Stuttgart - Der anhaltende Lieferengpass bei elektronischen Bauteilen, der bei den Autobauern immer wieder zum Stillstand von Fabriken führt, trübt zunehmend auch die Stimmung der Autohändler und deren Kunden im Südwesten. „Der Chipmangel hat in den letzten Monaten dazu geführt, dass die Hersteller nicht ausreichend Fahrzeuge liefern konnten“, klagt Michael Ziegler, der Verbandschef des baden-württembergischen Kraftfahrzeuggewerbes.
Nach der schwachen ersten Hälfte des Vorjahres seien die Erwartungen hoch gewesen, berichtet Ziegler im Gespräch mit unserer Zeitung. Das Neuwagengeschäft sei jedoch enttäuschend verlaufen. Zwar wurden in den ersten sechs Monaten dieses Jahres 13 Prozent mehr Neuwagen verkauft als im Vorjahr. Allerdings war das Vorjahr wegen Einschränkungen durch die Coronapandemie sehr schwach. Im Vergleich zum guten Jahr 2019 ist der Verkauf von Neuwagen im Südwesten bis Juni um 27 Prozent auf rund 195 000 Wagen eingebrochen.
Auch bei Gebrauchtwagen gibt es einen Engpass
Dennoch fällt die Zwischenbilanz nicht rundum schlecht aus. „Insgesamt ist das erste Halbjahr rein wirtschaftlich besser gelaufen als erwartet“, so Ziegler. Dies lag vor allem am Gebrauchtwagen- und Servicegeschäft. „So gesehen ist die Welt besser geworden, aber noch nicht in Ordnung“, lautet das Fazit des Verbandschefs.
Ziegler berichtet, dass es zu wenig Gebrauchtwagen auf dem Markt gibt. Deshalb konnten höhere Preise erzielt und auch bessere Erträge realisiert werden. Den Mangel an Gebrauchtwagen führt er vor allem darauf zurück, dass wegen der geringeren Fahrleistung während der Pandemie weniger Leasingautos zurückgegeben wurden. Auch von Flottenkunden und Autovermietern seien weniger Gebrauchtwagen auf die Höfe der Händler gekommen. All dies führte dazu, dass zwar fünf Prozent mehr Gebrauchte als im Vorjahr den Eigentümer wechselten, im Vergleich zu 2019 aber ein Rückgang um acht Prozent in den Büchern stand.
Die Ertragslage hat sich verbessert
Trotz der geringeren Fahrleistungen ist das Servicegeschäft, die dritte Säule neben den Neu- und Gebrauchtwagen, im ersten Halbjahr gut gelaufen, berichtet Ziegler. Schon während des Lockdowns sei das Servicegeschäft auf einem relativ hohen Niveau gelaufen, weil die Werkstätten im Gegensatz zu den Verkaufsräumen nicht geschlossen waren. Heute laufe das Servicegeschäft wieder auf Normalniveau. Der Umsatz liege hier auf dem Vorjahresniveau oder etwas darüber. „Weil der Gewinn der Betriebe vor allem aus dem Servicegeschäft kommt, hat sich auch die Ertragslage insgesamt verbessert.“ Die Gefahr einer Insolvenzwelle habe zwar abgenommen. „Die Krise ist jedoch noch nicht vorbei“, urteilt Ziegler.
Die Ertragslage hat sich nach Angaben des Verbandschefs auch verbessert, weil die Betriebe gelernt hätten, gezielt Kurzarbeit einzusetzen. Im vergangenen Jahr seien die Einschränkungen durch die Coronapandemie sehr abrupt gekommen. Die Kfz-Betriebe seien es nicht gewohnt gewesen, in Kurzarbeit zu gehen. In diesem Jahr nun hätten viele Betriebe vor allem im ersten Quartal, als der Verkauf sehr eingeschränkt gewesen sei, auf Kurzarbeit zurückgegriffen, was zu einer Entlastung bei den Kosten geführt habe. Derzeit indes gebe es kaum noch Kurzarbeit in der Branche.
Die zweite Jahreshälfte wird schwieriger
Die zweite Hälfte des Jahres wird nach Einschätzung des Automanagers trotz einer voraussichtlich stabilen Werkstattauslastung und eines weiterhin ertragreichen Gebrauchtwagengeschäfts deutlich schwieriger. Im Juli seien die Neuzulassungen eingebrochen, und die nächsten Monate werden laut Ziegler voraussichtlich ähnlich verlaufen.
Das Hauptproblem ist weiter der Chipmangel. „Der Auftragsbestand nimmt von Monat zu Monat zu und ist derzeit dreimal so hoch wie normal“, berichtet der Verbandschef. Deshalb rechnet er damit, dass bei den Neuwagen im Gesamtjahr bestenfalls das Niveau des schwachen Vorjahres erreicht werde. Es sei auch nicht auszuschließen, dass die Verkäufe 2021 nochmals zurückgehen werden. Der wachsende Auftragsbestand hat auch dazu geführt, dass die Lieferfristen deutlich zugenommen haben. Es gebe keine verlässlichen Aussagen der Hersteller dazu, und auch die Liefertermine änderten sich ständig, klagt Ziegler. Die Bandbreite reiche dabei von einem Monat bis zu einem Jahr.
Elektroautos sind weiter stark gefragt
Weiter stark gefragt sind Elektroautos, „weil die staatliche Förderung sehr hoch ist, Steuervorteile hinzukommen und das Modellangebot der Hersteller deutlich zugenommen hat“. Diese zunehmende Modellvielfalt führe dazu, dass sich der Chipmangel bei den E-Autos in den Zulassungszahlen nicht so stark bemerkbar mache. Elektroautos und Plug-in-Hybride machen aktuell zusammen rund 25 Prozent der Neuzulassungen aus. Ziegler rechnet indes nicht damit, dass das Wachstum im gleichen Tempo weitergehen wird, weil das Netz der Ladesäulen nicht ausreichend mitwachse. „Die Reichweitenangst wird vorerst ein natürlicher Begrenzungsfaktor beim Wachstum der E-Mobilität sein“, meint Ziegler.
Michael Ziegler
Verbandschef
Michael Ziegler ist seit August 2018 Verbandspräsidenten des Kraftfahrzeuggewerbes in Baden-Württemberg.
Manager
Ziegler ist Mitglied der Geschäftsleitung der deutschen Tochter des Schweizer Multi-Marken-Händlers Emil Frey.