Krankenhausareal Böblingen Ist eine Lea doch wieder im Rennen?
Das Land zeigt nach wie vor Interesse am Krankenhausareal in Böblingen. Jetzt steht ein Kaufpreis im Raum – und sorgt für Aufruhr.
Das Land zeigt nach wie vor Interesse am Krankenhausareal in Böblingen. Jetzt steht ein Kaufpreis im Raum – und sorgt für Aufruhr.
Das Gezerre um die Zukunft des Böblinger Krankenhausareals geht in die nächste Runde. In einem Bericht des SWR tauchte unlängst der Preis von 52 Millionen Euro auf, den das Land zu zahlen bereit wäre. In diesem Bericht ist auch die Rede von bis zu 2000 Flüchtlingen, die in dem Krankenhaus untergebracht werden könnten, dass dann zu einer Landeserstaufnahmeeinrichtung (Lea) umfunktioniert würde.
Diesen Kaufpreis habe das Land dem Kreis vorgeschlagen, teilt Landratsamts-Sprecher Benjamin Lutsch mit. Das versetzt die Böblinger Stadtverwaltung in Aufruhr. Denn klar ist: Niemand im Rathaus will dort eine Lea.
Böblingen schwebt vor, das Areal nach Eröffnung der Flugfeldklinik in einen Technologie- und Innovationscampus zu verwandeln. Verwaltung und Gemeinderat stellten entsprechende städtebauliche Rahmenbedingungen auf. Nur: Das Areal liegt zwar auf Böblinger Gemarkung, befindet sich aber im Eigentum des Landkreises. Und der ist – angesichts seiner angespannten Haushaltslage – auf Einnahmen angewiesen. Nicht zuletzt zur Gegenfinanzierung der neuen Flugfeldklinik, die derzeit geschätzt 780 Millionen Euro kostet.
Dieser Interessenskonflikt schien eigentlich überwunden, als Stadt und Kreis im Juli 2023 einen gemeinsamen Investorenwettbewerb starteten. Der auf ein Jahr angesetzte Wettbewerb sollte einen Investor auf den Plan bringen, der einerseits einen angemessenen Preis bezahlt und andererseits die städtebaulichen Vorstellungen Böblingens umsetzt. Nun neigt sich der Wettbewerb seinem Ende zu. Über möglichen Interessenten oder Ergebnisse schweigen Stadt und Kreis.
Stattdessen ploppt erneut das Thema Lea auf. Schon vor Beginn der Investorensuche hatte das Land Interesse am Areal bekundet. Am Investorenwettbewerb nimmt es indes nicht teil, wie ein Sprecher des Finanzministeriums mitteilt. Es habe aber „weiterhin grundsätzlich Interesse an der Nutzung des Areals als Erstaufnahmestelle“.
Die Überlegungen des Landes gehen offenbar weiter: Für die Sanierung des Areals wären weitere 275 Millionen Euro notwendig, schätzt die Landesregierung laut SWR-Bericht. Die Zahlen kommentiert der Sprecher nicht. Wann das Angebot von 52 Millionen Euro, das der Sprecher weder bestätigt noch dementiert, gemacht wurde, ist unklar. Trotzdem steht diese Summe nun im Raum.
Landrat Roland Bernhard hält diesen Wertansatz für „angemessenen“, wie er auf Nachfrage unserer Zeitung bestätigt. Das hört man auf dem Böblinger Rathaus allerdings überhaupt nicht gern. „Wenn der Preis das Wichtigste ist, dann bedeutet das ein K.O. für die Pläne der Stadt“, sagt Baubürgermeisterin Christine Kraayvanger. Den genannten Preis halte sie für „völlig überhöht“. Ins selbe Horn bläst der Erste Bürgermeister Tobias Heizmann: „Jetzt gilt es, mit geeinter Zielsetzung einen realistischen Wertansatz, jenseits von politisch getriebenen Angeboten des Landes, zu fixieren.“ Und setzt noch einen drauf: „Ob die Preisfindung zur Gretchenfrage wird, liegt beim Landkreis: Medial verkündete Angebote des Landes sind für uns kein realistischer Wert- oder Preisbildungsmaßstab.“
Das rund zehn Hektar große Gelände spielt für die Stadt eine wichtige Rolle. Es ist gut angebunden und freie Gewerbeflächen sind rar. Deshalb sieht der städtebauliche Rahmenplan dort kaum Wohnungen vor. Mehrere Firmen und Privatpersonen hatten sich in einem Brief an Landrat Roland Bernhard (parteilos) und OB Stefan Belz (Grüne) besorgt über das geringe Flächenangebot für Firmen und Forschung gezeigt.
Der geplante Technologie- und Innovationscampus sei für Böblingen sehr wichtig, betonte Belz auf einer Gemeinderatssitzung im April. Er böte Platz für eine Erweiterung des Herman-Hollerith-Zentrums, Ausgründungen oder eine weitere Hochschulkooperation. Kraayvanger ist sich sicher, dass sich das Konzept langfristig auszahlt, „da wir heute für die Zukunft die richtigen Schritte eingeleitet haben.“
Und jetzt? Der Landrat steht seinerseits unter Druck: Der Kreistag hat nach einem CDU-Antrag beschlossen, dass der Landkreis das Areal bis Ende dieses Jahres an den Höchstbietenden zu veräußern habe. Der Böblinger Gemeinderat wiederum hat der Stadtverwaltung die Erlaubnis erteilt, ein eigenes Kaufinteresse an der Fläche anzumelden. Man ist laut Kraayvanger „aktiv“ an dem Thema dran. Sollte schlussendlich tatsächlich das Land das Rennen machen, könnte es sich theoretisch über die städtebaulichen Vorgaben der Stadt hinwegsetzen. Die schließen eine Lea ausdrücklich aus. „Wir sind eine Stadt, die seit Jahren Geflüchtete integriert. Aber das Krankenhausareal ist nicht der Ort für eine solche kurzfristige Aktion zur Lösung des Haushaltsdefizites des Landkreises, die der Stadtgesellschaft für die Zukunft nichts bringt“, sagt Kraayvanger.
In der letzten Sitzung des aktuellen Böblinger Gemeinderats am Mittwoch steht das Thema noch einmal auf der Tagesordnung.
Lea
Landeserstaufnahmeeinrichtungen (Leas) sind ein zentraler Baustein bei der Unterbringung von Geflüchteten. In den Leas erhalten die Menschen nach ihrer Ankunft in den Bundesländern für die ersten Tage eine Unterkunft. Danach werden sie an die Landkreise weiterverteilt.
Krankenhausareal
Wenn das neue Flugfeldklinikum voraussichtlich 2027 eröffnet, endet die Ära des Böblinger Krankenhauses. Seit 1967 ist es an diesem Standort.