Kraftwerk Gaisburg in Stuttgart-Ost S-21-Aushub ersetzt stinkenden Gaswerkabfall

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In Gaisburg werden seit September 2016 in einem langwierigen Verfahren 90 000 Tonnen verschmutztes Erdreich ausgetauscht. Im Dezember soll die Bodensanierung zum Schutz des Mineralwassers beendet sein.

Bodensanierung in Gaisburg: Links hinter dem Bagger sind die Eckschienen der Verbaukästen erkennbar. Foto: Jürgen Brand
Bodensanierung in Gaisburg: Links hinter dem Bagger sind die Eckschienen der Verbaukästen erkennbar. Foto: Jürgen Brand

S-Ost - Bodensanierung durch Austausch der Erde – das klingt einfach. Da rollen Bagger an, schaufeln verseuchten Boden auf Laster, andere Lastwagen bringen saubere Erde und füllen das Gelände wieder auf, fertig. Wenn – wie auf dem Gelände des Kraftwerks Gaisburg – die Erde rund acht Meter tief und auf einer Fläche von ein paar Fußballfeldern abgetragen werden muss, kommen zwar insgesamt rund 90 000 Tonnen auszutauschendes Erdreich zusammen, es klingt aber trotzdem nach reiner Baggerei. Tatsächlich ist die Sanierung des vor hundert Jahren mit Abfällen aus dem Gaswerk Gaisburg verschmutzten Bodens aber eine komplizierte Angelegenheit, an der seit September 2016 und voraussichtlich noch bis in den Dezember hinein gearbeitet wird. Grund für die langwierigen Arbeiten ist – das Stuttgarter Mineralwasser.

Kiesgrube wurde mit Gaswerk-Schlamm gefüllt

Zur Vorgeschichte: Entlang des einstmals noch in seinem natürlichen Bett dahinfließenden Neckar hatte sich eine große Kiesschicht gebildet. Kies war ein begehrtes Gut, weswegen auch am Gaisburger Neckarufer eine Kiesgrube neben der anderen entstand. Die größte davon war auf dem heutigen Kraftwerksareal. Als der Kies dort abgebaut war, wurden die Gruben wieder verfüllt – unter anderem eben auch mit den stinkenden, teerhaltigen Abfällen aus der Produktion des einstigen Gaswerks.

Das heutige Kraftwerksgelände gehört zu großen Teilen zur sogenannten Kernzone des Heilquellenschutzgebiets, durch das das Mineralwasser vor Verunreinigungen geschützt werden soll. In dieser Kernzone sind die schützenden Gesteinsschichten über dem Mineralwasser vergleichsweise dünn. Der Druck des Wassers von unten wird durch diese Schicht und vor allem auch durch das Gewicht der darauf liegende Erde ausgeglichen. Würde man die Erdschicht großflächig entfernen, bestünde die Gefahr, dass das Mineralwasser das Gestein durchbricht. Die mit der Bodensanierung beim Kraftwerk beschäftigten Geologen haben ausgerechnet, dass der Druck dort so groß ist, dass das Wasser bei einem Durchbruch acht Meter in die Höhe schießen würde. Gleichzeitig würde verschmutztes Erdreich nach unten sinken – die Mineralquellen im Bereich der Mineralbäder Berg und Leuze und auch in Bad Cannstatt wären gefährdet. Das darf natürlich auf keinen Fall passieren.

Kasten für Kasten wird ausgebaggert

Für das verschmutzte Gaisburger Areal musste also eine Methode gefunden werden, die einen kontrollierten Bodenaustausch bei bestmöglichem Schutz des Mineralwassers ermöglicht. Die Fachleute entschieden sich nach aufwendigen Bodenerkundungen, nach dem Entfernen einer etwa zwei Meter dicken Bodenschicht vorab und nach etlichen Probebohrungen für ein Verfahren mit sogenannten Verbaukästen. Dafür wurde die gesamte Fläche in gut 200 Quadrate unterteilt und anschließend Quadrat für Quadrat bearbeitet.

Ein Verbaukasten besteht aus vier Eckschienen, die bis zu sieben Meter tief in die Erde gerammt werden. In die Schienen werden die jeweils zwei Meter breiten Seitenwände eingeschoben. So entsteht sozusagen in der Erde eine 2x2 Meter große, abgeschottete Box, aus der die stinkende Erde mit einem Bagger ausgehoben wird. Dieses verschmutzte Erdreich wird mit Kalk behandelt und je nach Verschmutzungsart und -grad zu sechs oder sieben Deponien in ganz Deutschland transportiert. Die Geruchsbelastung durch die ausgegrabenen Gaswerksabfälle war im Sommer zum Teil so stark, dass sich sogar vergleichsweise weit entfernte Anwohner beschwerten.

Der Erdaustausch auf diese Art begann im September 2016. Da immer nur mit drei solcher Boxen nebeneinander gearbeitet werden kann, braucht das Projekt seine Zeit. Im Dezember soll das letzte Planquadrat bearbeitet sein. Wieder aufgefüllt wurden und werden die Verbaukästen übrigens mit „sauberem“ Erdmaterial vom Bau des Albaufstiegtunnels des Bahnprojekts Stuttgart-Ulm, auch Stuttgart 21 genannt.

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