Kreativität Wenn der Bioeimer zum Technikprojekt wird

Von age 

Ein Workshop in Stuttgart zeigt, wie der Innovationsgeist der digitalen Welt das Erfinden leichter macht. Selbst ein Mülleimer kann dabei zum komplexen technologischen Projekt mutieren.

Matthias Riedel   (links) arbeitet an einem Sprachtelegrafen, während der 3-D-Drucker für eine andere Gruppe ein Brillenmodell produziert. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Matthias Riedel (links) arbeitet an einem Sprachtelegrafen, während der 3-D-Drucker für eine andere Gruppe ein Brillenmodell produziert. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Stuttgart - „Anti-Ekel-Mülleimer“ – das klingt schon einmal gut. Denn Ekel-Geschichten mit Biomüll kann jeder erzählen. Es riecht, es tropft – und am liebsten würde man das ganze Elend überhaupt nicht anfassen. Als das Team aus vier jungen Frauen im Stuttgarter Theaterhaus seine Innovationsidee präsentiert, sind die etwa drei Dutzend Mit-Macher des ersten Stuttgarter „Macherthons“ begeistert. „Mein Wunsch wäre, dass da Schimmel gleich verhindert wird. Und Fruchtfliegen!“, sagt ein Teilnehmer. „Und dass man den Eimer nicht immer so siffig von Hand auswaschen muss“, sagt ein anderer. Nichts einfacher als das. Oder? Über die Marathondistanz von 42 Stunden ist nun für diverse Teams Zeit, zwischen Flipcharts, Werkzeugen und 3-D-Druckern auch noch ein paar andere Alltagsprobleme zu lösen.

Der „Macherthon“ lehnt sich an den in der Computerszene geläufigen „Hackathon“ an – das sind Events, bei denen zufällig zusammengewürfelte Teams in Marathonsitzungen über ein Wochenende hinweg kreative Ideen in Software verwandeln. Der Workshop will die Lektionen aus der digitalen Sphäre in die Welt der Dinge übertragen. Dank moderner 3-D-Drucker lässt sich nämlich heute selbst die verrückteste Idee in ein Objekt zum Anfassen verwandeln. Doch auch Holz, Pappe, Legosteine, Knetbälle oder Metallstangen stehen den „Machern“ zur Verfügung. Wenn am Ende eine Geschäftsidee herauskommt, ist es gut – ansonsten reicht es, die Kreativität ausgetestet zu haben. Handwerklich und technisch erfahrene Betreuer helfen bei Problemen weiter.

Zu viele Probleme auf einmal

Doch wer hätte gedacht, dass ein Mülleimer zum komplexen technologischen Projekt mutieren kann? Grübelnd sitzt die Arbeitsgruppe noch Stunden nach dem Start bei der Internetrecherche vor ihren aufgeklappten Laptops und kommt nicht recht weiter. „Ich hätte nie gedacht, dass es so viele verschiedene Mülleimer gibt“, sagt Miriam Aiple, die an der Hochschule der Medien in Stuttgart Verlagswesen und Medienmanagement studiert, beim Blick auf eine Fotogalerie im Internet. Zwischen Fruchtfliegenfallen, geruchshemmenden Aktivkohlefiltern und raffinierten Verschlussmechanismen droht der Eimer zur eierlegenden Biomüll-Wollmilchsau zu mutieren. Da hilft dann auch die kleine Skizze eines der Betreuer nicht weiter. Mit Hilfe eines Metallstreifens will er demonstrieren, wie man einen Schließmechanismus hinbekommen könnte. „Mir wird das Ganze allmählich zu kompliziert. Ich habe nicht das Gefühl, dass wir zu einem Prototyp kommen, “ sagt Miriam Reihl, die an der Hochschule für Technik in Stuttgart Innenarchitektur studiert. „Ich glaube, wir wollen zu viele Probleme auf einmal lösen“, sagt ihre Studienkollegin Kerstin Reyer.

Doch um genau solche Aha-Erlebnisse geht es den Freiburger Veranstaltern, die in Stuttgart von der MFG Innovationsagentur des Landes Baden-Württemberg und dem Innovationsfonds CCalps der Europäischen Union gefördert wurden. Wie entstehen Ideen, die zu neuen Produkten und am Ende womöglich zu einer Unternehmensgründung führen? Die Digitalisierung hat Innovationen revolutioniert. Der technische Aufwand für eine neue App ist gering. Jeder kann im Rennen um die beste Idee mitspielen. Nun erlauben es neue Technologien wie der 3-D-Druck, dieses Tempo und diese Flexibilität auch auf reale Gegenstände auszuweiten. Privatleute können heute Prototypen und Kleinserien so preisgünstig und kreativ herstellen wie nie zuvor. Das schafft Raum für nie geahnte Produktideen – und für Gründer. „Wir wollen Leute mit der Start-up-Idee in Verbindung bringen, die sich das nie vorstellen konnten“, sagt der Machathon-Initiator Daniel Heitz, der in Freiburg eine Web-Agentur betreibt. „Zeigt anderen, was ihr macht – und schämt euch nicht dafür“, sagt der Mitorganisator Daniel Theuerkaufer.

Ältere Generation als Zielgruppe

Eine Prise kreativer Wahnsinn gehört dazu. Daher beginnt der Macher-Dauerlauf damit, die Angst vor verrückten Ideen zu verlieren. Die Teilnehmer, die von deutschen und chinesischen Studenten bis zu gestandenen Ingenieuren reichen, schütten binnen Minuten ein kreatives Füllhorn aus. Sie reichen vom Mundeinsatz fürs sekundenschnelle Zähneputzen, einem Kochlöffel mit eingebautem Thermometer, einem Schulterklopfstuhl über einen Bierkasten-Trolley bis zu Sportschuhen mit Batterieladefunktion. Am Ende bleiben neun lebensnahe Konzepte übrig.

Im Gegensatz zu hippen Digitalevents kommt bei den „Machern“ auch die ältere Generation als Zielgruppe in den Blick. Matthias Riedel, der als Ingenieur zwanzig Jahre in Forschung und Entwicklung gearbeitet hat, will ein Gerät bauen, mit dem sich mit einem einfachen Knopfdruck eine Sprachnachricht an Verwandte oder Bekannte absetzen lässt. „Junge Leute entwickeln nur für junge Leute“, sagt er – und hofft dass er ältere Menschen in der Region Stuttgart zu einem Testlauf gewinnen kann. Ein anderer Teilnehmer plant eine Medikamentenbox, die übers Internet auch Verwandte oder Betreuer informiert, ob die Tabletten genommen wurden.

Einfach ausprobieren, lautet die Devise

Michael Heine, der als Mitarbeiter im Verwaltungsbereich eines Unternehmens ein wenig die Aufgabe zum Anfassen vermisst, schafft es sogar bis zur ersten Testfahrt. Der Triathlet ärgert sich darüber, dass beim Radfahren der Körper zwar tief nach unten gebeugt wird, man aber mit verkrampftem Nacken gleichzeitig nach vorn auf die Straße blicken muss. Mit Geduld, Klebeband, ein paar Schrauben, einer Ablage aus Plexiglas, einer Kamera und einem Smartphone entsteht in ein paar Stunden ein innovatives System, bei dem der Radfahrer mit gesenktem Kopf auf einen Monitor blicken kann, der ihm die Straße zeigt. Vier Sekunden Zeitverzögerung auf dem Übertragungsweg zwischen Kamera und provisorisch montiertem Display machen die erste Testfahrt auf dem Parkplatz zu einer haarigen Angelegenheit. Aber ein mit Gummibändern angeschnalltes Smartphone erlaubt dann den Test in Echtzeit.

Genau das ist die Philosophie, die den Teilnehmern in den zweieinhalb Tagen eingehämmert wird: Einfach machen, die Dinge mit wenig Aufwand ausprobieren und dann anhand der Erfahrungen das Produkt verbessern. „Ich weiß jetzt, dass es grundsätzlich funktioniert und man beim Fahren dem Monitor vertraut,“ sagt Heine. Der Laie in Sachen Elektronik hat von den Betreuern viel gelernt über neueste Kameratechnik, Bildgeschwindigkeiten und Übertragungsmethoden. Er will bei seinem Projekt, das er Cyclevision nennen will, am Ball bleiben und nun nach den auf dem Markt verfügbaren Komponenten suchen. „Ich trage mich schon länger mit dem Gedanken, in die Selbstständigkeit zu gehen“, sagt der gelernte Ingenieur für Metallurgie.

Der Biomüll-Truppe hat dann doch einer Einkaufstour neuen Schwung verschafft. Mit echten Bauteilen wird aus der Idee ein greifbares Modell. „Man muss erst begreifen, dass ein Prototyp nicht perfekt sein muss“, sagt die Studentin Aiple. Eine Windel simuliert fürs Erste die Entwässerung. Ein Schlauch wird zum Essigbehälter, um die Fruchtfliegen zu neutralisieren – und schwarze Farbe aus der Sprühdose verleiht dem orangenen Eimer sogar Stil. Fertig ist der „Biobin“ zur Präsentation. „Uns hat der Baumarkt gerettet“, sagt Aiple. Machen ist eben besser als alle Theorie.