Krankenhaus Leonberg Aus für die Geburtshilfe: Ein abgekartetes Spiel mit feststehendem Ausgang

Da war die Welt noch in Ordnung: Die frühere Chefärztin Monica Diac (links) stellte im Mai 2023 die hebammengeführte Geburtshilfe im Leonberger Krankenhaus vor. Foto: Jürgen Bach

Spätestens jetzt ist klar, dass alle Treueschwüre des Landrats für die Leonberger Klinik Augenwischerei sind. Die Abbaustrategie ist zu offensichtlich, meint Thomas K. Slotwinski.

Leonberg: Thomas K. Slotwinski (slo)

Vor dem Jahreswechsel erreichte unsere Redaktion eine Zuschrift, in der die Schreiberin darum bat, doch nicht mehr negativ über das Leonberger Krankenhaus zu schreiben. Sie begründete ihr Ansinnen mit einer Festellung aus einem unserer Kommentare: Um in ruhigere Fahrwasser zu kommen, brauche die Leonberger Klinik dringend Ruhe.

 

Mit ihrer völlig überraschenden Ankündigung, die Geburtshilfe in Leonberg in schon vier Wochen komplett dichtzumachen, haben der Aufsichtsrat und die Geschäftsführung des Klinikverbundes jedoch entscheidend dazu beigetragen, dass es mit dieser Ruhe für längere Zeit vorbei ist.

Zorn in Leonberg über die Überrumpelungstaktik des Landrats

Nicht nur bei den betroffenen Frauen macht sich Frust breit. In weiten Teilen der Leonberger Stadtpolitik herrscht regelrechter Zorn. Zorn über die Überrumpelungstaktik des Landrats, der dem Aufsichtsrat des Klinikverbundes vorsitzt. Zorn über die nun kaum noch zu verschleiernde Abbaustrategie: Scheibchenweise werden allen Beteuerungen zum Trotz die einzelnen Herzstücke des Krankenhauses herausgerissen, bis irgendwann nichts mehr übrig bleibt.

Dabei ist die Geburtshilfe nicht irgendeine medizinische Abteilung: Hier kommen Menschen auf die Welt, sie ist der Ort, an dem Leben entsteht. Die Geburtenstation in Leonberg hat zudem ein entscheidendes Qualitätsmerkmal: Sie wird von Hebammen geführt. Die Betreuung der Mütter ist sehr viel persönlicher und in privater Atmosphäre. Ärzte werden nur dann hinzugezogen, wenn es medizinisch nötig ist.

Arkadiusz Praski, der letzte Chefarzt der Leonberger Gynäkologie Foto: KVSW

Hebammengeführte Kreißsäle sind nach wie vor die Ausnahme. Leonberg hatte ein Angebot, das Mütter aus der ganzen Region ansprach. Und damit eine riesige Chance. Doch schon nach kurzer Zeit schlug die Stunde der Rotstift-Controller. Ein Beratungsunternehmen hatte empfohlen, die komplette Gynäkologie in Böblingen und Nagold zu konzentrieren. Selbst die sehr erfolgreiche Geburtsstation in Herrenberg stand auf der Abschussliste.

Eine große Mehrheit des Böblinger Kreistages wie auch der Landrat Roland Bernhard nahmen die Kahlschlag-Empfehlungen dankend an. Die Möglichkeit, den hebammengeführten Kreißsaal als Alleinstellungsmerkmal aktiv zu stärken, wurde nicht einmal in Erwägung gezogen. Stattdessen hatte Leonberg sofort wieder eine Abbau-Diskussion mit toxischen Wirkungen in der Öffentlichkeit wie auch beim Personal.

Jetzt ist klar, dass die Gnadenfrist, die der Leonberger Gynäkologie bis zur Eröffnung der sündhaft teuren Flugfeldklinik eingeräumt wurde, ein abgekartetes Manöver war, um die aufgebrachte Öffentlichkeit ruhig zu stellen. Parallel wurde das Herrenberger Krankenhaus abgeräumt. In Leonberg verschwanden mehrere Chefärzte, die Zukunft der erfolgreichen Inneren Klinik ist ungewiss. Nun das Aus für die Geburtshilfe, das erst Ende 2028 hätte kommen sollen.

Eine Nacht- und Nebelaktion – und Schwangere müssen sich umorientieren

In einer Nacht- und Nebelaktion hat Roland Bernhard den Aufsichtsrat zusammengetrommelt, um sich den Segen für das brachiale Ende abzuholen. Dessen Mitglieder sind ihm willig gefolgt. Der Hinweis auf angeblich zu niedrige Geburtenzahlen, kombiniert mit dem unverhohlenen Schreckenszenario einer vorgeblich mangelnden Qualitätsmedizin, haben offenbar gereicht, um Bedenken beiseite zu wischen. Dass eine gewaltige Einsparung als Argument sein Übriges getan hat, liegt auf der Hand.

Werdende Mütter werden sich jetzt noch stärker nach Stuttgart orientieren. Stefan Renner, der Chefarzt der Gynäkologie in Böblingen, hat bezeichnenderweise darauf hingewiesen, dass Gebärende im Leonberger Einzugsgebiet allein 15 Alternativen haben, ihr Kind auf die Welt zu bringen. Böblingen ist nur eine davon.

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