Krankenhäuser der Stadt Stuttgart Erste Aufgabe: Ruhe ins Klinikum bringen

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Das von einem Millionendefizit und dem Skandal in der Auslandabteilung gebeutelte Klinikum der Stadt Stuttgart hat eine neue Führung: Jan Steffen Jürgensen und Alexander Hewer sehen Parallelen zwischen Berlin und Stuttgart.

Das neue Klinikum-Führungsduo Alexander Hewer (li.) und Jan Steffen Jürgensen möchte auch die Finanzen des Hauses wieder ins Lot bringen. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Das neue Klinikum-Führungsduo Alexander Hewer (li.) und Jan Steffen Jürgensen möchte auch die Finanzen des Hauses wieder ins Lot bringen. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart - Es ist alles eine Frage der Perspektive. „Vieles ist anders hier, aber auch besser“, sagt Jan Steffen Jürgensen über Stuttgart. „Viele Dinge funktionieren“, selbst der ÖPNV sei „sehr pünktlich“. So also sieht man Stuttgart, wenn man Jahre in Berlin verbracht hat. Dort, an der Charité, war der 46-Jährige bisher tätig. Seit April ist Jürgensen Geschäftsführender Ärztlicher Direktor am Klinikum der Stadt. Er leitet das Haus gemeinsam mit Alexander Hewer, dem neuen Kaufmännischen Geschäftsführer. Er kommt ebenfalls von der Charité, mit mehr als 3000 Betten einer der größten Universitätskliniken Europas. Auch Hewer lobt Stuttgart über den grünen Klee. „Was die Stadt in das Klinikum steckt, ist aller Ehren wert“, sagt der 42-Jährige. „Kein Vergleich mit dem armen Berlin.“

Alles bestens also? Durch die Stuttgarter Brille sehen die Dinge anders aus. Die vergangenen Jahre lag das Defizit des mit gut 2000 Betten und 7000 Beschäftigten größten Krankenhauskomplexes der Stadt im zweistelligen Millionenbereich, das Eigenkapital ist aufgebraucht, der Träger Stadt sichert die Zahlungsfähigkeit.

Der lange Schatten der Auslandsabteilung

Und dann die Vorgänge in der Auslandsabteilung, der International Unit (IU). Die fragwürdigen Geschäfte mit arabischen Patienten, die das Krankenhaus der Maximalversorgung in den Ruch einer Skandalklinik gebracht haben. „Unsere erste Aufgabe ist, da mal ein bisschen Ruhe reinzubringen“, sagt Hewer. Das Thema IU liege „wie ein Schatten auf dem Klinikum“ und verdunkle dessen hohe Qualität, erklärt der 42-Jährige, der den Geschäftsbereich Finanzen und Einkauf der Charité verantwortet hat. Auch Berlins renommiertestes Krankenhaus habe lange zweistellige Millionenverluste geschrieben. Bis man das Problem 2011 angepackt und 2016 einen „positiven Jahresabschluss“ erreicht habe. „Ich sehe gewisse Parallelen zu Stuttgart“, sagt Betriebswirt Hewer.

Jürgensen war Geschäftsführer des dortigen Vorstands, verantwortete das Qualitäts- und Risikomanagement, saß im Aufsichtsrat mehrerer Tochterfirmen der Charité. Der gebürtige Hamburger, der Medizin in Berlin, New York und San Diego studiert hat, befasste sich auch mit Gesundheitsökonomie, erwarb noch den Master of Public Health und den Master auf Business Administration.

Wenn es um die Pläne des neuen Führungsduos für Stuttgart geht, ist noch wenige Konkretes zu erfahren. „Wir besuchen alle Kliniken“, sagt Hewer. Mehr als 50 Kliniken und Institute zählt man in dem Großkrankenhaus mit den Standorten Katharinenhospital und Bad Cannstatt. Dort treffe man durchweg auf motivierte Menschen, die sich sehr mit dem Klinikum identifizierten.

Die Effizienz in den Häusern könnte besser sein

Jürgensen will zunächst die bestehenden Prozesse in den Krankenhäusern weiter verbessern. Die medizinische Qualität sei gut bis sehr gut, bei der Effizienz aber gebe es „Luft nach oben“. Und man will etwas gegen die „Versäulung“ der Fachbereiche tun, die sich selbst optimieren, was für die Abläufe im Ganzen nicht immer optimal sei. „Multiprofessionelle Teams mit gemeinsamer Budgetverantwortung“ sollen den Krankenhausbetrieb verbessern. „Man muss das Leistungsgeschehen intelligenter sortieren“, sagt Jürgensen, mit einem Mehrwert für die Patienten und mehr Wirtschaftlichkeit. Dies soll nicht auf dem Rücken der Pflegekräfte geschehen. „Ich will nicht, dass das Personal noch schneller arbeitet“, sagt der Ärztliche Direktor. Angesichts eines Personalkostenanteils von 60 Prozent sei klar: „Alles steht und fällt mit gutem Personal.“

Heiße Eisen wie die Standortentwicklung in Bad Cannstatt oder das alte Thema Ausgründung von Servicebereichen wie der Reinigung fassen die neuen Klinikchefs nicht an. Dass die Kommunalpolitik den Vorschlag der Beratungsgesellschaft Ernst und Young, das Krankenhaus Bad Cannstatt zu einer Fachklinik zu entwickeln, reserviert aufnimmt, kann Jürgensen verstehen. „Der lokale Versorgungsauftrag ist ein Kriterium.“ Dass im städtischen Klinikum das komplette Leistungsspektrum ohne Outsourcing erbracht wird, hält Hewer aber für „ungewöhnlich“.

Verständnis für die Kommunalpolitik

Allerdings gebe es in manchen Häusern auch das Phänomen der „Rekommunalisierung“ von Leistungen. Der Ärztliche Direktor signalisiert eine „gewisse Aufgeschlossenheit“ für die hiesige Konstruktion. Stets aber gelte, sagt Jürgensen: „Die Leistung muss stimmen.“

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