Kraftwerkssparte Bei Siemens droht der Kahlschlag

Ein Drittel der Beschäftigten in der Kraftwerkssparte von Siemens arbeiten an deutschen Standorten. Foto: dpa
Ein Drittel der Beschäftigten in der Kraftwerkssparte von Siemens arbeiten an deutschen Standorten. Foto: dpa

Interne Einblicke in die Lage des Kraftwerksgeschäfts lassen Schlimmstes für die Belegschaft befürchten. Auch Großstandorte wie Berlin und Mülheim müssen zittern.

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München - Es sind Bilder einer rasant verfallenden Traditionsindustrie, die interne Siemens-Dokumente widerspiegeln. 249 große Gasturbinen mit mehr als 100 Megawatt wurden im Jahr 2011 weltweit noch verkauft. Manager der beiden Weltmarktführer General Electric (GE) und Siemens waren sich sicher, dass dem Gas als Energieträger die Zukunft gehört. Eine Nachfrage von 300 bis 350 Turbinen wurde damals prognostiziert. Ein Irrtum, wie man heute weiß. Was kam, waren staatliche Protektion von Kohle sowie der ökonomische Durchbruch erneuerbarer und dezentraler Energien.

2017 werden global wohl noch gut 120 große Gasturbinen verkauft. „Und bis 2020 etwa 100 Stück“, schätzt ein hochrangiger Siemens-Manager. „Wir haben kompletten Strukturverlust“, stellt er klar. Deshalb zittern nun Tausende Siemensianer von Görlitz bis Offenbach und von Berlin bis Mülheim an den heimischen Standorten der Siemens-Kraftwerkssparte. Die ist nicht irgendein Geschäft, sondern eine tragende Säule des Konzerns mit 47 000 Beschäftigten, ein Drittel davon in Deutschland.

Mitte nächster Woche könnte es offiziell werden

Seit vor drei Wochen öffentlich durchgesickert ist, dass der Kraftwerkssparte der massivste Kahlschlag in der seit 2013 währenden Ära von Konzernchef Joe Kaeser droht, ist Feuer unterm Dach. Herausgerückt sind die Manager mit konkreten Hiobsbotschaften noch nicht. Mitte nächster Woche könnte es so weit sein, heißt es in Managementkreisen. Einige Gewissheiten gibt es aber: „Das ist nicht mehr mit bisherigen Maßnahmen zu decken, die sind alle verbraucht“, stellt ein hochrangiger Siemensianer klar. Darunter versteht er Vorruhestand, Umschulung und Ersatzjobs oder Kurzarbeit.

Dann kommen Tabellen und Statistiken auf den Tisch, die wirklich Besorgnis erregen: Nicht nur hat sich die Nachfrage nach Großturbinen in letzten Jahren halbiert, auch der Preis ist 2013 um 30 Prozent eingebrochen. Vor allem aber steht einer Weltnachfrage von 122 Turbinen branchenweit eine Produktionskapazität von 400 Turbinen gegenüber. Allein Siemens könnte jährlich 140 Stück bauen und damit mehr als weltweit nachgefragt werden. Klarer Weltmarktführer aber ist GE und stellt mit Niedrigpreisen derzeit sicher, dass das auch so bleibt. „Außerdem sind das hochgradig auf Lokalisierung ausgerichtete Märkte“, sagt ein Insider zum Kraftwerksgeschäft. Fertigen sollte man vorzugsweise dort, wo nachgefragt wird. In Deutschland hat die Branche aber 2017 gerade einmal zwei Turbinen und europaweit ein weiteres Dutzend verkauft. Die Hauptabnehmer sitzen im Nahen und Mittleren Osten, Asien und Amerika.

8000 Produktionsmitarbeiter in Deutschland

Noch spricht es kein Siemens-Manager offiziell aus, aber es wird dennoch mehr als klar, worauf die Schilderung der Lage hinführen soll. Eine Halbierung der Produktionskapazitäten wäre nachfrageseitig zu rechtfertigen. Treffen wird es vor allem deutsche Standorte und die insgesamt 8000 dort in der Produktion beschäftigten Siemensianer.

Das ist nicht nur Betroffenen klar, es dämmert mittlerweile auch Politikern speziell im Osten der Republik, wo es mehrere Siemens-Werke gibt, die ein Aus fürchten müssen. Vorsorglich gegen Kahlschlagpläne protestiert haben die Ministerpräsidenten von Sachsen, Thüringen, Brandenburg und Berlin. Es müsse nicht zwangsläufig Einzelstandorte im Osten treffen, betont ein Siemens-Manager. Kürzen könne man alternativ auch Kapazitäten in Ballungsräumen, was auf die größten Kraftwerksstandorte in Berlin und Mülheim zielt. Standorte gegeneinander ausspielen wolle Siemens nicht, aber der Handlungsbedarf sein nun einmal immens.

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