Stuttgart - Die Autowerkstätten in Baden-Württemberg leiden schwer darunter, dass viele Beschäftigte im Homeoffice arbeiten. Wer zuhause arbeitet, spart den Weg zur Arbeit. Hinzu kommt, dass die meisten Dienstreisen gestrichen wurden, um persönliche Kontakte so weit wie möglich herunterzufahren. Weil zudem generell weniger Auto gefahren wurde, weil Geschäfte, Kinos, Theater und Fitnessstudios geschlossen waren, gab es weniger Verschleiß bei den Wagen und auch weniger Unfälle.
Die Folge: Der Umsatz des baden-württembergischen Kraftfahrzeuggewerbes mit Service- und Reparaturleistungen ging 2020 um 8,3 Prozent auf 3,7 Milliarden Euro zurück, wie Landes-Verbandschef Michael Ziegler berichtet. Ziegler ist Mitglied der Geschäftsleitung bei der deutschen Tochter des Schweizer Multi-Marken-Händlers Emil Frey. Das Servicegeschäft bringt zwar nur ein gutes Zehntel des Gesamtumsatzes des Kraftfahrzeuggewerbes von 26,2 Milliarden Euro. Den Löwenanteil des Umsatzes steuert der Neu- und Gebrauchtwagenhandel bei.
Das Servicegeschäft ist eine wichtige Ertragsquelle
Doch das Servicegeschäft ist traditionell eine wichtige Ertragsquelle, weil hier die Margen besser sind als im Autohandel. Doch Besserung ist im Servicegeschäft nicht in Sicht. „Ich fürchte, dieser Trend könnte sich teilweise verstetigen“, sagt der Präsident des Landesverbands. Die Umsatzrendite in der Branche ist 2020 auf 1,2 Prozent abgerutscht. Nötig wären laut Ziegler mindestens drei Prozent, um auch die erforderlichen Investitionen, etwa für die Elektromobilität, zu stemmen. „Wir bleiben eine krisengeplagte Branche“, sagt Ziegler, der mit vielen Pleiten rechnet, wenn die Schonfrist bei den Insolvenzanträgen ausläuft. Um Unternehmen in Not zu unterstützen, fordert er, die staatlichen Hilfen über die Jahresmitte hinaus zu verlängern.
Ziegler spricht im Rückblick auf 2020 insgesamt von einer „bitteren Bilanz“. „Wir sind mit einem dunkelblauen Auge davongekommen“, so der Verbandschef. Rechnet man die direkten Autoverkäufe der Hersteller und den privaten Gebrauchtwagenverkauf hinzu, so betrug der Gesamtumsatz auf dem baden-württembergischen Automarkt 34,5 Milliarden Euro – ein Minus von rund zwei Prozent. Dass der Umsatz nicht stärker eingebrochen ist, liegt daran, dass der Gebrauchtwagenverkauf im Südwesten um 15 Prozent zugelegt hat, während der Umsatz im Neuwagenverkauf um zwölf Prozent abrutschte.
Die Stimmung im Kraftfahrzeuggewerbe ist schlecht
Im laufenden Jahr rechnet die Branche mit rund 445 000 Pkw-Neuzulassungen im Südwesten. Das wären zwar fünf Prozent mehr als im Vorjahr, aber 14 Prozent weniger als im Vor-Coronajahr 2019. Der Auftragseingang liegt deutlich unter dem Vorjahresniveau. Die Stimmung ist entsprechend schlecht. Ziegler zitierte die Online-Umfrage einer Fachpublikation, wonach gut jeder zweite befragte Kfz-Betrieb eine Fortsetzung der Talfahrt erwartet und nur zwölf Prozent der Betriebe mit besseren Geschäften rechnen.
Der Verbandschef erneuerte seine Forderung, die Verkaufsräume wieder voll zu öffnen. Derzeit gebe es einen nur schwer überschaubaren Flickenteppich unterschiedlicher staatlicher Regelungen je nach Landkreis. Die Branche fordert eine Gleichbehandlung mit Baumärkten und Gartencentern. „Die Autohäuser sind keine Corona-Hotspots“, sagte Ziegler mit Blick darauf, dass die Kunden in den Showrooms in der Regel reichlich Platz haben und der Verkauf von Gebrauchtwagen ohnehin oft im Freien stattfindet. Im vorigen Jahr hat die verordnete vorübergehende Schließung zum Einbruch der Neuzulassungen beigetragen.
Verbandschef Ziegler: Das süße Gift der Subvention kurbelt die Nachfrage nach E-Autos an
Recht skeptisch beurteilt der Verbandschef den Boom bei Elektroautos. Dieser sei vor allem auf das „süße Gift der Subvention zurückzuführen“, sagte Ziegler. Der Staat schiebt die Nachfrage mit Kaufprämien, Zuschüssen für private Wandladestationen sowie mit einer steuerlichen Bevorzugung von Elektro-Dienstwagen an. Im vorigen Jahr kam die Senkung der Mehrwertsteuer hinzu. Dieser Cocktail aus Kaufanreizen hat dazu geführt, dass die Neuzulassungen von reinen Stromern sowie Wagen mit Plug-in-Hybrid- und Brennstoffzellenantrieb im Südwesten um 280 Prozent auf 69 830 Wagen zulegten. Diese Autos erreichten damit insgesamt einen Marktanteil von 16,4 Prozent nach rund 3,5 Prozent im Jahr 2019. Allerdings seien vor allem Zweitwagen ersetzt worden, sagte der Branchensprecher.
Im laufenden Jahr rechnet Ziegler mit einem weiteren Anstieg. Die Hersteller stehen unter Druck, mehr E-Autos zu verkaufen, um die europäischen Flottenziele für CO2 zu erreichen. In diesem Jahr wollten Hersteller den Anteil auf 25 Prozent steigern, berichtete der Verbandschef von Gesprächen der Hersteller mit Händlern zur Vereinbarung von Verkaufszielen.