei Brüderles öffentlichen Auftritten nicht mehr so viele Zuhörer erschienen sind wie noch vor einem Jahr. Das Bild des liberalen Hansdampf in allen Gassen hat offensichtlich Kratzer bekommen.

Unter Röslers Führung geht es aufwärts

Dass Brüderle mit seinen Aussagen nur schwer durchdringt, hängt auch damit zusammen, dass Wirtschaftsminister Rösler die Brot-und-Butter-Themen der FDP abdeckt. Auch als FDP-Fraktionsvorsitzender interessiert sich Brüderle vor allem für ökonomische Fragen. Früher, als er noch Wirtschaftsminister war, konnte der Volkswirt sein Wissen ausspielen. Als Fraktionschef und Spitzenkandidat muss er sich aber breit aufstellen. Während in Deutschland über die amerikanischen Spähprogramme diskutiert wird, ist die Bürgerrechtspartei FDP auf diesem Feld bisher kaum zu vernehmen. Damit sind einflussreiche FDP-Politiker unzufrieden. Sie fordern, dass sich die Führungsmannschaft stärker um diese Themen kümmert. Auch von Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) wird mehr Engagement erwartet.

Mit den steigenden Umfragewerten beweist Rösler, dass es unter seiner Führung aufwärtsgeht. Röslers Selbstbewusstsein ist in den vergangenen Monaten spürbar gestiegen. Die neuen Zahlen geben ihm Auftrieb. Mit einer Vielzahl von Auftritten zeigt der junge Vorsitzende, wie sehr er sich für die Partei ins Zeug legt. Gemessen an der Vielzahl der Termine kann Brüderle schwerlich mithalten. Im parteiinternen Ranking ist das nicht ganz unwichtig.