Abseits solcher Fälle, die ein Schlaglicht werfen auf die Herausforderungen heutiger Klinikhygiene, hat sich in den Krankenhäusern ein zunehmend routinierter Umgang mit multiresistenten Erregern (MRE) herausgebildet. Dies gilt insbesondere für MRSA (Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus). Seit 2010 sind bestimmte Infektionen mit diesem Erreger meldepflichtig. „Die Anzahl der übermittelten MRSA-Infektionen ist seit 2013 rückläufig“, sagt Silke Fischer, die Referatsleiterin Hygiene und Infektionsschutz beim Landesgesundheitsamt. Seit 2011 bis heute habe man im Land „1521 Fälle invasiver MRSA-Infektionen“ registriert, mit 126 diesen direkt zugeordneten Todesfällen. Das entspricht einer Quote von rund acht Prozent.
Screening von Patienten stark gestiegen
Ähnlich ist die Entwicklung in der Landeshauptstadt. Im vergangenen Jahr wurden dem Gesundheitsamt der Stadt insgesamt 17 MRSA-Infektionen gemeldet. In den Vorjahren schwankte diese Zahl zwischen maximal 22 Fällen 2015 und nur drei im Jahr 2017. Diese Zahlen sind freilich zu sehen vor dem Hintergrund, dass laut dem Verband der Stuttgarter Krankenhäuser in den 15 öffentlichen, freigemeinnützigen und privaten Kliniken mit insgesamt rund 5300 Betten im Jahr etwa 180 000 Patienten stationär versorgt werden. Die „relativ stabilen Zahlen“ für die Landeshauptstadt zeigten, dass die Gegenmaßnahmen der Kliniken „essentiell sind, um einer Zunahme von Infektionen entgegenzuwirken“, sagt Kerstin Gronbach, die Leiterin Infektionsschutz beim Gesundheitsamt.
Gemeldet werden müssen nur bestimmte Infektionen durch MRSA wie eine Blutvergiftung oder eine Hirnhautentzündung. Besiedelt mit dem Erreger sind aber weit mehr Personen, gehört der Staphylococcus aureus doch zur normalen Flora der Haut und Schleimhaut des Menschen. So zählt zu den Gegenmaßnahmen in der Krankenhäusern neben einer verbesserten Basishygiene, der Teilnahme an der Aktion „Saubere Hände“ und einem gezielteren Antibiotika-Einsatz auch das vermehrte Testen (Screening) von Patienten auf MRSA. Als Risikopatienten gelten Personen etwa aus Pflegeeinrichtungen, Menschen, die vor nicht langer Zeit im Krankenhaus waren und mit Antibiotika behandelt wurden oder die in einer Klinik im Ausland waren. In Baden-Württemberg ist die Zahl der in Krankenhäusern getesteten Patienten innerhalb weniger Jahre von 6,5 Prozent auf etwa ein Drittel gestiegen. Das Risiko einer Infektion, erklärt die Krankenhausgesellschaft im Land, sei um etwa drei Viertel gesunken. Die Screeningraten in Stuttgarter Häusern, die in dem vom Gesundheitsamt begleiteten MRE-Netzwerk aktiv sind, liegen in diesem Bereich zum Teil noch deutlich über dem Landeswert von einem Drittel aller Patienten.
MRSA-Infektionen gehen zurück
Bei MRSA könne man „insgesamt einen rückläufigen Trend erkennen“, sagt Kerstin Gronbach. „Das Thema ist angekommen“, erklärt Stefan Ehehalt, Leiter des Gesundheitsamts. „Die Häuser machen vieles sehr richtig.“ Beim Kampf gegen den MRSA-Erreger spicht Matthias Orth sogar von einer „Erfolgsstory“. Der Chefarzt für Labormedizin im Marienhospital erinnert sich: „Vor ein paar Jahren haben wir noch gedacht, der frist uns auf. Heute erwischen wir so gut wie alle MRSA-Fälle.“ Das hat auch damit zutun, dass man wirkungsvolle Verfahren im Umgang mit dem Keim gefunden hat. Zum einen gibt es einen Test, der schnell sichere Ergebnisse liefert. Und die Keime sitzen auf der Haut oder in der Nase, eine Sanierung des Patienten, also die Beseitigung der Erreger, ist möglich.
Dies ist anders bei jenen multiresistenten Keimen, die immer stärker in den Fokus der Krankenhäuser kommen und deren Auftreten zunimmt: sogenannte 4MRGN-Keime. Gegen diese sind sogar vier der üblichen Antibiotika-Gruppen wirkungslos. Das macht sie so gefährlich. Seit Mai 2016 sind zwei aus dieser Gruppe, Acinetobacter und Enterobacteriaceae, meldepflichtig. Dies gilt nicht nur für Infektionen mit dem Erreger, sondern schon für eine Besiedelung des Patienten. Seither weist die Statistik der erfassten Fälle nach oben. Das Landesgesundheitsamt hat seit 2017 bis im Mai dieses Jahre insgesamt knapp 800 solcher Fälle regiestiert. In Stuttgart wurden 2016 dem städtischen Gesundheitsamt 27 Fälle gemeldet, das Jahr darauf 44, im Vorjahr 53. „In 90 Prozent der Fälle handelt es sich um eine Kolonisation“, sagt Kerstin Gronbach. Stefan Ehehalt betont: „Ein Teil des Anstiegs ist auf vermehrte Screeninguntersuchungen zurückzuführen.“
Gefährlich, aber noch nicht sehr häufig
Tatsächlich haben die Screeningraten für 4MRGN in Stuttgarter Krankenhäusern stark zugenommen (dazu der Beitrag nebenan). Der Umgang mit dieser Gruppe multiresistenter Erreger ist für die Häuser aber schwierig. Die Keime sind vielgestaltig, die Testverfahren langwieriger. Da es sich um Darmbakterien handelt – die auch auf anderen Körperteilen vorkommen können –, ist schon das Screening im oft von Notfallsituationen geprägten Klinikalltag kompliziert. Und für die Kapazität der Häuser ist gravierend, wenn ein Patient längere Zeit isoliert werden muss, jedenfalls bis das Testergebnis vorliegt. Das dann zumeist doch negativ ausfällt. Erschwerend kommt hinzu, dass positiv getestete Patienten nicht saniert werden können und die 4MRGN-Keime meist über viele Monate behalten.
Mehrere Stuttgarter Krankenhäuser betonen in einer Umfrage, dass diese Keime noch selten auftreten. Matthias Orth macht dies an Zahlen des Marienhospitals deutlich: Von etwa 33 000 Patienten im Jahr habe man rund neun Prozent auf 4MRGN getestet, das sind knapp 3000. Daraus hätten sich etwa zehn positive Befunde im Jahr ergeben. „Das ist extrem überschaubar“, findet der Chef-Hygieniker, bei ausgesprochen hohem Aufwand. Dabei seien vor allem Risikopatienten getestet worden. Zu diesen zählen Menschen, die zuvor in bestimmten Ländern im Krankenhaus waren, dazu gehören in Europa Griechenland und Italien, dann die Türkei, die arabischen Staaten, Indien und einige andere asiatische Länder.
Die Krankenhäuser befinden sich in einer misslichen Lage. Man fühlt sich mit dem Problem alleine gelassen. So fehlten für das Screening von Patienten im Falle der 4MRGN-Keime „klare Vorgaben“ durch das Robert-Koch-Institut (RKI). So müssten die Häuser zuletzt selbst entscheiden, wie sie jeweils vorgingen und liefen Gefahr, auf den beträchtlichen Kosten sitzen zu bleiben, kritisiert Matthias Orth. Zumal es weitere multiresistente Keime gibt, die das RKI noch gar nicht auf die Liste gesetzt hat. „Leider sind noch nicht alle meldepflichtig“, sagt Kirsten Raithel, die beim Gesundheitsamt der Stadt das MRE-Netzwerk koordiniert. Ein wichtiger Faktor zur Beherrschung des wachsenden Problems wird sein, dass die Krankenhäuser mehr Einzelzimmer zur Verfügung haben. Man brauche „bessere Isolationsmöglichkeiten, mehr Einzelzimmer und Schleusen“, sagt Jan Steffen Jürgensen, der Medizinische Vorstand des Klinikums der Stadt. Dass diese Verbesserungen auch bezahlt werden, dafür muss aber der Gesetzgeber sorgen. Zum Vergleich: In den Niederlanden baut man in Krankehäusern nur noch Einzelzimmer. Hierzulande ist der Zwei-Bett-Zimmer-Standard noch nicht überall erreicht. Entscheidend wird auch sein, dass die Kliniken genug Personal haben, dass die Mitarbeiter Hygienestandards überhaupt einhalten können und diese nicht wegen Dauerüberlastung missachten müssen.
In dieser Lage müssen sich die Ärzte dann auch noch anhören, es gehe bei dem Thema um Klinikkeime, die man sich dort hole. Dabei bringen die Patienten die Erreger in den meisten Fällen mit ins Krankenhaus. Das Risiko, sich diese dort einzufangen, sei „nicht größer als in der Kneipe oder im Rathaus“, sagt Hygieniker Matthias Orth.