Die SPD hat die Bayern-Wahl nicht wegen des Streits in der Union verloren. Ihr ist die eigene Klientel aus dem Blick geraten, meint unsere Kolumnistin Sibylle Krause-Burger.

Stuttgart - Kleine Männer können gefährlich sein. Man denke nur an Napoleon oder, aktueller, an Putin. Sie wollen nicht bleiben, was sie sind, sondern groß und stark und mächtig wirken – allen moderneren Sichtweisen zum Trotz. Das Machotum hält sich, leider, und also streckt man sich. Mental, verbal, Risiken in Kauf nehmend, Gift verspritzend. Natürlich gibt es tausend und abertausend Ausnahmen, Begabte und weniger Begabte, die ganz ohne körperliche Überlänge gut durchs Leben kommen, ja sogar zu Weltruhm gelangen. Aber die anderen gibt es eben auch. Kevin Kühnert, der Juso-Vorsitzende, ist so einer. Er ist nicht groß, aber ein Bedeutungshuber von Graden ist er gewiss, mit einer ziemlichen Klappe und hinter sich nicht sehr viel mehr als die Jusos und einen respektablen Teil der guten, alten lernunwilligen SPD.

 

Denn er predigt, was sie hören wollen, das Mantra der Opposition, das Nein zur Groko, das viele Genossen für die Rettung vor dem Untergang als Volkspartei halten und den teilweisen Rückzug von Gerhard Schröders Agenda. Und weil er so wichtigtuerisch gegen die eigene Führung anstänkern kann – was bei uns sensationsgeneigten Journalisten immer zieht, weshalb wir auch ein bisschen schuldig sind –, sehen wir ihn allzu häufig auf dem Bildschirm und hören seine Vorwürfe, reproduzieren sie sogar, als handle es sich bei diesem Unerfahrenen um einen jungen Erretter aus allerhöchster Not, gleichsam um den heiligen Sozialdemokratus höchstselbst. Das ist er aber nun gar nicht, sondern ganz im Gegenteil ein Nagel am Sarg der guten alten Tante SPD, der Deutschland so viel zu verdanken hat. Von dieser Sorte gab es schon viele.

So erinnere ich mich an Bahnfahrten von Stuttgart nach Bonn zur Regierungszeit von Helmut Schmidt, dem tüchtigsten Kanzler, den die Partei je hatte. Mit mir saßen die jungen Herren vom sogenannten Tübinger Kreis im Abteil und hatten von Stuttgart bis zur kleinen Hauptstadt am Rhein – dreieinhalb Stunden lang – kein anderes Thema als die unglaublichen sozialen und politischen Verfehlungen ihres eigenen Kanzlers. Ich traute meinen Ohren nicht. Der Bundeskanzler war ihr Gegner, nicht Helmut Kohl, der dann – kein Wunder bei dieser unehrenhaften Schmidt-Gefolgschaft – 16 Jahre lang regieren durfte.

Auch Helmut Schmidt und Gerhard Schröder waren nicht groß gewachsen

Nun war auch Helmut Schmidt kein großer Mann. Und Gerhard Schröder ist auch nicht gerade ein Riese. Aber beide sind über außerordentliche Leistungen zu den wichtigsten Ämtern in der Sozialdemokratie und schließlich bis zu Kanzlerwürden aufgestiegen. Sie waren groß als Charakter und mussten sich nicht größer machen. Dafür hat ihre wunderbare Partei sie kleingekriegt und damit die eigene Macht verloren gegeben. Im Niedermachen ihrer besten Leute ist die SPD unübertroffen. Und immer ging und geht es darum, die Reinheit des SPD-Glaubens, der SPD-Geschichte, der SPD-Tradition, der SPD-Werte, des angeblichen Markenkerns der SPD gegen die ketzerische Wirklichkeit und einen vernünftigen Umgang mit ihr zu verteidigen. Der Ur-Sozialdemokrat will einfach gut sein. Wahnsinnig gut. Gut an sich. Gut in sich. Gut durch sich. Gut für sich. Gut für den Rest der Welt. Es fühlt sich ja auch so schön an, immer auf der richtigen Seite zu sein. Das genügt. Da können auch die Folgen nur Segen bringen. Oder?

Allerdings lässt sich dieser Gefühlssozialismus beim Regieren nicht ganz so einfach durchhalten wie in der Opposition, wo man nichts zu verantworten und nur eine Menge zu fordern hat. Weshalb der Abscheu vor der Macht – trotz des Vernunftwortes von Franz Müntefering, dass Opposition Mist sei – in der Sozialdemokratie sehr populär ist. Für diese wohlfeile Haltung hat die Partei in ihrer Geschichte viel geopfert – nicht nur ihr bestes Personal. Sie hat Spaltungen hinnehmen müssen, Niederlagen eingefahren. Wie jetzt in Bayern. Die SPD reißt mit ihrem bleischweren Traditionshintern allemal wieder ein, was ihre klugen Köpfe erkannt und durchgesetzt haben.

Die SPD hat die Probleme mit der Flüchtlingspolitik nicht aufgegriffen

Nehmen wir nur Gerhard Schröders Reformwerk, die Agenda 2010, eine unglaublich mutige, befreiende Tat, von der die Bundesrepublik – und mit ihr die Union samt ihrer Kanzlerin – bis heute profitieren. Das schraubt die Partei nun Stück für Stück zurück, während Macron sich ein Beispiel nimmt. Die SPD glaubt, die Vernachlässigung ihrer ideologischen Reinheit sei der Grund für den Abstieg bei den jüngsten Wahlen. Sie müsse nur zurück zu den Wurzeln und – heile, heile Segen – wird alles wieder gut. Aber das stimmt nicht.

Viel naheliegender ist: Die SPD hat ihre eigene Klientel aus den Augen verloren. Sie hat vor lauter Weltengüte die Probleme mit der Flüchtlingspolitik, von der ihre vorzüglichen Kommunalpolitiker kenntnisreich künden, nicht aufgegriffen; sie hat sogar mit dem Beharren auf dem Familiennachzug die eigenen Leute vor den Kopf gestoßen. Aber warum? Das ist doch das Feld der Grünen. Da gab es für Sozialdemokraten außer Rechthaberei nichts zu holen.

Nun also neun Komma sieben Prozent in Bayern. Ist es ein Wunder, wenn auch ein unbedarfter Milchbart den Einpeitscher geben darf?