Kraftwerke in Reserve Öl und Kohle sollen Stromfluss erhalten
Gas darf nicht mehr zur Stromgewinnung eingesetzt werden. Damit gewinnen die Öl- und Kohlekraftwerke in Marbach und Walheim an Bedeutung.
Gas darf nicht mehr zur Stromgewinnung eingesetzt werden. Damit gewinnen die Öl- und Kohlekraftwerke in Marbach und Walheim an Bedeutung.
Für jedermann sichtbar quoll kürzlich Rauch aus dem Schlot des alten Kraftwerks in Marbach. Das mit Heizöl betriebene Werk dient eigentlich nur als Reserve. Tatsächlich habe es Stromengpässe gegeben, teilt die Netzbetreiberin TransnetBW mit. Windenergie aus Norddeutschland sei nicht nach Baden-Württemberg transportiert worden.
Spitzen in der Stromversorgung abfangen – das soll nicht nur das Marbacher Kraftwerk. Auch die beiden in Luftlinie etwa elf Kilometer entfernten Steinkohle-Blöcke in Walheim dienen diesem Zweck. Doch auf die Reservekraftwerke kommt mehr Arbeit zu. Sie sollen anstelle von Gaskraftwerken vom Herbst an verstärkt in Betrieb gehen.
Der Grund dafür liegt in der Bundespolitik. Gas ist für die Stromerzeugung seit dem 8. Juli verboten. An dem Tag hat der Bundesrat das Ersatzkraftwerkebereithaltungsgesetz (EKBG) beschlossen. Das sieht den verstärkten Einsatz von Kohlekraftwerken vor und geht von einem Gasmangel zumindest bis zum 31. März 2024 aus. Die Energie Baden-Württemberg (EnBW) als Betreiberin kümmere sich derzeit verstärkt darum, Kohle zu beschaffen und an den Kraftwerken zu lagern, heißt es in einer Pressemitteilung des Karlsruher Stromkonzerns.
Fünf Kohle-Kraftwerksblöcke hält die EnBW noch in Baden-Württemberg an den Standorten in Karlsruhe, Heilbronn, Stuttgart-Münster und Altbach-Deizisau in Betrieb. Eigentlich sollte der Kohleblock RDK 7 in Karlsruhe Mitte dieses Jahres stillgelegt werden, doch die Gasknappheit aufgrund der Reparaturen an der Nordstream-I-Leitung und des Ukraine-Kriegs führten zu einer Verlängerung bis zum Ende des Winters 2023/2024, berichtet die EnBW in einem Pressetext. Auch Walheim sollte im März 2023 endgültig vom Netz gehen, doch danach sieht es im Augenblick nicht mehr aus.
In Walheim glaubt die Bürgermeisterin Tatjana Scheerle nicht, dass das wiederbelebte Kraftwerk zum Stein des Anstoßes werden könnte. „Die Bevölkerung hier ist gegenüber der geplanten Klärschlammverbrennungsanlage wesentlich kritischer.“ Freilich sei nicht klar, ob das alte Kohlekraftwerk wie bisher nur an einzelnen Tagen oder wochenlang angeschaltet bleiben müsse. Die Emissionen seien vor allem im benachbarten Gemmrigheim zu bemerken, doch die Belastungen seien wohl längst nicht mehr so stark wie in Zeiten, in denen dort die draußen aufgehängte Wäsche nach solchen Tagen noch einmal gewaschen werden musste. Bereits in den ersten vier Monaten des Jahres liefen die Blöcke mit 680 Stunden länger als im gesamten Jahr 2021. „Bei uns hat niemand angerufen und sich darüber beschwert“, so Scheerle.
Noch ist auch nicht zu überschauen, wie oft das mit Heizöl betriebene Altkraftwerk in Marbach im Winter zur Stromerzeugung verwendet werden muss. Es darf jedoch wie insgesamt neun Öl- und Kohlekraftwerke im Land voll genutzt werden, solange die Alarmstufe des Notfallplans Gas gilt. Der Bürgermeister Jan Trost wünscht sich mehr Informationen: „Ob sich nun die Betriebszeiten ausdehnen, ist auch für uns interessant.“ Trosts Stellvertreter und SPD-Kreisrat Ernst-Peter Morlock hält es für gerechtfertigt, wenn ein Reservekraftwerk in einer Krisensituation auch über längere Zeit Strom liefert. „Dafür ist es bestimmt“, sagt Morlock.
Länger als geplant dauert in jedem Fall der rund 100 Millionen Euro teure Einbau der heizölbetriebenen Gasturbine im Marbacher Kraftwerk. Die EnBW gab nun bekannt, dass der geplante Termin im Oktober nach zweijähriger Bauzeit wegen Lieferschwierigkeiten nicht mehr einzuhalten sei. Die 300-Megawatt-Anlage soll Instabilitäten ausgleichen, die im Zuge der Umstellung auf erneuerbare Energien auftreten könnten.