Bei den einen klappt’s auf Anhieb, die anderen brauchen ein bisschen Nachhilfe, bis die Milch fließt und das Baby satt wird. Am Leonberger Krankenhaus gibt es ausführliche Beratungen.
Wenn im Leonberger Krankenhaus ein Kind geboren wird, dann darf es sich in der Regel – und wenn es oder die Mama keine medizinische Behandlung benötigen – für zwei Stunden auf der Brust der Mutter ausruhen. Um Baby und Mutter wird ein schlauchförmiges Tuch gewickelt, dann ist ununterbrochener Körperkontakt angesagt. „Bonding“, nennt man das, soll heißen: Zueinanderfinden.
„Das hat einen ganz großen Einfluss“, betont die Hebamme Kathrin Fritsch. Am Leonberger Krankenhaus arbeitet sie als „Stillexpertin“, hat für diesen Titel eine Ausbildung am Europäischen Institut für Stillen und Laktation gemacht. Der Schlüssel für den Stillerfolg der Mütter liegt für Fritsch unter anderem hier: In den ersten gemeinsamen Momenten direkt nach der Geburt.
Durchhalten, auch wenn es anstrengend ist
„Das Baby erarbeitet sich dann den Weg zur Brust selber“, sagt die Hebamme. Manchmal würde man zwar die Position des Babys etwas korrigieren, möglichst wenig Störung von außen bleibe aber die Devise. Anschließend werden die Mütter angehalten, alle zwei Stunden zu stillen; einfach das Baby anzulegen, auch wenn es schläft. Für den Milcheinschuss sei es nämlich besonders in den ersten Tagen wichtig, diese Frequenz beizubehalten, sagt Fritsch. „Auch wenn es anstrengend ist.“
Rund 90 Prozent der werdenden Mütter planen laut einer Statistik des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) ihr Kind zu stillen. Tatsächlich stillen nach der Geburt aber nur 68 Prozent der Frauen, nach vier Monaten nur noch 40 Prozent. Laut BMEL lässt das vermuten, dass Mütter mehr Unterstützung beim Stillen benötigen. Eine Einschätzung, die Kathrin Fritsch teilt: „Stillen ist nicht intuitiv“, sagt sie. „Stillen muss gelernt werden. Von den Eltern wird das oft unterschätzt.“
Alle zwei Stunden anlegen – da braucht man gutes Zeitmanagement
Etwa in Sachen Zeitmanagement: 20 Minuten dauere das Stillen ungefähr. Das alle zwei Stunden – und schon sei man einen großen Teil des Tages mit dem Stillen und der Logistik drumherum beschäftigt. Dass Mütter nicht stillen, kann laut der Stillexpertin medizinische Gründe haben, etwa bei einer Diabetes-Diagnose oder einer Krebsbehandlung.
Manche Mütter sagen erst mal „Nein“ zum Stillen, kategorisch und augenfällig ohne Grund. In Leonberg werde das angesprochen, und die Frauen würden aufgeklärt, damit sie eine informierte Entscheidung treffen können. Aber auch psychologische Faktoren spielen eine Rolle. Stress etwa, auch hier helfe die entspannte Bondingzeit.
Stillen mehr ins Bewusstsein rücken
Für Kathrin Fritsch, ebenso wie für Institutionen wie die Weltgesundheitsorganisation, ist klar: Stillen ist gesund. In der Muttermilch enthalten sind unter anderem wichtige Nährstoffe und Antikörper, die das Baby gegen Infektionen schützen – und mit künstlicher Formula nicht vollständig ersetzt werden können.
Am Leonberger Krankenhaus setzt man deshalb auf Aufklärung rund um das Stillen, will etwa Mythen und Ammenmärchen entkräften, um werdenden Müttern, aber auch Vätern, die Angst davor zu nehmen. Wer Fragen und in Leonberg entbunden hat, kann sich für Tipps und Ratschläge an ein Stilltelefon wenden oder den monatlich stattfindenden Stilltreff besuchen. Die Fragen, die dort auftauchen, seien vielfältig, so Fritsch. Wichtig ist der Austausch – etwa darüber, dass es auch okay sei, nach zwei Jahren noch ein Kind zu stillen.
„Man muss die Mütter bestärken“, sagt Fritsch. „Stillen ist gut, Stillen ist fördernd.“ Diese Ansicht hatte man nicht immer. „Es gab Zeiten, da war Stillen total verpönt“, sagt die Hebamme. Inzwischen funktioniert die Aufklärung besser, es wurde mehr geforscht. „Es ist mehr ins Bewusstsein gerückt“, sagt Fritsch. Defizite sieht sie trotzdem noch – Stillen in der Öffentlichkeit etwa. Hier wünscht sich Fritsch mehr Akzeptanz und Räumlichkeiten, damit stillende Mütter nicht mehr so häufig wie heutzutage in fensterlosen Ecken sitzen müssen. (Dieser Text ist im Oktober 2024 schon einmal erschienen und wurde von unserer Redaktion überarbeitet.)
Weitere Informationen
Informationsabend
Für werdende Eltern mit Schwerpunkt Stillen (Stillinfoabend):
Stillberatung
Für Eltern, deren Kind in der Geburtsklinik Leonberg geboren wurde.
Stilltreff
Für Schwangere, Stillende und Interessierte: Offenes Treffen und Austausch zu Themen rund ums Stillen und die Ernährung eines Säuglings. Wann: an jedem 1. Montag im Monat, 9.30-11.00 Uhr, Mehrzweckraum EG Leonberg.