Krankengeschichte eines Kornwestheimers Ein Mann mit Brustkrebs

„Für mich war Krebs gleichbedeutend mit Tod“, sagt Walle Assmann. Foto: Lichtgut//Ferdinando Iannone

Etwa 70 000 Menschen in Deutschland erkranken jedes Jahr an Brustkrebs. Nur ein Prozent von ihnen sind Männer. Der Marathonläufer Walle Assmann aus Kornwestheim hat die Diagnose mit 47 Jahren erhalten.

Sommer 2014, Ägypten. Die Luft flimmert vor Hitze. Keine Wolke am Himmel. Der Alltag ist weit weg. Walter Assmann macht mit seiner Lebensgefährtin Ingrid Verhoeven Urlaub in Hurghada. Sie sind nicht zum ersten Mal am Roten Meer. Beide genießen die Zweisamkeit beim Schnorcheln und Schwimmen. Walter Assmann, damals 47, erholt sich von seinen vielen Trainingseinheiten. Kurz vor der Reise ist er in Düsseldorf einen Marathon gelaufen. Zwei Stunden, 44 Minuten, eine Sekunde. Es ist seine persönliche Bestzeit.

 

Er ist in Topform, als er am Strand liegt und aufs Wasser blickt. Sehnen und Muskeln zeichnen sich an seinem Körper ab. Vielleicht ist das sein Glück. Denn wäre er nicht so durchtrainiert gewesen, vielleicht hätte Ingrid Verhoeven die winzige Beule auf seiner linken Brust gar nicht erst entdeckt. Ein Knubbel, klein wie eine Erbse. „Komisch“, denkt sie. „Was kann das sein?“ Er sagt, er habe keine Schmerzen. „Ein Lipom oder eine Kalkablagerung vielleicht?“ Sicher nichts, worüber man sich Sorgen machen muss.

Jährlich 600 bis 700 Betroffene

Heute, acht Jahre später, weiß Walter Assmann, dass er falsch lag. Dass da etwas Bedrohliches in ihm wuchs. Etwas, das die wenigsten Männer auf dem Schirm haben, weil es meistens Frauen trifft: Brustkrebs. Jedes Jahr erkranken zwischen 600 und 700 Männer daran – das ist laut Deutscher Krebsgesellschaft gerade mal ein Prozent aller Fälle.

Walter Assmann ist bereit, seine Geschichte zu erzählen. Er möchte damit anderen Mut machen. Und er will aufklären, weil es nur wenig wissenschaftlich fundierte Informationen für männliche Patienten gibt. „Zum männlichen Brustkrebs wird leider kaum geforscht“, weiß Assmann.

Er vergisst den Knubbel an der Brust

Zum Gespräch am Schloss Solitude bringt er Ingrid Verhoeven mit. Seit 20 Jahren sind sie ein Paar. Sie, die Künstlerin aus Holland. Er, der Fernmeldehandwerker aus Kornwestheim. 19 Jahre Fernbeziehung haben sie hinter sich, 2021 ist sie zu ihm gezogen. Hand in Hand gehen sie über die Wiese vor dem Schloss und steuern auf eine Bank zu.

Man sieht es Walter Assmann an: Dieser Mann ist diszipliniert. Einer, der Bewegung braucht. Wohl definierte Muskeln formen seine schlanken, gebräunten Beine. Walter Assmann wird von allen nur Walle genannt. Das klingt nicht so ernst, findet er. Es passt zu seiner zugewandten Art. Duzen sei für ihn okay, sagt er gleich am Anfang.

Walle Assmann ist 54 Jahre alt. Wenn er lächelt, und das macht er oft, wirkt er zehn Jahre jünger. 36-mal ist er Marathon gelaufen, in New York und in Athen, auf Mallorca, in Berlin, Hamburg, Köln und Bonn. Laufen bedeutet für ihn Freiheit und Abschalten. „Es ist ein unbeschreiblicher Moment, wenn du das Ziel vor dir siehst. Wenn du auf den letzten Metern noch jemanden einholst, noch einmal alles gibst. Dann sind da nur noch Euphorie und Gänsehaut.“

„Das sieht nicht gut aus“

Nach dem Ägyptenurlaub 2014 denkt Walle an den nächsten Lauf. An den Knubbel auf seiner Brust denkt er nicht mehr. Er fühlt sich fit, geht arbeiten und bereitet den Trainingsplan für die kommenden Wochen vor. Im Oktober schafft er es bei der deutschen Meisterschaft in München in seiner Altersklasse auf den achten Platz.

Im Januar 2015 steht der jährliche Check-up bei seiner Hausärztin an. Weil er schon mal da ist, fragt er sie nach der Beule auf seiner Brust. Sie schickt ihn zum Urologen. Der überweist ihn an eine radiologische Praxis zum Ultraschall. Auf den Bildern erscheint ein kleiner Fleck, der da eigentlich nicht hingehört. Walle Assmann erinnert sich an die Worte der Ärztin: „Das sieht nicht gut aus. Sie müssen so schnell wie möglich zur Biopsie in die Klinik.“ Da wird ihm zum ersten Mal mulmig. Im Warteraum eines Stuttgarter Brustzentrums ist er der einzige Mann. „Ich kam mir vor wie im falschen Film.“ Mit einer Nadel entnehmen sie ihm Gewebe aus der Brust. Dann heißt es warten.

Ein bösartiger Tumor

Ingrid steht ihm bei. Sie saugt alle Informationen über Brustkrebs in sich auf, die sie im Internet finden kann. Sie möchte helfen, nicht untätig rumsitzen. „Das Warten war schrecklich. Schlagartig war das Leben ein anderes“, sagt sie. Walle bestätigt: „Wie in einem Albtraum. Ich konnte es mir einfach nicht vorstellen. Bei meiner Ernährung, meinem gesunden Lebensstil. Ich hatte mich immer gut um meinen Körper gekümmert.“

Zwei Wochen später erhält er schließlich die Diagnose: Es ist ein bösartiger Tumor in der Brustdrüse. Zwar hat er tief in seinem Inneren damit gerechnet, trotzdem bricht seine Welt zusammen. „Für mich war Krebs gleichbedeutend mit Tod.“

Das Mammakarzinom ist zweieinhalb Zentimeter groß. Vor der Operation im März 2015 absolviert Walle Assmann noch zwei Läufe. Er gewinnt beide in seiner Altersklasse. Unter Tränen verabschiedet er sich danach von seiner Laufgruppe.

Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Wie ein krebskrankes Mädchen per Avatar lernt

Er muss zweimal operiert werden, weil beim ersten Mal das betroffene Gewebe nicht vollständig abgetragen wurde. Er erfährt, dass sein Krebs hormonabhängig ist. Das bedeutet, dass der Tumor unter dem Einfluss von bestimmten Hormonen wächst. Glück im Unglück: Es ist kein aggressiver Krebs.

Keine Früherkennungsprogramme

Im Internet stößt Walle Assmann auf das Netzwerk „Männer mit Brustkrebs“. Mit dem Vorsitzenden bespricht er die Diagnose. Der macht ihm Mut: „Das ist das Beste, was du erwischen konntest.“ Walle hält den Kontakt zu der Initiative, die nicht nur betroffene Männer miteinander vernetzt, sondern verschiedene Ziele verfolgt: Die Öffentlichkeit soll erfahren, dass Brustkrebs auch jeden Mann treffen kann. Menschen sollen sensibilisiert werden, um erste Anzeichen möglichst früh zu erkennen – etwa harte, meist schmerzlose Knoten in der Brust, eingezogene Brustwarzen oder Schorf und Entzündungen. Brustkrebs wird dem Netzwerk zufolge bei Männern häufig erst spät entdeckt – auch weil es für sie keine Früherkennungsprogramme gibt. Das „Ärzteblatt“ berichtete im Jahr 2019 von einer Studie, die besagt, dass das Sterberisiko bei Männern 19 Prozent höher sei als bei Frauen.

All das ist Walle Assmann bekannt. Nach den Operationen versucht er, sich nicht in negativen Grübeleien zu verlieren, sondern nach vorne zu schauen. Eine Weile verzichtet er aufs Laufen, steigt stattdessen aufs Rennrad. „Ich hatte Durst auf Neues.“ Während der Reha strampelt er tausend Kilometer – dankbar darüber, dass er immer noch fit ist im Gegensatz zu anderen männlichen Brustkrebspatienten, von denen manch einer kaum noch gehen kann.

Nach der Bestrahlung beginnt Walle Assmann mit einer Antihormontherapie, die eigentlich für Frauen gedacht ist. Fünf Jahre lang nimmt er Tamoxifen, östrogenhemmende Tabletten, die das Risiko für ein Wiederauftreten der Krankheit reduzieren sollen. Während der Therapie leidet er unter Hitzewallungen und Schweißausbrüchen, er schläft schlecht, hat depressive Verstimmungen und Gelenkschmerzen. „Jetzt weiß ich, wie sich Frauen in den Wechseljahren fühlen können“, sagt er. Mittlerweile hat er die Tabletten abgesetzt, „weil die Lebensfreude total auf der Strecke blieb“.

Mammografie und Nachsorge

Nach wie vor fühlt er sich als Exot, wenn er alle drei Monate zur Mammografie und zur Nachsorge geht. „Wo ist man da richtig als Mann?“ Diese Frage hat er sich oft gestellt, und er weiß, dass es anderen Männern auch so geht. „Manche suchen einen Frauenarzt auf. Aber das ist schwierig“, sagt er. „Manche lehnen die Behandlung von Männern ab, weil das kompliziert ist mit der Krankenkassenabrechnung.“ Walles Hausärztin hat den Kontakt zu einer onkologischen Praxis in Ludwigsburg hergestellt. Hier fühlt er sich in guten Händen.

Walle Assmann sagt, er habe aufgehört, darüber nachzudenken, warum das Schicksal ausgerechnet ihm den Brustkrebs brachte. Er hat einen genetischen Test machen lassen, seiner beiden Töchter wegen. Negativ. Es besteht kein erhöhtes Risiko in der Familie. Er kommt zum Schluss: „Es war wohl einfach Pech.“ Walle knöpft sein Hemd auf und zeigt die OP-Narbe. Anstatt einer Brustwarze ist da jetzt ein zwölf Zentimeter langer Wulst.

Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Pforzheimer Box-Legende hat Demenz – René Wellers letzte Runde

Das Netzwerk „Männer mit Brustkrebs“ habe ihm sehr geholfen, alles zu verarbeiten. Zweimal im Jahr trifft er sich mit Leidensgenossen zum Austausch. Es hilft ihm, zu wissen, dass er nicht alleine ist. Als Mann mit einem Frauenleiden.

Walle Assmann macht noch immer viel Sport, den Ehrgeiz aber hat er hinter sich gelassen. Er bezeichnet sich heute als Genussläufer, gönnt sich mehr Pausen und Ruhe. Das hat auch mit der Therapie zu tun, glaubt er. Er leidet unter Fatigue, fühlt sich oft müde. „Ich muss mich dann sehr motivieren, damit ich nicht in ein Loch falle.“ Weil sein Blutdruck stark schwankt, ist ihm häufig schwindelig, manchmal hat er Wortfindungsstörungen, kann sich nicht gut konzentrieren. Zum Glück habe er seinen Sport, sagt Walle Assmann. Ohne das Laufen wäre er ein anderer Mensch.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Reportage Brustkrebs Männer