Krankenhaus Leonberg Der teure Preis für eine Mega-Klinik wird sichtbar
Der Landrat setzt auf sein Prestigeprojekt, während in Leonberg ein erfolgreicher Kreißsaal schließt. Wie politischer Wille die Kliniklandschaft prägt.
Der Landrat setzt auf sein Prestigeprojekt, während in Leonberg ein erfolgreicher Kreißsaal schließt. Wie politischer Wille die Kliniklandschaft prägt.
Im zweiten Stock des Leonberger Krankenhaus wird es spätestens am Dienstag sehr still werden. Dort wo mehr als ein halbes Jahrhundert die ersten Schreie vieler neuer Erdenkinder zu hören war, herrscht dann nur noch bleierne Ruhe. Die mit dem bundesweit äußerst selten vergebenen Zertifikat „babyfreundliches Krankenhaus“ ausgezeichnete Klinik verliert mit der Schließung der Geburtshilfe eines ihrer Herzstücke.
Man muss sich das angesichts der aktuellen Entwicklung schon noch einmal vor Augen führen: Das Team der Gynäkologie schafft es seit fast zehn Jahren, vor den kritischen Augen der Weltgesundheitsorganisation WHO zu bestehen, die das seltene Prädikat „babyfreundlich“ verleiht.
Und dann der hebeammengeführte Kreißsaal: Ein Alleinstellungsmerkmal, das Mütter aus der ganzen Region Stuttgart angesprochen hat. Eine Riesenchance, auf Dauer eine erfolgreiche Frauenheilkunde und Geburtshilfe zu etablieren und damit dem ganzen Krankenhaus einen wirklichen „Leuchtturm“ zu geben. Und so etwas soll nicht funktionieren?
Ja, solch ein erfolgversprechendes Vorhaben kann scheitern, wenn das politisch gewollt ist. Wenn die Entscheidungsträger kein Interesse daran haben, dass ein Haus innerhalb des Klinikverbundes zu stark wird. Weil dann die Entwicklung eines anderen Hauses nicht so vonstatten gehen könnte, wie es sich der Führungszirkel des Landkreises Böblingen und des Klinikverbundes Südwest wünscht. Denn dass es Landrat Roland Bernhard seit Jahren nur um sein Lieblingsprojekt, die Flugfeldklinik, geht, daraus macht er nicht einmal selbst einen Hehl.
Über Jahre hat Bernhard den Kreisräten, die letztlich die Millionen und Abermillionen für die Flugfeldklinik bewilligen müssen, eingetrichtert, dass ein Mega-Krankenhaus die einzige Chance für den Landkreis wie auch für den Klinikverbund wäre. Dafür gab es sogar mit Steuergeldern finanzierte sogenannte Informationsreisen in die Ferne zu vermeintlichen Zukunftskliniken.
Parallel wurden angesichts wachsender Proteste insbesondere im Raum Leonberg immer wieder Treueschwüre geleistet. Was die wert sind, zeichnet sich jetzt immer klarer ab, nicht nur in Leonberg. Die Menschen rund um Herrenberg sind in vier Wochen ihr Krankenhaus los. So langsam dämmert ihnen, was das bedeutet. Dort gab es übrigens ebenfalls einen hebammengeführten Kreißsaal, der sich großer Beliebtheit erfreute.
In Leonberg werden jetzt rückläufige Geburtszahlen und medizinische Gründe für die in einer Nacht- und Nebel-Aktion durchgezogene Zerschlagung der Geburtshilfe genannt – zwischen der Verkündung und dem endgültigem Aus lagen gerade einmal fünf Wochen. Man könne eine optimale medizinische Versorgung der Mütter und der Babys nicht mehr gewährleisten. Zudem wird auf eine Geburtenzahl unter 500 im vergangenen Jahr verwiesen, womit eine „allgemein anerkannte Schwelle“ unterschritten sei.
Verwundern muss diese Entwicklung nicht. Denn dass in Leonberg ein so außergewöhnliches Angebot vorhanden ist, wurde regelrecht verschwiegen. Offensive Werbung für die hebammengeführte Geburtshilfe? Fehlanzeige! Es ist ja wichtiger, die PR-Mittel in die mit 802 Millionen Euro veranschlagte Flugfeld-Klinik zu stecken.
Und dass Mütter und Patienten sich abwenden, wenn im Zusammenhang mit Leonberg nur von Abbau und Sparen die Rede ist, darf nicht verwundern, besonders wenn sie Top-Kliniken in Stuttgart vor der Haustür haben. Die meisten Mütter aus der Region Leonberg werden nun dort entbinden. Deshalb braucht sich der Klinikverbund auch keine Sorgen machen, dass die Kapazitäten in Böblingen nicht ausreichen könnten.