Krankheitsfälle im Kreis Göppingen Nicht jeder Zappelphilipp hat ADHS

Kann ein Kind beim Vorlesen (Symboldbild) konzentriert zuhören? Wenn nicht, kann das eines der Anzeichen für ADHS sein. Foto: dpa-mag

Die Zahl der ADHS-Fälle im Kreis Göppingen steigt kontinuierlich. Eine Heilung  ist nicht möglich, wohl aber lassen sich die Symptome mit einer Therapie abschwächen. Die Diagnose des Krankheitsbilds ist Experten zufolge schwierig.

ADHS ist „ein heißes Thema“. So drückt sich Ergotherapeut Simon Stöhrer aus, der in Deggingen und Böhmenkirch jeweils eine Ergotherapie-Praxis betreibt. Was für seine These sprechen könnte, ist die Zurückhaltung mehrerer Kinderärzte auf Fragen unserer Zeitung zu Diagnose und Therapie dieser neurobiologischen Erkrankung. Auch die Tatsache, dass Stöhrers Schätzung nach mindestens doppelt so viele Eltern davon überzeugt sind, dass ihr Kind an ADHS leidet, als es entsprechende Diagnosen gibt, kann davon zeugen, wie schwierig dieses Krankheitsbild zu diagnostizieren ist.

 

Eine bei Kindern und Jugendlichen häufige Auffälligkeit

Hinter ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung) verbirgt sich laut der Homepage des Bundesgesundheitsministeriums eine der häufigsten psychischen Auffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen. Charakteristisch für ADHS sind drei Hauptsymptome: Hyperaktivität (übersteigerter Bewegungsdrang), Unaufmerksamkeit (gestörte Konzentrationsfähigkeit) und Impulsivität (unüberlegtes Handeln). Dabei können die einzelnen Symptome unterschiedlich stark ausgeprägt sein und müssen nicht gleichzeitig auftreten.

Das und die Schwierigkeit der Abgrenzung zu anderen Arten von Verhaltensauffälligkeiten macht die Diagnose so schwierig. Wie auf der Homepage des Bundesgesundheitsministeriums weiter ausgeführt wird, „leidet nicht jedes unruhige oder unaufmerksame Kind gleich unter ADHS“. Deshalb, das betont das Gesundheitsministerium, kann ein erfahrener Arzt oder Psychotherapeut diese Diagnose nur nach einer differenzierten und umfassenden Untersuchung feststellen. Die Auffälligkeiten bei den betroffenen Kindern müssen über mindestens sechs Monate auftreten – und zwar nicht nur zu Hause, sondern auch in anderen Lebensbereichen wie Schule oder in der Freizeit.

Eine Therapie kann die Symptome reduzieren

Heilbar ist die Krankheit nicht, wie Simon Stöhrer betont. Mit unterschiedlichen Therapien ließen sich jedoch die Symptome oft reduzieren. Da er sowohl Kinder behandelt, die ein Attest vom Arzt haben, als auch Kinder, deren Eltern wegen ihrer Symptomatik einfach nur beunruhigt sind, führt auch er im Vorfeld Gespräche mit externen Bezugspersonen der Kinder wie etwa Lehrerinnen und Lehrern, Erzieherinnen und Erziehern. „Der Blick von anderen auf die Kinder ist oft ein anderer als der Blick der Eltern“, hat er in seiner Praxis festgestellt.

Dass es sehr unterschiedliche Therapien gibt, die viele der ADHS-Symptome wie etwa Konzentrationsprobleme oder Schusseligkeit abschwächen, weiß auch Susanne Weis, Heilpraktikerin für Psychotherapie in Gingen, aus Erfahrung. Sie behandelt ADHS-Kinder mit kinesiologischer Reflextherapie und hat von Eltern nach eigenen Angaben häufig eine positive Rückmeldung erhalten.

Informationen zu ADHS für Eltern und Pädagogen

Nicht ohne Grund werden laut Petra Schneppe, Pressesprecherin bei der AOK Bezirk Neckar-Fils, bei der Therapie von ADHS unterschiedliche Maßnahmen miteinander kombiniert, „um die Symptomatik möglichst umfassend und dauerhaft zu verbessern“. Aus der Sicht der Krankenkasse können dazu je nach Schwere und Art der Krankheit eine ambulante Psychotherapie gehören, psychosoziale und pädagogische Maßnahmen, Ergotherapie und „wenn notwendig“ eine medikamentöse Behandlung. Dabei dürfen die Arzneimittel mit dem Wirkstoff „Methylphenidathydrochlorid“, wie etwa in „Ritalin“ oder „Concerta“, frühestens bei Kindern ab sechs Jahren angewendet werden und nur von einem Spezialisten für Verhaltensstörungen bei Kindern verordnet werden. Sie dürfen auch nur unter dessen Aufsicht angewendet werden, ihr Einsatz muss dokumentiert werden.

Auf der Homepage des Gesundheitsministeriums wird auf die Homepage www.adhs.info verwiesen, auf der Informationen abgestimmt auf die Zielgruppen Kinder, Jugendliche, Erwachsene, Pädagogen und Eltern geboten werden. Petra Schneppe macht auf die AOK-Seite „adhs-elterntrainer.de“ aufmerksam, die für jeden frei zugänglich ist.

Immer mehr Kinder sind betroffen

Fälle
 Die Zahl der diagnostizierten ADHS-Fälle steigt seit 2016 im ganzen Land kontinuierlich an, wie Petra Schneppe von der AOK-Gesundheitskasse Neckar-Fils mitteilt. Im Landkreis Göppingen gab es im Jahr 2016 bei der AOK 508 diagnostizierte ADHS-Fälle, im Jahr 2020 waren es 688 Fälle. Betroffen sind fast dreimal so viel Jungen wie Mädchen. Am höchsten ist der Ausschlag in den Grafiken bei Zehn- bis Vierzehnjährigen.

Fortbildung
Wie Ralf Güntner vom Staatlichen Schulamt Göppingen ausführt, können sich Lehrkräfte an das Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung (ZSL) Baden-Württemberg wenden, wenn sie Fragen wegen ADHS-Schülern haben. Dort gebe es Fortbildungsangebote sowie einen Experten, der Lehrkräfte zu diesem Thema speziell berate. Dessen Kontaktdaten seien auf der Homepage des Staatlichen Schulamts unter dem Stichwort „Unterstützung und Beratung“ zu finden. Weitere Hilfsangebote gebe es darüber hinaus beim Sonderpädagogischen Dienst.

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