Krankenpfleger aus Ehningen Auf dem Hospitalschiff vor Madagaskar

Der Ehninger Markus Benzinger auf Madagaskar Foto: Mercy Ships/Josélo Christino Maintivao

Markus Benzinger hat sieben Wochen lang ehrenamtlich als Krankenpfleger auf der African Mercy in Madagaskar gearbeitet. Einem Hospitalschiff, das Menschen aus den ärmsten Ländern der Welt mit Gratis-Operationen ein besseres Leben ermöglicht.

Wenn man hierzulande einen Leistenbruch hat, ist der Weg klar: Man geht zum Hausarzt, der überweist einen ins Krankenhaus, dort wird man operiert. Bezahlt wird das Ganze entweder von der privaten oder von der gesetzlichen Krankenkasse. „In den ärmsten Ländern der Welt gibt es diesen Luxus nicht“, sagt Markus Benzinger. „Wer da einen Leistenbruch hat, muss damit bis ins hohe Erwachsenenalter leben.“

 

Der Krankenpfleger aus Ehningen hat solche Fälle selbst erlebt. Im November 2024 war der 67-Jährige für sieben Wochen auf einem Hospitalschiff in Madagaskar stationiert. „Und ich kann rückblickend sagen: Ich habe in den letzten Jahren selten etwas so Sinnvolles gemacht.“

400 000 Menschen stehen Schlange

Hospitalschiffe sind im Grunde nichts anderes als Krankenhäuser, die sich an Bord eines Schiffes befinden. „Dort gibt es alles, was ein normales Krankenhaus auch hat“, schildert Markus Benzinger. „Operationssäle, Aufwachräume, Krankenzimmer – das volle Programm.“ Das Besondere an den Hospitalschiffen: Die Menschen können sich hier gratis operieren lassen. Und zwar von Spezialisten aus der ganzen Welt. Betrieben werden die Hospitalschiffe von der Hilfsorganisation Mercy Ships. Marcus Benzinger war auf der Africa Mercy stationiert, die jedes Jahr rund zehn Monate im Hafen eines afrikanischen Staates ankert.

„Man kann sich nicht vorstellen, was das für die Menschen dort bedeutet“, ist Benzinger auch Tage nach seiner Rückkehr aus Madagaskar noch tief bewegt. „400 000 Menschen standen dort nur für die Voruntersuchungen Schlange.“ Kein Wunder. Denn mit welchen Leiden die Menschen in Madagaskar ohne Chance auf eine OP leben müssen, mag man sich gar nicht vorstellen. „Da war zum Beispiel ein zweieinhalbjähriges Mädchen mit einem 400-Gramm-schweren Geschwür am Ellbogen“, so Benzinger. Viele Patienten würden tatsächlich mit Leistenbrüchen leben, einige Kinder seien wegen einer Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalte behandelt worden.

Menschen aus 45 Nationen arbeiten zusammen

Große Operationen wie Herztransplantationen werden auf Hospitalschiffen nicht durchgeführt. „Aber es ist unfassbar, was selbst vermeintlich kleine Probleme, die hier in Deutschland leicht behandelt werden können, unbehandelt auslösen“, so Benzinger.

Das Bordpersonal, einschließlich der Ärzte, Krankenpfleger, Anästhesisten und Co. arbeitet übrigens ausschließlich ehrenamtlich auf dem Schiff. Die meisten sind nur für ein paar Wochen oder Monate da, andere bleiben sogar Jahre. „Die Teams kommen aus der ganzen Welt“, sagt Markus Benzinger. „Ich habe mit Menschen aus 45 Nationen zusammengearbeitet.“

In einer Kajüte mit Stockbetten untergebracht

Da alle aus demselben Grund vor Ort sind und sich freiwillig für die Arbeit entschieden haben, verlaufe die Zusammenarbeit an Bord extrem harmonisch. „Jeder ist willig, jeder denkt mit, da ist kein Platz für Auseinandersetzungen.“ Und zwar buchstäblich: Denn auf so einem Hospitalschiff ist der Raum sehr beengt. Auf der Africa Mercy leben und arbeiten laut Markus Benzinger 480 Personen. Er selbst war mit ein paar Kollegen in einem Stockbettzimmer untergebracht. „Ich sag es mal so: Es war maximal eng“, schmunzelt er. „Platzangst darf man da nicht haben.“

Markus Benzinger war selbst als Krankenpfleger im Aufwachraum eingeteilt. Dorthin kommen die Patienten, um ihre Narkose auszuschlafen. Benzinger überwachte Werte wie den Blutdruck, Puls und Sauerstoff, bis die Patienten auf die Normalstation verlegt werden konnten. „Das war sehr beeindruckend“, sagt er. „Viele Leute kommen barfuß in den OP, weil sie einfach keine Schuhe haben.“ Dann sei es auch so, dass die ärmeren Menschen in Madagaskar meist in einfach Hütten auf Bambusböden schlafen. „Für die war es eine Riesenumstellung, in ein normales Bett zu steigen – weil sie das gar nicht kannten“, schildert Benzinger. Viele Patienten mussten vor der OP auch erst mal aufgepäppelt werden, damit sie überhaupt genug Gewicht auf die Waage bringen, um den Eingriff sicher zu überstehen.

Der zweite Arbeitseinsatz ist ins Auge gefasst

All dieses Leid steht laut Markus Benzinger im totalen Kontrast zur paradiesischen Landschaft von Madagaskar. An den Wochenenden hatte er Zeit, auch Land und Leute kennenzulernen. „Das Land ist natürlich sehr exotisch – schöne Strände, Lemuren, Chamäleons, tolle Blumen.“ Aber gleichzeitig eben auch wenig Ressourcen.

Markus Benzinger hat seine Zeit in Madagaskar sehr geprägt. So sehr, dass er gerne noch mal auf die African Mercy zurückkommen würde. „Wenn es die Gesundheit zulässt, dann mache ich das auch noch mal“, sagt er. „Kaum etwas ist so wichtig, wie Menschen zu helfen, die ohne solche OPs keine Chance hätten.“ Bis es so weit ist, will der leidenschaftliche Krankenpfleger aber erst mal weiter im Uni-Klinikum Tübingen arbeitet – und das, obwohl er längst in Rente sein könnte.

Zwei Hospitalschiffe für die Welt

Schwesterschiff
Die Africa Mercy ist seit 2007 an der Küste Afrikas im Einsatz.

Spenden
Mercy Ships wird ausschließlich durch Spenden finanziert. Über Spendenmöglichkeiten kann man sich auf folgender Website informieren: https://www.mercyships.de/spenden/

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