Krankenstand in Stuttgart Frauen sind häufiger psychisch krank

Überlastet: Frauen tragen in der Familie oft die Hauptlast. Foto: Adobe Stock/lassedesignen

Der Anteil der Fehltage durch psychische Erkrankungen von Beschäftigten wächst. Stark betroffen davon sind Frauen. Die leiden unter ihrer Doppelrolle – wenn sie dabei nicht unterstützt werden.

Familie/Bildung/Soziales: Mathias Bury (ury)

Stuttgart - Zuerst die gute Nachricht: Der Krankenstand bei den Versicherten der AOK Stuttgart-Böblingen lag im vergangenen Jahr unverändert bei 4,9 Prozent und damit erneut unter dem Landesschnitt von 5,2 Prozent. Die meisten Ausfalltage entstanden auch 2018 durch körperliche Leiden wie Rückenprobleme oder Atemwegserkrankungen. Aufhorchen allerdings lässt die Entwicklung bei den psychischen Erkrankungen, deren Fallzahlen inzwischen bei 5,2 Prozent liegen. Nimmt man als Maßstab die Gesamtheit der Fehltage, ist der Anteil von psychischen Störungen wie Burn-out oder Depression bei der hiesigen AOK von 11,9 auf 12,3 Prozent gestiegen.

 

Warum gibt es diese Entwicklung seit geraumer Zeit? Die AOK nennt als einen der Faktoren „die Doppelbelastung zwischen Beruf und Familie“, so Pressesprecherin Elisabeth Schöndorf. Aufseiten der Arbeit sei dies „insbesondere die gestiegene psychosoziale Belastung“. Also hohe Anforderungen mit wachsendem Druck und Stress im Job. Grundlage der Auswertung seien die Fehltage der 210 000 AOK-Versicherten in Stuttgarter Betrieben.

Mehr Stress auch in der Familie

Aber nicht nur bei der Arbeit, auch in der Familie ist der Stress zumindest punktuell offenbar gestiegen. Das legt eine Befragung des AOK-Bundesverbands bei knapp 4900 Eltern im ganzen Bundesgebiet im vergangenen Jahr nahe. So seien zwar drei Viertel der Befragten mit ihrem Gesundheitszustand zwar zufrieden oder sehr zufrieden. Väter (82 Prozent) allerdings mehr als Mütter (73 Prozent), Familien mit höherem Bildungsabschluss mehr als mit geringerem (69 Prozent), und Paare mehr als Alleinerziehende (von denen sich 43 Prozent stark bis sehr stark belastet fühlen).

Durchweg klagen viele Familien über gravierende Zeitknappheit (40 Prozent), besonders Eltern mit einem Hochschulabschluss (42 Prozent), geringer ist dieses Problem bei Eltern mit einem Hauptschulabschluss (35 Prozent). Während im Vergleich zur AOK-Umfrage von 2014 die Geldsorgen von Familien offenbar leicht geringer geworden sind (von 28 auf 27 Prozent der Befragten), ist der Anteil der Eltern mit psychischen Belastungen von 25 auf 27 Prozent gestiegen. Bei Alleinerziehenden liegt dieser Wert sogar bei einem Drittel der Befragten.

Keine Zeit für sich selbst

Besonders betroffen von dieser Entwicklung sind die Frauen. „Die Anforderungen an die heutigen Mütter sind enorm gestiegen“, sagt Susanne Steigüber, die Leiterin Sozialer Dienst bei der AOK Stuttgart-Böblingen. Viele Frauen wollten noch dem traditionellen Bild der Mutter gerecht werden, aber auch berufliche Ziele verwirklichen. Nicht wenige Frauen müssten aus finanziellen Gründen arbeiten. Dennoch müssten diese etwa zwei Drittel aller Krankheitsepisoden in der Familie und vier Fünftel aller Pflegeleistungen bewältigen. Steigüber: „Allen diesen Frauen ist eines gemeinsam: Es fehlt ihnen Zeit für sich selbst.“

Dass chronische Belastungen das Risiko erhöhen, etwa an Depressionen zu erkranken, ist durch Studien belegt. Insgesamt hat die Zahl der AOK-Versicherten in Stuttgart, die wegen einer Depression von einem Arzt behandelt wurden, denn auch merklich zugenommen. 2017 waren es 24 692 Fälle, 11 Prozent mehr als 2014. Auch wenn man weiß, dass Frauen, die an einer psychischen Erkrankung leiden, viel eher zum Arzt gehen als Männer, ist doch auffallend: Unter allen Betroffenen waren 16 033 Frauen – das sind knapp 65 Prozent. Eine ähnliche Entwicklung zeigen die Eltern-Kind-Kuren. „Wir verzeichnen in den letzten fünf Jahren eine Steigerung von jährlich drei Prozent“, sagt Jutta Haag, Leiterin Rehabilitation bei der AOK. 2018 wurden bei der hiesigen AOK 440 solcher Kuren genehmigt. Auch wenn der Männeranteil in den vergangenen Jahren leicht gestiegen ist: 90 Prozent der Kuren wurden von Frauen beantragt.

Mehr Zufriedenheit durch den Beruf

Diese Entwicklung vor allem auf die zunehmende Berufstätigkeit von Müttern zurückzuführen, greift aber zu kurz. In dem Fachjournal Neurologie, Neurochirurgie und Psychiatrie schreibt die Sozialforscherin Anne Maria Möller-Leimkühler, nach bisherigen Studien seien vor allem Frauen zwischen 25 und 45 Jahren mit mehreren Kindern, geringer Schulbildung, geringem Status und erwerbslos „stark gefährdet, Depressionen zu entwickeln“, besonders Alleinerziehende. Für erwerbstätige Mütter sei die Arbeit hingegen ein „Protektivfaktor“, also ein Schutzfaktor, gegen eine psychische Erkrankung. Die Mehrfachbelastung von Frauen wirke sich „nicht zwangsläufig negativ aus“, wie oft angenommen, sondern führe oft zu höherer Lebenszufriedenheit.

Anders sei dies laut Möller-Leimkühler allerdings, wenn am Arbeitsplatz bei hoher Beanspruchung keine Rücksicht auf die Situation der Mutter genommen werde. Und wenn „der Partner eine kritische Einstellung zur Erwerbstätigkeit der Frau hat und dessen mangelndes Engagement bei der Kinderbetreuung die gesundheitsförderlichen Effekte der Erwerbstätigkeit konterkarieren“. Die jüngste Befragung des AOK-Bundesverbandes ergab jedenfalls ein Anwachsen von Beziehungsproblemen in Familien mit Kindern. 20 Prozent der Befragten erklärten, er oder sie habe Stress mit dem Partner. 2014 waren es nur 14 Prozent.

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