Für werdende Mütter ist das Leonberger Krankenhaus schon bald keine Anlaufstelle mehr. Foto: Klinikverbund Südwest
Warum im Krankenhaus bald keine Babys mehr auf die Welt kommen sollen. Warum das Aus für den hebammengeführten Kreißsaal so plötzlich kommt. Und was der Leonberger OB dazu sagt.
Der amtliche Ausweiseintrag „Geboren in Leonberg“ dürfte in der Zukunft nur noch höchst selten zu lesen sein. Denn die Geburtshilfe im Krankenhaus Leonberg wird zum 1. April dichtgemacht. Das hat der Aufsichtsrat des Klinikverbundes Südwest in einer Sondersitzung am Montagabend beschlossen. Am Dienstagmorgen informierten der Landkreis und die Geschäftsführung in einer eilends einberufenen Pressekonferenz.
Das Aus der von Hebammen geführten Geburtsstation kommt nicht überraschend, der Zeitpunkt schon. Im Rahmen des vom Kreistag beschlossenen sogenannten Medizinkonzeptes war eine Verlagerung der gesamten Gynäkologie inklusive des Kreißsaals von Leonberg nach Böblingen für die zweite Hälfte des Jahres 2028 vorgesehen. Dann soll dort die Flugfeldklinik eröffnen.
Kündigung von Chefarzt als Auslöser für das Geburtshilfen-Aus
Hauptauslöser für den jetzigen Schritt sei die Kündigung des derzeitigen Chefarztes der Frauenklinik in Leonberg, Arkadiusz Praski, gewesen, der zum 31. März den Klinikverbund verlässt. Zwar hatte der Aufsichtsrat des Klinikverbundes Ende November beschlossen, die Stelle auszuschreiben. „Das Verfahren hat jedoch gezeigt, wie schwierig es unter den gegebenen strukturellen Rahmenbedingungen ist, eine tragfähige Nachbesetzung zu realisieren“, erklärte Roland Bernhard. Der Landrat des Kreises Böblingen ist Aufsichtsratsvorsitzender des Klinikverbundes. „Das ist bedauerlich. Doch vor dem Hintergrund der personellen Stabilität, steigender Qualitätsanforderungen und sinkender Fallzahlen sind die bestehenden Strukturen so nicht zu sichern.“
Mit den „sinkenden Fallzahlen“ meint Bernhard die Anzahl der Geburten. Diese hätten in Leonberg im vergangenen Jahr bei 457 gelegen – und damit unter „der allgemein anerkannten Schwelle“ von 500, die „einen Qualitätsindikator“ markiere, weil „höhere Fallzahlen mit einer höheren Routine und Sicherheit gleichgesetzt werden“. Das sei in der Böblinger Geburtshilfe gegeben, zumal das dortige Krankenhaus über eine eigene Kinderklinik verfüge.
Der Chefarzt Arkadiusz Praski verlässt den Klinikverbund. Einen Nachfolger in Leonberg wird es nicht geben. Foto: KVSW/Gudrun de Maddalena
„Es geht schwerpunktmäßig um fachliche Fragen“, bekräftigte Alexander Schmidtke, der Geschäftsführer des Klinikverbundes. Geburtenzahlen seien insgesamt rückläufig, entsprechend habe die Zahl der bundesweiten Geburtshilfen von einst etwa 900 auf jetzt rund 600 abgenommen. Und selbst jetzt gebe es noch Kreißsäle, die bei „jährlich 700 bis 800 Geburten herumdümpeln“, wie sich Stefan Renner ausdrückte. Zu wenige, wie der Chefarzt der Gynäkologie in Böblingen meint.
Der Kritik, dass weite Anfahrtswege werdenden Müttern nicht zumutbar seien, begegnete Renner mit der Einschätzung des Fachverbandes Deutsche Gesellschaft für Geburtshilfe, wonach eine gebärende Frau binnen 40 Minuten eine Geburtsstation erreichen müsse. Allein im Leonberger Einzugsgebiet gebe es 15 davon, fünf Häuser sogar mit dem Status der Maximalversorgung.
Gynäkologie soll im Leonberger Krankenhaus vorerst erhalten bleiben
In der Leonberger Gynäkologie mit durchschnittlich einer Geburt am Tag und der damit fehlenden Routine sei die Gefahr eines medizinischen Schadens einfach zu hoch. „Selbst wenn der nur einmal in zehn Jahren auftritt“, so argumentierte Renner, „würden wir die Bevölkerung anlügen“, und nähme diese Risiken Kauf.
Die Gynäkologie bleibt derweil in Leonberg für operative Eingriffe und andere Behandlungen bestehen. Dem medizinischen Personal der Geburtshilfe wie auch den Hebammen soll angeboten werden, künftig in Böblingen oder im Krankenhaus Nagold zu arbeiten. Die Betroffenen wurden am Morgen nach der Aufsichtsratssitzung von der bevorstehenden Schließung informiert.
Roland Bernhard räumte ein, dass diese Entwicklung nicht völlig unvorbereitet gekommen sei: „Wir haben befürchtet, dass eine qualifizierte Neubesetzung der Chefarzt-Position nicht funktionieren könnte. Deshalb sind wir nicht überrascht.“ Der Landrat und auch der Klinikverbunds-Chef Schmidtke betonten, dass die Schließung nichts mit der Leistung des Leonberger Personals zu tun habe: „Das ganze Team hat eine gute Arbeit gemacht.“
Trotz des Gesamtdefizits des Klinikverbundes, das Schmidtke mit „unter 50 Millionen Euro“ beziffert, hätten wirtschaftliche Aspekte keine entscheidende Rolle gespielt. „Wir haben nur über Qualität gesprochen“, versicherte Bernhard. Auch einen schleichenden Abbau des Leonberger Krankenhaus mag der Landrat nicht erkennen. „Ich habe ein gutes Gewissen. Es gibt keine Salami-Taktik.“
„Man muss sich nicht wundern, dass man keinen Chefarzt findet“
Genau die allerdings sieht der Leonberger Oberbürgermeister in der aktuellen Entwicklung. „Das vorgezogene Aus der Geburtshilfe ist die Folge der Salami-Taktik in Form des Kaputtsparens“, sagt Tobias Degode. „Man muss sich nicht wundern, dass man keinen Chefarzt findet, der bereit ist, unter diesen Bedingungen die Gynäkologie zu übernehmen.“ Ein ähnliches Szenario drohe, wenn in zwei bis drei Jahren der Chefarzt der Bauchchirurgie, Wolfgang Steurer, in den Ruhestand gehe.
Für den parteilosen OB steht fest: „Für eine verlässliche medizinische Versorgung des großen Leonberger Einzugsgebiets führt an einem Krankenhaus der Grund- und Regelversorgung mit einem medizinischem Schwerpunkt kein Weg vorbei.“