Pocken in der Familie Hahn
Noch im 18. Jahrhundert hatten die Pocken die schlimmste Seuche im Lande dargestellt. In Württemberg wüteten sie besonders Ende der 18. Jahrhunderts. Allein 1796 starben in Stuttgart 268 Einwohner an ihnen. Auch Echterdingen war in den beiden letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts von den Pocken betroffen. Belege dafür finden sich in den Tagebüchern des berühmten Mechaniker-Pfarrers Philipp Matthäus Hahn (1739-1790).
Insbesondere das Leben von Hahns Kindern war durch die Pocken gefährdet. Von insgesamt neun Kindern aus erster und zweiter Ehe machten sieben die Pocken durch. Bereits 1775 – noch in der Kornwestheimer Zeit Hahns – erkrankten der sechsjährige Christian, der vierjährige Gottlieb, der achtjährige Christoph, der zweijährige Immanuel sowie ein in jenem Jahr Neugeborenes. Alle überlebten und waren damit immun. Zehn Jahre später traf es dann in Echterdingen Hahns zehnjährige Tochter Christiane, 1789 erkrankte außerdem der vierjährige Philipp Matthäus II. Auch sie überlebten. Im Falle Christianes lag dies wohl am wenigsten daran, dass ihr Vater, der gern Selbstmedikation betrieb und ungern Ärzte konsultierte, sie therapierte. Hahn behandelte sie mit Wein, um die Pocken durch Hitzetherapie hervortreten zu lassen. Dieser Art der Behandlung hat sie wohl den ersten Rausch ihres Lebens zu verdanken.
Frühe Pockenschutzimpfung
Die erste bisher bekannte Pockenschutzimpfung verlief unglücklich. Sie wurde vom Echterdinger Chirurgen Johann Kostenbader 1803 an der fünfjährigen Friederike Stollsteimer-Dieterle vorgenommen. Das Mädchen starb „an den Blattern, nachdem ihm ¼ Jahr vorher die Kuhpocken eingeimptet (=eingeimpft) worden (waren)…“, wie aus dem betreffenden Echterdinger Kirchenbuch (Totenbuch) hervorgeht. Bis zu diesem Zeitpunkt waren in Württemberg bereits 6000 bis 7000 Impfungen vorgenommen worden.
Für Echterdingen überliefert sind außerdem zwei weitere Todesfälle in Verbindung mit von Kostenbader vorgenommenen Impfungen. Am 2. Dezember 1806 starb im Alter von knapp zwei Jahren Christof Grüb, ein Bauernsohn, „an den Blattern, dem die Kuhpocken vor 1 1/2 Jahren eingeimptet gewesen“. Wenig später, am 21. Januar 1807, starb die fast gleichalterige Katharine Kirschenbaum, Tochter des Schäfers Michael Kirschenbaum, ebenfalls „an den Blattern. Es seynd ihr vor einem Jar die Kuh-Pocken eingeimptet worden von dem hießigen Cirurgo Kostenbader . . .“
Aus den Todesfällen zu schließen, dass die frühen Pockenschutzimpfungen in Echterdingen generell ein Fehlschlag gewesen wären, wäre zu kurz gegriffen. Denn es liegen keine Zahlen darüber vor, wie viel Kinder Johannes Kostenbader tatsächlich geimpft und damit möglicherweise vor der Krankheit bewahrt hat. Es scheint, dass die Impfungen an den drei verstorbenen Kindern – aus welchen Gründen auch immer – nicht wirkten und sie sich so mit den gefährlichen Pocken infizieren konnten. Diese Fälle gab es in Württemberg, insbesondere nach der Epidemie der Jahre 1814 bis 1817.
Die Vakzination
Obwohl die ersten Impfungen in Echterdingen nicht gut verliefen, war die Schutzimpfung mit dem Kuhpockenvirus (Vakzination; von lat. vacca = Kuh) eine neue Methode der Immunisierung. Sie galt als fortschrittlich und sicher, das heißt für den Menschen ungefährlich. Eingeführt wurde sie vom britischen Arzt Edward Jenner (1749-1843). Er impfte mit einem Sekret, das er aus der Kuhpockenpustel einer erkrankten Magd entnommen hatte. Nach 1800 verbreitete sich die Vakzination rasch. In Stuttgart nahm der damals bekannte Leibarzt August Christian Reuß 1801 die ersten Impfungen mit Kuhpocken vor. Sie wurden vom württembergischen Staat nachdrücklich empfohlen. Im Land ging so bereits im ersten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts die Zahl der Pockentoten erheblich zurück. In Zürich hatte die Vakzination mit Johann Caspar Lavater einen prominenten Befürworter.
Widerstand gegen die Schutzimpfung
Wie stand es um die Akzeptanz der Impfungen in Echterdingen? Die drei Echterdinger Todesfälle haben sicher nicht dazu beigetragen. Allem Anschein nach gab es erheblichen Widerstand in der stark traditionell ausgerichteten, von der Landwirtschaft geprägten Gemeinde. In der Ausgabe der Württembergischen Jahrbüchern für vaterländische Geschichte, Geographie, Statistik und Topographie des Jahres 1828 heißt es: „Die Menschenpocken zeigten sich auch in diesem Jahr wieder an verschiedenen Orten, hauptsächlich zu Echterdingen, Oberamts Stuttgart, wo die Impfung immer am meisten Widerstand fand, und wo die Zahl der Pockenkranken auf 33 und die der an der Krankheit Gestorbenen auf 6 sich belief. Im ganzen Königreich erkrankten an den Pocken 82 und starben 10. In allen diesen Orten wurde die Weiterverbreitung der Krankheit durch Sperranstalten und schleunige Vaccination der ansteckungsfähigen Personen verhindert.“ Wenn es mit den genannten Zahlen seine Richtigkeit hat, war Echterdingen 1828 die Gemeinde in Württemberg, die von den Pocken am meisten betroffen war. Dies war wohl die Kehrseite des Widerstands. Zwangsimpfungen dürften die Folge gewesen sein beziehungsweise auch in Echterdingen verstärkt durchgesetzt worden sein. Die Grundlage stellte das württembergische Impfgesetz vom 25. Juni 1818 dar, mit dem die Impfpflicht eingeführt wurde.
Heute gelten die Pocken weltweit als ausgerottet – von der weitaus weniger gefährlichen Kinderkrankheit „Windpocken“ einmal abgesehen.